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Warum vor mehr als 600 Jahren in den damaligen Hudebezirken tiefe Gräben ausgehoben wurden

Sonderbare Wälle und Knicke an der Schnath

Hameln. Wer auf dem Burckhardtweg (benannt nach einem Hamelner Forstamtsleiter; früher auch Totenweg genannt) von der Holtenser Warte in Richtung Wehl geht und nach rechts in den Buchenwald schaut, wird sonderbare Gräben und Wälle aus Lehm sehen. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Laune der Natur, stammt von Menschenhand und ist bereits vor mehr als sechs Jahrhunderten von Hamelnern in jahrelanger harter und mühsamer Arbeit (Hand- und Spanndienste) tief ausgeschachtet und hoch aufgeschichtet worden. Es handelt sich um Landwehrgräben und Wälle, die damals von der Wehrberger Warte bis zur Rohrser Warte reichten und die Grenze des Stadtwaldes markierten. Die Hamelner Landwehr war im Mittelalter überlebenswichtig – sie hielt Viehdiebe, Räuberbanden und andere Eindringlinge fern. Um Nutztiere und Fremde am Überwinden der Wälle zu hindern, wendeten die alten Hamelner einen Trick an. Die Erdwälle wurden zunächst mit Hainbuchen, Feldahorn-Bäumen, Heckenrosen, Weiß- und Schwarzdorn bepflanzt. Deren zum Teil dornige Zweige wurden dann geknickt und miteinander verflochten. So entstand innerhalb kürzester Zeit eine wuchernde und beinahe undurchdringliche hohe Hecke, die nur an den Warten passierbar war. Und noch eine dritte wichtige Funktion hatte die Landwehr: „Sie verhinderte, dass Bauern aus benachbarten Gemeinden, zum Beispiel aus Holtensen, ihre Kühe, Schweine oder Ziegen in den Hamelner Stadtwald trieben. Der Wald und seine Weidegründe waren damals kostbar“, sagt Christian Wiegand vom Büro „Kulturlandschaft und Geschichte“ in Hannover. Der Landschaftsplaner hat vor neun Jahren Meldebögen für Kulturlandschaftsteile im Landkreis Hameln-Pyrmont erstellt. Unter der Nummer 03-252-006-184 ist die sogenannte Holtenser Schnath (Schnath = Grenze) erfasst worden. „Der Höhenunterschied zwischen der Grabensohle und der Wallkrone beträgt rund vier Meter“, sagt Wiegand. Der Experte spricht von einem „sehr alten Relikt“, das er so bewertet: „Die Landwehr hat für die Hamelner Stadtgeschichte eine besondere Bedeutung.“

veröffentlicht am 04.11.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 17:21 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Waldweide und die Brenn- und Bauholznutzung eine gleichrangige Bedeutung. Die Stadtwaldfläche, die laut Forstamtsleiter Ottmar Heise im Mittelalter überweidet, übernutzt und deshalb licht war, hatten die Bewohner – analog zu den Altstadtbezirken – in vier Hudebezirke (das Wort hude kommt von hüten) aufgeteilt. 1375 waren die Arbeiten an der Landwehr abgeschlossen.

Heute ist das Hamelner Landwehrsystem, das oberhalb der Holtenser Warte am besten erhalten ist, ein kulturhistorisches Denkmal. „Die Gräben und Wälle sind schützenswert“, sagt Förster Heise. Deshalb werde der Wald an dieser Stelle auch nicht mehr bewirtschaftet. Die alten Buchen und Eschen bleiben stehen und werden sich selbst überlassen. „Hier entsteht ein Biotopwald, in den wir nur im Notfall, beispielsweise, wenn nach einem Sturm Gefahr für Leib und Leben der Wanderer bestehen würde, eingreifen werden“, sagt der Dipl.-Forstingenieur.

Auf alten Landkarten sind die Flurnamen Schaumburgische Knick, Hamelsche Knick, der Knick am Heinholtze und der Hamelsche Knick am Rohrser Felde eingezeichnet. Hier wurden Zweige geknickt – daher stammt der verbreitete Name Knick. Das außergewöhnlich gut erhaltene Wall-Graben-System hat einst nicht nur die äußeren Schutzgrenzen von Hameln gebildet. Es diente auch dazu, Geld einzunehmen, wie Jana Hesse und Fabian Wais im Rahmen eines Projektes am Institut für Landschaftspflege und Naturschutz der Universität Hannover herausgefunden haben. „Die Stadt konnte an den Durchlässen der Landwehr, den Warten, kontrollieren, wer auf ihr Territorium wollte – und Zoll kassieren. So wurde zum Beispiel die ehemalige Försterei Heisenküche im Jahre 1794 gerade zur Überwachung der Außengrenze gebaut.“ Landwehren seien aber auch Rechtsgrenzen gewesen, denn: „Hinter der Landwehr hatte der mächtige Stadtrat das Sagen.“

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  • Forstamtsleiter Ottmar Heise.

Die erste urkundliche Erwähnung dieser Landwehr stammt aus dem Jahre 1385: Damals beschuldigte Graf Hermann von Everstein – der für die Reichsstraßen zuständig war – die Hamelner Bürger, sie hätten durch die alte Heerstraße Landwehren gegraben. Der Graf verlangte: Die Einwohner haben die Straßen wieder zu öffnen und so herzurichten wie zuvor.



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