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Verhaltene Debatte im Ausschuss

Sind Stolpersteine die richtige Form des Gedenkens?

Hameln (ni). Sie sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern: „Stolpersteine“, die auf zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten die Namen der Geschundenen tragen und vor den Häusern verlegt werden, in denen die Menschen lebten, bevor sie deportiert, ermordet wurden. In weit über 300 deutschen Städten und Gemeinden liegen solche Stolpersteine bereits. In Hameln wird es sie voraussichtlich nicht geben, weil sich die Liberale Jüdische Gemeinde vehement gegen diese Form des Gedenkens wendet.

veröffentlicht am 08.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 23:21 Uhr

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Ein Kreis engagierter Bürger um den Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom und den Geschäftsstellenleiter von Arbeit und Leben, Manfred Stock, hatte die Initiative für die Verlegung von Stolpersteinen in Hameln ergriffen (wir berichteten). Während sich die Vorsitzende der Liberalen jüdischen Gemeinde, Rachel Dohme, entschieden dagegen aussprach, befürwortete die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, Irina Pigorova, das Vorhaben. Bei der jüngsten Sitzung des Schul- und Kulturausschusses warben Mitglieder der Initiative bei der Politik noch einmal um Zustimmung zu dem Projekt. Dessen Ziel sei es, „möglichst vielen NS-Opfern unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit und Nationalität ein Gesicht wiederzugeben und Zeichen der Erinnerung zu setzen“, so Stock Er versicherte, kein Stolperstein werde gegen den ausdrücklichen Wunsch von Hinterbliebenen verlegt. Anders als das Mahnmal als Gedenkstätte seien die Steine geeignet, „auf sehr eindringliche Weise den Lebenszusammenhang der Opfer aufzuzeigen“, ergänzte Gelderblom.

Eine Sicht, die Rachel Dohme nicht teilte: „Es tut uns weh, dass die, die schon einmal getreten und beschmutzt wurden, noch einmal mit Füßen getreten werden sollen.“ Erinnerung und Gedenken müsse „in Augenhöhe“ erfolgen, finde in der Gemeinde „jeden Tag“ und an ausgewählten Orten an besonderen Tagen statt, sagte Dohme. Eine Argumentation, für die Irina Pigorova zwar Verständnis aufbrachte, die sie aber nicht teilte. „Die Gemeinde kann es nicht leisten, Geschichte so plastisch darzustellen“, sagte Pigorova und auch: „Warum dürfen wir nicht über Geschichte stolpern?“

Wolfgang Meier von den Grünen vermochte die Metapher, mit den Stolpersteinen werde „das Ansehen der Verstorbenen mit Füßen getreten“, nicht nachvollziehen und würde das Projekt darum begrüßen. Auch der Stadtelternratsvorsitzende Wolfhard F. Truchseß wünschte sich, „dass die Vergangenheit der verfolgten Hamelner in unserer Stadt gegenwärtiger wäre“. Doch wenn Nachkommen der Opfer „das Gefühl haben, die Seele derjenigen, die gelitten haben, werde mit Füßen getreten“, respektiere er das.

Der Ausschuss fühlte sich nicht berufen, angesichts der kontroversen Sichtweisen der beiden Gemeinden eine Empfehlung auszusprechen. „Schön wäre es, Erinnerung so zu gestalten, dass niemandem zu nahe getreten wird“, suchte die Ausschussvorsitzende Christa Bruns (SPD) am Ende nach einen Kompromiss in der Auseinandersetzung um das richtige Gedenken.

„Über die Geschichte stolpern“ oder „das Andenken der Opfer mit Füßen treten“ – die beiden jüdischen Gemeinden in Hameln

vertreten gegensätzliche Auffassungen zu den „Stolpersteinen“.



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