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Auslaufmodell? Davon will der Leiter der Hernrich-Kielhorn-Schule nichts wissen

„So etwas können Regelschulen nicht leisten“

Hameln. Inklusion lautet das Stichwort: Auch Kinder mit Behinderungen können inzwischen niedersächsische Regelschulen besuchen. Manche Förderschule wird deshalb geschlossen. In der Hamelner Heinrich-Kielhorn-Schule sieht man sich jedoch keineswegs als Auslaufmodell.

veröffentlicht am 29.02.2016 um 20:11 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 17:41 Uhr

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Autor:

Sabine Brakhan
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Hamlen. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Klassen 1a und k der Hamelner Pestalozzischule nicht sonderlich von anderen ersten Klassen. Die ABC-Schützen sind quirlig und können es kaum erwarten, zu Pinsel und Tuschkasten zu greifen und tatkräftig in den Kunstunterricht einzusteigen. Da fällt es dem einen oder anderen schon schwer, erst einmal ganz genau zuzuhören, was Grundschullehrer Mark Jung zum Ablauf der Arbeit zu erklären hat. Die Kinderhände wollen unbedingt zum Pinsel, der schon im Wassertopf auf seinen Einsatz wartet. Auch auf die Stuhlbeine scheint sich die Spannung wie von selbst zu übertragen, die fast spürbar im Raum herrscht. Sie fangen doch tatsächlich an zu wackeln, ohne dass die Kinder dazu beitragen, möchte man meinen.

Doch dann ist es endlich soweit: Das Zeichenblockblatt soll sich in einen blauen Himmel verwandeln. Die Tuschkastenfarben schlagen Blasen, während Laura den dicken Pinsel abwechselnd durch Preußischblau, Ultramarinblau, Türkisblau und Cyanblau kreisen lässt. Sie arbeitet schnell und hat ganz offensichtlich Spaß. Anders als der überwiegende Teil ihrer Mitschüler ist Lauras geistige Entwicklung verzögert. „Sie malt sehr gerne“, bestätigt Rotraut Wallin. Die Förderschullehrerin unterstützt Jung mit vier weiteren Kolleginnen beim Unterrichten der 26 Schüler starken Klasse.

Gemeinsam ergeben die Klassen 1 a und k eine kooperative Grundschulklasse, in der sieben Schüler der Hamelner Heinrich-Kielhorn-Schule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ (GE), in einem bestimmten Umfang projektbezogen am Unterricht der 19 Schüler starken Regelgrundschulklasse der Pestalozzi-Schule teilnehmen. Heute steht die künstlerische Umsetzung des Gedichtes „Die drei Spatzen“ von Christian Morgenstern auf dem Stundenplan.

Für Förderschulleiter Norbert Lichtenberg sind Kooperationsklassen die geeignete Form einer inklusiven Beschulung für die meisten Schüler, bei denen ein Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung festgestellt wurde. Anders als bei Schülern mit einem Unterstützungsbedarf im Förderschwerpunkt Lernen gestalte sich die Integration von Kindern mit einer verzögerten geistigen Entwicklung, die nicht selten mit einer mehrfachen Behinderung einhergeht, in den Regelschulbereich aus verschiedensten Gründen deutlich schwieriger.

Derzeit besuchen

157 Schüler die Kielhorn-Schule

Zum einen seien da die besonderen Lern- und Arbeitsbedingungen für diese Schüler, die auch eine besondere Umgebung erfordere. Als ein weiteres Beispiel nennt Lichtenberg die medizinische Betreuung der Kinder mit Epilepsie oder Sondierungsbedarf, für die die Kielhornschule extra eine ausgebildete Krankenschwester vorhält. „So etwas können Regelschulen nur schwer oder gar nicht leisten“, sagt der Schulleiter.

Während die beiden Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen (L) in Coppenbrügge und Hameln aufgrund der gesetzlichen Vorgabe auslaufen werden, kann die Heinrich-Kielhorn-Schule mit ihren kleinen Klassen, entsprechend ausgestatteten Räumen und Therapieangeboten sowie geschultem Fachpersonal punkten. Zumindest sind dies offenbar die Gründe, warum die Eltern ihre Kinder an der Kielhorn-Schule anmelden und nicht von ihrem Wahlrecht für eine inklusive Beschulung Gebrauch machen.

Die aktuellen Schülerzahlen bestätigen das. Zurzeit hat die Kielhorn-Schule 157 Schüler und Schülerinnen im Alter von sechs bis 18 Jahren. Die Schüler erfüllen hier ihre zwölf Jahre dauernde Schulpflicht. Für das kommende Schuljahr werden 15 Neueinschulungen erwartet, so Lichtenberg.

Entscheiden sich die Eltern für die inklusive Beschulung ihres Kindes, bedeutet dies, dass das Kind in der Regelschule von einer Förderschullehrkraft bis zu fünf Wochenstunden unterstützt wird. Demgegenüber bringt die Heinrich-Kielhorn-Schule in die Kooperationsklassen ihre ganze Manpower für den gemeinsamen Unterricht ein, sodass dann zu den 20 Regelschülern mit einer Lehrkraft sieben Förderschulkinder mit zwei bis drei Fachkräften stoßen und einen gemeinsamen Klassenverbund bilden.

Lichtenberg betont, dass durch den projektbezogenen Unterricht bei den Kooperationsklassen sowohl die Regelschüler als auch die Förderschüler immer wieder die Möglichkeit bekommen, sich in ihre Gruppe zurückzuziehen, um den Unterricht auf dem entsprechenden Lernniveau fortzuführen. „Alles kann, nichts muss“ laute das Motto. „Was geht, hängt immer von der Klasse und der Situation ab. Man kann nichts erzwingen“, sagt Lichtenberg. Das sei bei der inklusiven Beschulung eines einzelnen Kindes nicht in diesem Umfang möglich und so sei die Gefahr groß, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrkräfte am Ende überfordert werden.

Lichtenbergs größter Wunsch ist es, weitere Kooperationsschulen in Hameln zu finden. Zurzeit ist die Pestalozzi-Schule im Grundschulbereich der einzige Kooperationspartner. In der Sekundarstufe I gibt es zurzeit keine Kooperationsklasse in Hameln. An der Klütschule, an der bis vor zwei Jahren im Sekundarbereich I kooperativer Unterricht angeboten wurde, ist diese Möglichkeit weggebrochen, weil dort nur noch der Primarbereich angeboten wird. Umso wichtiger sei es, dass vor drei Jahren eine Kooperationsklasse an der Oberschule in Hessisch Oldendorf eingerichtet wurde, unterstreicht Lichtenberg.

Perspektivisch kann sich der Schulleiter Kooperationsklassen an allen weiterführenden Schulformen vorstellen. Leider gestalte sich die Suche nach Kooperationspartnerschulen nicht ganz einfach. Eine nicht unerhebliche Hürde seien dabei die unterschiedlichen Schulträgerschaften von Stadt Hameln und Landkreis Hameln-Pyrmont an den Hamelner Schulen, wie Lichtenberg erklärt.

Gemeinsamer Kunstunterricht ist ein Teil des kooperativen Unterrichts der Klassen 1A und 1K der Hamelner Pestalozzischule, bei der behinderte und nicht behinderte Kinder projektbezogen gemeinsam unterrichtet werden.Foto: sbr



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