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Ein Besuch im neuen Lebenshilfezentrum an der Weserpromenade

So bunt wie das Leben

Hameln. Das Teleskop steht direkt vor dem Fenster, steil gen Himmel über dem Klüt gerichtet. Der 34-jährige Christian hat es in sein Zimmer gestellt, denn Christian ist ein Sternengucker. Der junge Mann mit geistiger Behinderung ist einer von 36 erwachsenen Bewohnern der neuen Wohnstätte im Lebenshilfezentrum in der Ruthenstraße. Zwischen 18 und 64 Jahren sind die Bewohner alt, jeder hat sein eigenes Zimmer mit Terrasse oder Balkon. Die Anlage, direkt an der Weser gelegen, vereint das Wohnheim unter einem Dach mit zwei weiteren Einrichtungen: Im dem 400 Quadratmeter großen Schiffsbug befindet sich die Tagesförderstätte der Paritätischen Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland (PLSW), der Verbindungsbau zwischen Schiff und Wohnheim beherbergt den Familienentlastenden Dienst der Lebenshilfe Hameln-Pyrmont.

veröffentlicht am 25.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 18:21 Uhr

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Autor:

VON ANDREA TIEDEMANN und Wiebke Westphal
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Die Wohnstätte wurde im Januar eröffnet und ist seitdem voll belegt. „Es gibt einfach zu wenige Einrichtungen für erwachsene Behinderte in der Region“, sagt Natalija Pekcec, pädagogische Leiterin des Hauses. Drei Gruppen mit jeweils zwölf Bewohnern gibt es, jede hat einen eigenen Aufenthaltsraum und ein Pflegebad. Jedes Zimmer hat ein eigenes Bad und kann selber gestaltet werden. Eine junge Frau, die demnächst einziehen wird, hat sich bereits entschieden: Pinke Wände müssen es sein.

Rund 26 Mitarbeiter unterstützen die Bewohner im Alltag. Die Idee der Wohnstätte sei aber, erklärt Pekcec, dass jeder sein Leben weitestgehend selbst gestalte – mit so viel Hilfe wie nötig, aber so selbstständig wie möglich. Jeder muss sein Zimmer selber aufräumen und putzen. Auch Wäsche waschen, Essen zubereiten, einkaufen – wer es schafft, organisiert sich so gut es geht allein oder mithilfe anderer Bewohner.

In der Wohngruppe zwei leben Menschen mit mehrfachen und schweren Behinderungen. „Hier ist der Hilfebedarf höher“, sagt Pekcec, nicht alle könnten selber essen oder sitzen. „Manche haben auch eine Magensonde.“ Mit den Betreuern wird eingekauft und gekocht. Hinzu kommen Ausflüge und gemeinsames Zeitunglesen. Ziel ist auch hier, dass die Bewohner mit der Zeit selbstständiger werden und irgendwann allein leben und wohnen können. Ein junges Paar, das hier wohnt, ist gerade ausgeflogen: „Die sind beim Frisör“, sagt Pekcec. Einige der Bewohner werden dennoch auf Dauer in der Wohngruppe bleiben und auf fremde Hilfe angewiesen sein.

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Die meisten der Bewohner arbeiten tagsüber in den Werkstätten der PLSW in Afferde oder im Hamelner Hahlbrockweg. Diejenigen, die aufgrund eines besonders schweren Handicaps mit einer Arbeit in einer Behinderten-Werkstatt überfordert wären, finden tagsüber zwischen 8.45 und 16.15 Uhr – angelehnt an die Werkstattzeiten – ein tagesstrukturierendes Angebot in der Tagesförderstätte nebenan. 24 Plätze gibt es hier, 24 Teilnehmer, die zwischen 18 und 60 Jahre alt sind. Manche lernen, sich selber die Schuhe zu schnüren, andere können schon Kräuterbeete anlegen oder sogar kleinere Montagearbeiten erledigen. „Ziel ist es, dass unsere Teilnehmer ein Mindestmaß an Wirtschaftlichkeit erreichen“, erklärt Hayo Popken, Leiter der Tagesförderstätten der PLSW im Landkreis Hameln-Pyrmont.

Stefanie zum Beispiel hat hier den Rechner für sich entdeckt. Die junge Frau lernt mithilfe des Computers Lesen, Schreiben und Rechnen. In einem anderen der vier großen Räume wird eine der weniger starken Teilnehmerinnen von ihrem Betreuer der Rücken gekrault. Das Mädchen kann weder sitzen noch sprechen, ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung und Kommunikation ist erheblich beeinträchtigt. Durch diese Art der Stimulation aber erfährt sie einen Sinnesreiz, auf den sie reagieren kann.

Und wer in der Ruthenstraße 6 mal eine Auszeit braucht, der darf eine Runde „snoezelen“: In den Räumlichkeiten der Tagesförderstätte wurde ein Raum eingerichtet, in dem man sich bei leisen Klängen und wechselndem, warmen Licht auf einem Wasserbett ausruhen kann. Diesen sogenannten Snoezelraum können alle Einrichtungen unter dem Dach des Lebenshilfezentrums nutzen, auch der Familienentlastende Dienst. Familien, die ihre behinderten Angehörigen zu Hause betreuen, finden hier – wie der Name schon sagt – ein Stück Entlastung. Jeden Samstag, in den Schulferien sogar jeden Tag, aber auch flexibel nach Bedarf gibt es hier Gruppen- und Freizeitangebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung. Das Programm soll eine Stütze sein für Eltern, die einfach mal durchatmen möchten, eine Nacht am Wochenende durchschlafen oder sich gezielt Zeit nehmen wollen für Geschwisterkinder.

Der 13-jährige Julian ist jeden Mittwoch hier. Das Beförderungstaxi fährt ihn nach Schulschluss von der Heinrich-Kielhorn-Schule an die Weser. Nach dem Mittagessen, das immer gemeinsam zubereitet wird, spielt er mit seinem Freund Mazlum mit Bauklötzen oder Modellautos, malt Bilder oder modelliert Figuren aus Ton oder Salzteig. Heute möchte Julian aber lieber in der Stadt ein Eis essen. „Wir bemühen uns um größtmögliche Spontaneität, uns ist es wichtig, dass die Kinder Spaß haben“, sagt Leiterin Vera Groß. So reicht das Angebot vom DVD-Nachmittag bis zur Nordsee-Freizeit, von der Musikgruppe bis zur Reitstunde. Und wenn das Wetter schlecht ist und die Kinder sich zu keiner Aktivität am großen „Arbeits-Bastel-Mal-Esstisch“, wie Groß ihn nennt, hinreißen lassen, dann wird auch einfach mal nur rumgehangen. Oder gesnoezelt.



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