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So viele Gewitter im August? Ungewöhnlich!

Ein greller Blitz durchzuckt den Nachthimmel, und für einen Sekundenbruchteil ist es taghell. Hoch aufgetürmte Wolkenberge sind zu erkennen, bis es wieder stockdunkel ist. Und dann folgt sekundenlang ein ohrenbetäubendes Donnergrollen. Die darauf folgende Stille wirkt umso intensiver – bis zum nächsten Blitz und Donner.

veröffentlicht am 24.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

Lena Christin Ohm
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Bei Gewitter reagieren die Menschen ganz unterschiedlich: Die einen verstecken sich unter der Bettdecke, die anderen stellen sich ans Fenster und genießen den Anblick des Naturschauspiels. Aber beide Gruppen werden über die Häufung der Gewitter überrascht sein, schließlich vergeht im Augenblick kaum ein Abend oder eine Nacht, in der es nicht irgendwo gehörig kracht. „Normalerweise sind der Mai, Juni und Juli die gewitterreichen Monate im Jahr“, erklärt der Meteorologe Reinhard Zakrzewski, kurz „Zaki“. Auch ihn haben die zahlreichen Gewitter im August überrascht. „Aber das hat nichts mit klimatischen Veränderungen zu tun, sondern mit der Großwetterlage“, so Zaki. Im Augenblick liege Deutschland in der Übergangszone zwischen den Luftströmungen der Polargebiete und der Subtropen. „Deshalb haben wir auch kein stabiles Sommerwetter, sondern dieses Hin und Her“, sagt Zaki und fügt hinzu, dass sich an den Grenzen dieser Strömungen Tiefs mit Gewitterpotenzial bilden.

Ein solches Unwetter hatte im belgischen Hasselt beim „Pukkelpop“-Festival vier Menschen das Leben gekostet. „Da haben sich einzelne Gewitterzellen zu einem Mesozyklon zusammengeschlossen“, erklärt Zaki. Ein Mesozyklon zeichnet sich durch starken Wind aus, der letztlich auch den Festival-Teilnehmern zum Verhängnis wurde. Diese spezielle Gewitterfront hat, so Zaki, ein Gebiet von 90 000 Quadratkilometern abgedeckt – so große Gewitter gebe es sonst vor allem in den Vereinigten Staaten.

Eine vorherige Gewitterwarnung sei immer schwierig, denn es sei nur möglich, für große Flächen zu warnen und nicht für einzelne Bereiche. „Wo genau einzelne Gewitter entstehen, kann nicht lokal vorausgesagt werden“, meint Zaki, der selbst schon erlebt habe, dass Prognosen in sich zusammenfallen. „Man kann zwei bis drei Stunden vorher eine allgemeine Warnung für eine Region rausgeben und die dann später konkretisieren“, erzählt der Meteorologe.

Dabei seien jedoch die unterschiedlichen Warnmaßstäbe und -philosophien schwierig zu vereinen. „Es gibt Dienste, die warnen bei einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit, andere erst ab 30 Prozent“, gibt er an und weist darauf hin, dass durch zu frühes Warnen häufig sinnlos Panik verbreitet werde. „Oft sind die Leute frustriert, weil nichts geschehen ist und dann kommen sie an den Punkt, dass sie die Warnungen nicht mehr ernst nehmen“, so Zaki. Bei der Warnung vor Gewittern wandern Meteorologen also auf einem schmalen Grat.

Das liegt auch daran, dass Gewitterwolken schnell entstehen und ebenso schnell wieder in sich zusammenfallen können. „Mein Lehrer hat ein Gewitter oft mit einem Bettlaken an der Leine verglichen“, erinnert sich Zaki. Ein Bettlaken werde vom Wind aufgebläht, könne aber auch in Sekundenbruchteilen wieder in sich zusammensacken, wenn der Wind nachlässt – und genauso funktioniere das auch bei Gewittern. „Gewitterzellen entstehen, dann fallen sie wieder auseinander, und dann erstehen sie einige Kilometer weiter wieder auf – das kann stundenlang über eine weite Strecke gehen“, erklärt Zaki.

Für die Entstehung einer Gewitterzelle sind drei Faktoren entscheidend: Eine labile Schichtung der Atmosphäre, eine feuchte bodennahe Luftschicht und die Kondensation. „Wenn am Boden beispielsweise 20 Grad und in fünf Kilometer Höhe -20 Grad herrschen, ist die Atmosphäre labil geschichtet“, erklärt Zaki. Ab 40 Grad Temperaturunterschied steige die Gewitterwahrscheinlichkeit. Aufgrund dieses Temperaturgefälles steigt dann auch die warme Luft nach oben und kondensiert dort zu einer normalen Quellwolke, die bei geeigneten Bedingungen zu einer Gewitterwolke anwachsen kann. Diese Wolkenart wird in der Fachsprache Cumulonimbus genannt.

In der Gewitterwolke befinden sich jedoch nicht nur die kondensierten Wasserteilchen, sondern auch Eiskristalle. Die transportieren aufgrund ihrer Größe unterschiedliche elektrische Ladungen und führen an den Grenzflächen zwischen Auf- und Abwinden Ladungstrennungen durch. Dadurch wird elektrische Spannung aufgebaut, die sich dann in einem gleißenden Lichtbogen entlädt, den wir als Blitz wahrnehmen.

Doch im Grunde genommen besteht ein Blitz nicht aus einer Entladung, sondern aus durchschnittlich vier bis fünf Hauptentladungen, die in Sekundenbruchteilen hintereinander kommen. Die Geschwindigkeit ist dabei so hoch, dass das menschliche Auge selbst 42 aufeinanderfolgende Entladungen nicht als einzelne Blitze wahrnehmen kann, sondern nur als „Flackern“ eines Blitzes. „Die elektrische Spannung in einem Blitz beträgt zwischen 100 und 200 Millionen Volt und 20 000 Ampere“, sagt Zaki und erklärt weiter, dass diese enorme Spannung nötig sei, um die nichtleitende Luft zu überbrücken. „Man braucht schon über 1000 Volt, um einen Millimeter Luft zu überbrücken, da kann man sich die nötige Spannung, die der Blitz benötigt, um zwischen fünf und zehn Kilometer zu überwinden, gar nicht mehr wirklich vorstellen“, so der Meteorologe. Um den Blitzkanal herum befindet sich ein schlauchförmiges Magnetfeld, in dem hoher Druck herrscht und das die Ausdehnung der ionisierten und magnetisch beeinflussbaren Luftmoleküle verhindert.

Dieses Magnetfeld ist, neben der schlagartigen Lufterwärmung durch den 30 000 Grad heißen Blitz, für den Donner verantwortlich. Denn nach Ende des Blitzes fließt kein Strom mehr und das Magnetfeld bricht zusammen. „Dadurch dehnt sich die heiße Luft explosionsartig aus und das hören wir als Donner“, schildert Zaki. Direkt an der Einschlagsstelle seien Blitz und Donner gleichzeitig wahrzunehmen, später sehe man aufgrund der unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Licht und Schall erst den Blitz und höre dann den Donner.

Faustformeln zur Berechnung der Entfernung eines Gewitters gibt es genug: Entweder die Sekunden zwischen Blitz und Donner mit 333 malnehmen, um die Entfernung in Meter zu erfahren, oder die Sekunden durch drei teilen, um die Entfernung in Kilometern zu berechnen. Diese Rechnung sollte man jedoch nach ein paar Minuten noch einmal wiederholen, um herauszufinden, ob sich das Gewitter nähert oder ob es abzieht.

Klimaforscher der Universität Karlsruhe haben anhand der Wetterdaten von Baden-Württemberg herausgefunden, dass sich im langfristigen Durchschnitt zwar nicht die Zahl der Gewitter, aber deren Heftigkeit deutlich erhöht hat. Reinhard Zakrzewski kann sich über dieses Ergebnis nur wundern: „Also in unserer Region habe ich dieses Phänomen noch nicht beobachten können.“ Das kann jedoch auch daran liegen, dass das Weserbergland keine typische Gewitterregion ist. „Das Alpenvorland, Nordrhein-Westfalen, der Osnabrücker Raum und die Beneluxstaaten sind eher gewitterbelastet“, erklärt Zaki. „Jährlich werden in der Region zwischen 18 und 20 Gewittertage gezählt“, weiß Zaki. Dabei seien es nur ein bis zwei Wintergewitter und 16 bis 18 Sommergewitter. Zaki bezeichnet diese Werte als „durchschnittlich“ und geht davon aus, dass die Gewitter spätestens im September weniger werden.

Sintflutartige Regengüsse, grelle Blitze und ohrenbetäubender Donner begleiten seit Tagen das wechselhaft-warme Sommerwetter. Normal ist das nicht mehr, aber ausnahmsweise ist auch nicht der Klimawandel schuld daran.

An den Grenzflächen zwischen Auf- und Abwinden findet die Ladungstrennung statt. Unser Leser Daniel Roel hat uns diese Aufnahme geschickt.



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