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Hamelnerin möchte Produkttesterin werden und tappt in Abo-Falle / Juristen und Polizisten warnen

„So etwas ist unseriös, das nenne ich Abzocke“

Hameln (ube). Der Hamelner Rechtsanwalt Rüdiger Zemlin glaubt, eine neue Masche von Drückern aufgedeckt zu haben – seine Mandantin, die sich auf eine Annonce hin bei einer Firma als Produkttesterin beworben hatte, sei „arglistig getäuscht“ worden, meint der Jurist. Mit „unlauteren Methoden und unter Vortäuschung falscher Tatsachen“ habe man der Hamelnerin ein Abo für eine Zeitschrift verkauft, behauptet Zemlin.

veröffentlicht am 29.01.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 18:21 Uhr

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Der Anzeigentext klang vielversprechend: „Zusatzeinkommen als Produkttester möglich – für z. B. Kino, Elektronik, Handy, Kosmetik, Lebensmittel usw.“ Elena D. (Name geändert) meldete sich und wurde zu einem Gespräch nach Hannover eingeladen. Von der rhetorisch geschickten und wortgewandten Beraterin der „home-test-company“ habe sie sich eingewickelt gefühlt, gibt der Anwalt die Worte seiner Mandantin wieder. Der Beraterin war es gelungen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Nicht einmal als die 34-Jährige gemeinsam mit einer netten Mitarbeiterin einen Datenbogen ausfüllte, in dem auch intime Informationen abgefragt wurden, schöpfte Elena D. Verdacht. Dabei interessierte sich ihr neuer Arbeitgeber sogar für ihre Körper-, Konfektions- und Schuhgröße, fragte nach Phobien, Allergien, Haustieren, Hobbys, Rauch- und Informationsgewohnheiten. Tolle Büros, freundliche Leute – alles habe seriös ausgesehen, erzählt die Angestellte. Vielleicht war auch der Reiz, einen schnellen Euro nebenbei machen zu können, zu groß.

Als Testerin sollte die berufstätige Mutter bis zu 150 Euro pro Monat verdienen können und dazu noch das eine oder andere Produkt behalten dürfen. Für die Aufnahme in die Datenbank der haftungsbeschränkten Unternehmergesellschaft werde eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von 204 Euro/monatlich 8,50 Euro, Zeitraum 24 Monate) im Voraus fällig, stand in dem Fragebogen. Und auch das: Die Gebühr entfalle, wenn die Testperson ein Abo für eine bestimmte Zeitschrift für den Zeitraum von 24 Monaten abschließe.

Elena D. unterschrieb den Datenbogen und eine Liefervereinbarung mit einer Werbeagentur. Als die 14-tägige Widerrufsfrist längst verstrichen war, bekam Elena D. Post von der Agentur, die sie „im Kreis unserer neuen Leser“ begrüßte. Sie bereute ihre Entscheidung und suchte ihren Rechtsanwalt auf. Der gab ihr den Rat, nicht zu zahlen und stattdessen den Vertrag wegen arglistiger Täuschung anzufechten und Strafanzeige wegen Verdachts des Betruges zu erstatten.

Die Reaktion auf ein anwaltliches Schreiben an die Pressevertriebszentrale (PVZ), die wiederum von der Werbeagentur mit der Betreuung des Zeitschriftenabonnements beauftragt worden war, folgte auf dem Fuße: „Unter Berücksichtigung des Sachverhaltes haben wir den Vertrag storniert.“ Und: „Die vorliegende Zahlungsaufforderung ist damit gegenstandslos“, heißt es. „Wenn wir Kenntnis davon erhalten, dass ein Vertrag unter unlauteren Bedingungen zustande gekommen ist, stellen wir das Abo ein“, sagt Ilka Schröter von der PVZ auf Anfrage der Dewezet. Man werde den Auftraggeber (Werbeagentur) bitten, Einfluss auf die Koppelungsgeschäfte der „home-test-company“ zu nehmen. Elena D. ist erleichtert.

Die „home-test-company“ ist sich keiner Schuld bewusst: „Wir machen kein Geheimnis draus, steht alles im Vertrag“, sagt Dennis Schulzke, eigenen Angaben zufolge Termin-Disponent und befugt, mit der Presse zu sprechen. Dass die Bearbeitungsgebühr entfällt, wenn man ein Abo abschließt, sei „nicht im Kleingedruckten versteckt. Man müsse die Gebühr erheben, um „Porto, Versicherung und Versand der Produkte“ bezahlen zu können, erklärt Schulzke. Unklar bleibt, wie die Unternehmergesellschaft an Geld kommt: Elena D. hat eine Liefervereinbarung mit einer Werbeagentur vermittelt bekommen und mit ihr abgeschlossen. Schulzke sagt, er wisse das auch nicht so genau. „Da bin ich überfragt. Soweit stecke ich nicht in der Materie drin.“ Jedenfalls habe man nichts zu verbergen.

Verbraucherzentralen sind nicht gerade gut zu sprechen auf die „home-test-company“, die zu den „schwarzen Schafen“ gezählt wird. In Hamburg hat es die Gesellschaft bereits auf die „Liste unseriöser Anbieter“ geschafft. „Man kann nur jedem raten, bei solchen Nebenverdienst-Angeboten Vorsicht walten zu lassen“, sagt die Referentin für Verbraucherrecht der Verbraucherzentrale Niedersachsen, Karin Goldbeck, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Den Leuten wird ein interessanter Nebenjob in Aussicht gestellt. Viele sind knapp bei Kasse, wollen Geld verdienen. Tatsächlich sollen sie Vorkasse, zum Beispiel für die Aufnahme in eine Datenbank, leisten oder ein Abo abschließen, um vielleicht später einmal etwas verdienen zu können. So etwas ist unseriös. Das nenne ich Abzocke“, sagt die Juristin. Elena D. will sich in Zukunft das Kleingedruckte genauer durchlesen, sich nicht unter Druck setzen lassen und lieber zweimal nachdenken, bevor sie eine Vereinbarung unterschreibt. Genau das rät auch die Hamelner Polizei. „Prüfen Sie Schriftstücke stets sehr genau, bevor Sie sie unterschreiben. Wenn Sie unsicher sind, holen Sie sich Rat“, meint Oberkommissar Jörn Schedlitzki.

Mit dieser Kleinanzeige werden Produkttester gesucht. Bevor sie Waren erhalten, werden sie jedoch erst einmal zur Kasse gebeten.



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