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Bürgermeisterkandidat der CDU spielt „Taxi-Aushilfe“ – und muss mit spärlichem Trinkgeld leben

„Sie sehen aus wie der Herr Griese“

Hameln. Als hätte er nie etwas anderes gemacht: Claudio Griese, der für die CDU bei der Oberbürgermeister-Wahl antritt, setzt sich für einen Vormittag ans Steuer eines Taxis der Funk-Taxen-Zentrale 7477. Die Dewezet wollte schauen, wie gut sich die drei OB-Kandidaten als Taxifahrer machen – und hat sie daher ans Lenkrad gebeten und beobachtet, wie sich die Politiker im „echten Leben“ machen.

veröffentlicht am 05.05.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:41 Uhr

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VON ANDREA TIEDEMANN
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Verkehr im Blick behalten, Funksprüche nicht überhören – es könnte ja ein Auftrag dabei sein –, angeregte Gespräche während der Fahrt führen – Griese macht alles selber. Der erste Auftrag für „Taxi-Aushilfe Griese“ kommt von einer Frau, die am Taxistand an der Rückseite der Stadtgalerie bei ihm einsteigt. Doch sie erkennt den OB-Bewerber nicht. „Schauen Sie mal an die Laternenpfähle beim Rathaus“, hilft Griese nach, während er entlang des Walls aufs Gaspedal tritt. „Ach, Sie machen Laternen?“, entgegnet die Frau, die nur selten in Hameln ist und das Plakat durch den Verkehr nur zum Teil sehen kann. Das anschließende verstohlene Lachen im Taxi muss Griese der Frau erklären – bis er sie am Zielort Wilhelmsplatz abgesetzt hat, ist das Rätsel aufgeklärt. „Dem Bürgermeister gebe ich aber kein Trinkgeld“, muss er sich dann allerdings noch anhören – trägt den Hohn aber mit Fassung. Auch die Rechnung für die Kundin möchte er selber schreiben – schließlich gehört das auch dazu. „Hier, vielleicht ist das Autogramm später mal viel wert“, sagt er und nutzt die Gelegenheit, für sich zu werben. „Griese – wie Riese mit G“, gibt er der Frau mit auf den Weg. Beim zweiten Gast hat Griese schon mehr Glück. „Kennen Sie mich?“, fragt er die ältere Dame, die zum Tönebön-Heim am Klüt gebracht werden möchte. Sie überlegt. „An und für sich sehen Sie aus wie der Herr Griese“, sagt sie. Und schnell wird beiden klar: Sie kennen sich über Umwege, denn Griese hat mit einem Neffen der Frau gemeinsam Jura studiert. „Neulich habe ich ihm geschrieben – und einen Artikel von Ihnen beigelegt“, sagt die ältere Frau. Heute habe sie ihren Wahlschein bekommen – und überlege noch, wen sie ankreuzen solle. „Muss ich da noch Überzeugungsarbeit leisten?“, fragt Griese. Während er der Frau aus dem Auto hilft, stellt sie fest: „Sie sind ein Spaßvogel.“ Und das wird an diesem Vormittag nur zu deutlich: Der Kandidat lässt keine Gelegenheit für einen Scherz aus. „Wollen wir mal den Wilde nicht umfahren“, sagt Griese, während er haarscharf an einem Wahlplakat seines Konkurrenten vorbeifährt. Und eine Sorge treibt den Juristen auch um: „Protokollieren Sie auch die Ordnungswidrigkeiten mit?“, fragt er zu Beginn der Fahrt – und schaut immer wieder auf den Tacho.

Dass Norbert Raabe vom Paritätischen als Überraschungsgast das Fahrtziel „Kuckuck“ angibt, hatte Griese bereits vermutet. Während er – wie bei allen Fahrtzielen – ohne zu zögern den schnellsten Weg zum Wunsch-Zielort ohne Navi findet, entspinnt sich schnell eine politische Diskussion. Wie soll die Verteilung von Stadt und Landkreis beim Thema Kuckuck aussehen? Wie kann man die Eigentumsverhältnisse neu regeln? Raabe fühlt Griese auf den Zahn. Gänzlich neu ist für ihn dann aber der Besuch im Stadtteilprojekt Kuckucksnest. Mitarbeiterin Svetlana Schmidt führt ihn durch die Räume. Vor der Wand mit den Verhaltensregeln bleibt Griese stehen. Welches Kind sich nicht an die Spiel-Regeln für gutes Benehmen hält, bekommt eine gelbe, oder später eine rote Karte. „Dann darf man hier nur noch Hausaufgaben machen“, erklärt Schmidt die Konsequenzen. Zwei Familien mit 15 Kindern – im „Kuckucksnest“ keine Seltenheit, für den kinderlosen Griese allerdings nicht ganz leicht vorzustellen. Dass die Eltern einbezogen werden, ist ihm wichtig. „Ich hatte die Sorge, dass die Kinder hier nur verwahrt werden.“

Dass zum Taxifahren auch Warten gehört, bekommt Griese zwischen seinen Fahrten zu spüren. „Warten kann ich, aber zum Angeln bin ich nicht zu gebrauchen“, sagt er über sein Maß an Geduld und Muße. Meistens nutze er Wartezeit mit dem Smartphone, um Dinge zu erledigen – an diesem Tag aber lässt er es im Kofferraum liegen. Und schnackt stattdessen mit dem Taxifahrer, der hinter ihm in der Reihe steht.

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Auf Initiative der Dewezet-Redaktion mit dem Taxi in Hameln unterwegs – OB-Kandidat Claudio Griese hatte als Taxifahrer für einen Tag auch einen speziellen Fahrgast an Bord …ant

Wer Bürgermeister werden will, sollte die Stadt wie seine Westentasche kennen. Er oder sie sollte aber auch wissen, wie man gut mit Menschen umgeht. Wo könnte man das besser beweisen als am Steuer eines Taxis? Die Kandidaten haben es im Auftrag der Dewezet gewagt.



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