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Schmähschriften, Schmierereien, Grabschändungen – deutlicher Anstieg antisemitischer Straftaten

Sorge über Zunahme an Judenhass

HAMELN. Wenn es um das Vorkommen von Antisemitismus geht, dann bildet Hameln keine Ausnahme. Auch in der Rattenfängerstadt gibt es Menschen, die 72 Jahre nach dem Holocaust antisemitisches Gedankengut pflegen und sich offen judenfeindlich äußern.

veröffentlicht am 26.04.2017 um 16:47 Uhr
aktualisiert am 27.04.2017 um 13:40 Uhr

Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in der Bürenstraße werden von anonymen Absendern in Briefen und E-Mails antisemitisch angefeindet. Foto: Dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Wie aus dem jüngsten Antisemitismus-Bericht des Bundestags hervorgeht, fürchten Juden in Deutschland eine Zunahme an Antisemitismus (wir berichteten). Auch die beiden jüdischen Gemeinden in Hameln sind über diese Entwicklung besorgt.

Große Verbreitung finden antisemitische Inhalte heutzutage im Internet. Dort ist etwa zu lesen: Die „Stolpersteine“, die an die Hamelner Juden erinnern, die von den Nazis ermordet wurden, sollten dazu dienen, sich die Schuhe zu säubern; Grund für den Syrien-Krieg seien Wirtschaftsinteressen der Familie Rothschild; Juden würden etliche Markenfirmen besitzen oder zumindest an ihnen mitverdienen; der Papst unterstehe der vermeintlich „jüdischen“ Unternehmerfamilie Rockefeller; Bundeskanzlerin Angela Merkel stecke mit „jüdischen Freimaurern“ unter einer Decke und Adolf Hitler hätte alle Juden ermorden sollen. Es sind Hamelner, meist islamischen Glaubens, die diese und andere antisemitische Äußerungen auf Facebook von sich gegeben haben.

Irina Pirogova kennt derartige Äußerungen. Weniger als Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde in Hameln-Pyrmont denn durch ihre Arbeit als sozialpädagogische Familienhelferin in der Region. Dort bekomme sie antisemitisches Gedankengut regelmäßig zu hören. Von Deutschen, sagt sie, aber verstärkt von Menschen mit Wurzeln im Nahen Osten. Da Pirogovas Religionszugehörigkeit während ihrer Arbeit kein Thema sei, erzählten ihre Klienten einfach drauf los. „Bei bestimmten Themen sind sie schnell bei der jüdischen Verschwörung“, sagt sie. „Häufig sind es Flüchtlinge, die behaupten, die Juden als angebliche Weltmacht spitzten die Konflikte im Nahen Osten zu, um daran zu verdienen.“ Dies mache sie zwar „traurig und wütend“. In ihrer Position als Sozialpädagogin könne und wolle sie aber „nicht in die Konfrontation gehen“. Pirogova hat den Eindruck, dass diese Leute sich meistens zwar nur oberflächlich mit der Thematik beschäftigt hätten, aber sehr davon überzeugt seien. „Sie beziehen diese Dinge wohl aus Quellen mit großer Autorität“, vermutet Pirogova. Der Antisemitismus-Bericht scheint Pirogovas Eindruck zu bestätigen. Dort heißt es, dass Judenhass zunehmend besonders stark unter muslimischen Jugendlichen und Migranten aus arabischen und nordafrikanischen Ländern verbreitet sei. Gleichwohl sei Rechtsextremismus der politisch bedeutsamste Träger des Antisemitismus.

Rachel Dohme. Foto: pr
  • Rachel Dohme. Foto: pr
Irina Pirogova. Foto: pr
  • Irina Pirogova. Foto: pr

Als Sozialpädagogin arbeitet Irina Pirogova auch mit Schulen eng zusammen. Auch dort trete Antisemitismus zutage. „Vor 15 Jahren kannte ich ,Du Jude!‘ als Schimpfwort auf dem Schulhof noch nicht“, sagt sie. Heute sei das gang und gäbe. Pirogova glaubt, dass Antisemitismus in Wirklichkeit noch stärker verbreitet sei, „als wir vermuten“. Gleichzeitig schätzt sie die Gefahr, die von ihm ausgeht, derzeit als „nicht so hoch“ ein und vertraut auf den Staat. „Der Staat thematisiert es und macht deutlich, hier keinen Antisemitismus zu dulden“, erklärt sie. In ihrer Gemeinde in der Deisterstraße sei Antisemitismus „kein großes Thema“. Austausch darüber finde meist im Rahmen des „Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen“ statt.

Rachel Dohme, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in der Bürenstraße, ist von den Ergebnissen des Antisemitismus-Berichtes „zwar enttäuscht und besorgt – aber nicht überrascht“. Dohme und andere Mitglieder ihrer Gemeinde bekämen selbst „anonyme Briefe und E-Mails“ mit antisemitischen Anfeindungen. „Wenn nötig“, wende sie sich damit an die Polizei, mit der die Gemeinde eine enge Beziehung pflege. Dohmes Konsequenz aus dem Antisemitismus-Bericht: „Wir müssen noch mehr aufklären.“

In der Hamelner Polizeistatistik zeichnet sich eine Zunahme antisemitischer Straftaten ab. Waren es laut Polizeisprecher Jens Petersen 2012 und 2013 noch jeweils zwei Straftaten mit antisemitischem Hintergrund, registrierte der Staatsschutz der Polizei im Jahr 2014 nunmehr sieben und im Jahr 2015 acht Straftaten.

In zwei Fällen habe es sich um Sachbeschädigungen gehandelt. „So wurde eine Gedenktafel eines jüdischen Friedhofes mit roter Farbe besprüht und in einem anderen Sachverhalt das Wort ,Jude‘ mit Farbe auf einen Gehweg gesprüht“, sagt Petersen. In einem Fall von „Störung der Totenruhe“ seien zwei Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof umgestoßen und beschädigt worden.

Neben einer Beleidigung wurden darüber hinaus 14 Fälle von Volksverhetzung bearbeitet. „Es kam mehrfach zu Holocaust-Leugnungen in sozialen Netzwerken“, so der Polizeisprecher. „In einem Fall stellten wir im Rahmen einer Internetrecherche, in anderer Sache einen tatrelevanten Eintrag bei Facebook fest und leiteten ein Strafverfahren gegen eine uns bekannte Person ein.“ In einem weiteren Fall wurde einer jüdische Gemeinde eine „Schmähschrift mit antisemitischen Inhalten“ zugesandt.

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