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Sein Onkel gehörte zum Stauffenberg-Kreis

Von Beruf ist Peter M. Kaiser Chemiker, genauer Biochemiker. Er hat in Münster promoviert und insgesamt neun Jahre an der Universität gearbeitet. Im Alter von 39 Jahren ging er in die Pharma-Industrie, unter anderem zur heimischen Lomapharm, um sich schließlich elf Jahre später – 1993 – mit einer eigenen Firma, der „PKM Pharma Consulting“, selbstständig zu machen. Seitdem ist er als Qualitätssicherungsexperte (Auditor) weltweit im klinischen Bereich tätig. Seinem langjährigen Wohnort Tündern ist er treu geblieben.

veröffentlicht am 31.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 02:41 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom
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Seit er selbstständig ist, findet Peter M. Kaiser zwischen den beruflichen Projekten immer wieder Zeit, anderen Interessen nachzugehen. Er hat originelle wissenschaftliche Aufsätze zu Themen wie „Über das schwierige Verhältnis von Naturwissenschaft und Philosophie“ (2009) oder „Sarrazins Legende vom klugen Gen“ (2010) veröffentlicht.

Schwerpunkt aber wird ein historisches Thema, der deutsche Widerstand gegen Hitler. Was veranlasst einen Naturwissenschaftler, sich der Mühsal historischer Forschung und des historisch-kritischen Umgangs mit Quellen zu unterziehen?

Es ist das familiäre Erbe. Nicht nur sein Vater, sondern mehr noch dessen beide Brüder gehörten in den Umkreis des Widerstands gegen Hitler. Wegen Peter M. Kaisers Taufe am 19. Juli 1944 waren sein Vater Heinrich und dessen Brüder Hermann und Ludwig im Haus der Familie in Kassel zusammengekommen. Die Gestapo nahm dieses Familientreffen zum Anlass, die drei Brüder am Tage nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 zu verhaften. Peter M. Kaiser war also als halbjähriges Kind bei dieser Verhaftung am 21. Juli 1944 selbst anwesend. Das Thema des deutschen Widerstandes gegen Hitler ist ihm damit buchstäblich in die Wiege gelegt worden.

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Inzwischen hat Kaiser mit dem über 700 Seiten starken Band mit dem Titel „Mut zum Bekenntnis: Die geheimen Tagebücher des Hauptmanns Hermann Kaiser 1941/1943“ sein historisches Hauptwerk vorgelegt. Erschienen ist es im Jahre 2010 im Lukas Verlag Berlin.

Hermann Kaiser, Onkel und Taufpate von Peter M. Kaiser, hatte mit den Fächern Mathematik und Physik und den Nebenfächern Geschichte und Kunstgeschichte ein umfangreiches Studium absolviert und war Gymnasiallehrer geworden. Obwohl er in den 1920er Jahren früh der NSDAP beitrat, wandte er sich bald als gläubiger Christ vom Nationalsozialismus ab.

Zu Beginn des Krieges wurde er eingezogen und 1940 zum Oberkommando des Heeres versetzt. Dort übernahm er als Hauptmann die Führung des Kriegstagebuchs beim Stab des Befehlshabers des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich Fromm. Als solcher hatte er die Aufgabe, das für den offiziellen Tätigkeitsbericht der Dienststelle einschlägige Material zusammenzutragen.

Hermann Kaiser fand engen Anschluss an die militärische Opposition gegen Hitler um Ludwig Beck und Carl Goerdeler. Kaiser, der das Vertrauen von Fromm besaß, hoffte, diesen für den Widerstand gewinnen zu können. Die Tätigkeit als Kriegstagebuchführer war eine ideale Voraussetzung, um Informationen sammeln und weitergeben zu können. In seinen privaten Aufzeichnungen überlieferte Kaiser viele Begegnungen und Gespräche zwischen den Verschworenen. Er erklärte sich bereit, nach erfolgreichem Umsturz das Amt eines Staatssekretärs im Kultusministerium zu übernehmen. Außerdem war er als Verbindungsoffizier im Wehrkreis XII (Wiesbaden) vorgesehen.

Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 wurde Kaiser mit seinen Brüdern Heinrich und Ludwig verhaftet. Teile seiner Tagebücher fielen der Gestapo in die Hände und spielten als Beweisstücke in den Prozessen gegen die Angehörigen des Widerstandes vor dem Volksgerichtshof eine wichtige Rolle. Das Todesurteil über Hermann Kaiser begründete Roland Freisler vor dem Volksgerichtshof am 17. Januar 1945 folgendermaßen: „Er war auf derselben Dienststelle wie der meuchelmörderische Verräter Klaus Graf Stauffenberg. Goerdeler weihte ihn schon früh in seine … Verratspläne ein. Kaiser führte darüber Tagebuch; und dieses Tagebuch demaskiert ihn vollkommen.“ Hermann Kaiser wurde am 17. Januar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und bald darauf in Berlin-Plötzensee ermordet.

Die Bedeutung Hermann Kaisers für den Widerstand kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er gehörte zu den Angehörigen des militärischen Widerstandes, deren Wirken nicht spektakulär, aber für die Vorbereitung des Staatsstreiches von maßgeblicher Bedeutung war. Er besaß das unschätzbare Kapital, als Mittler zwischen der wechselseitig als fremd wahrgenommenen militärischen und zivilen Sphäre auftreten zu können. Er besorgte Kontakte, baute Vorurteile ab und warb um Verständnis. Er war der ideale Netzwerker, unauffällig und effizient.

Bei den Tagebüchern handelt es sich um fast täglich niedergelegte Notizen. Sie geben militärische Details der Kriegslage und des Rüstungsstandes wieder, die für die Abfassung des Kriegstagebuches von Belang sein konnten. Sie enthalten aber auch Notizen über Gespräche im Netzwerk des Widerstandes sowie Einschätzungen und Beurteilungen seiner führenden Vertreter. Die Tagebücher gehören zu den wenigen zeitgleichen Dokumenten des deutschen Widerstands. Sie sind eine unschätzbare Quelle für die historische Forschung, weil sie die Aktivitäten der Verschwörer mit Datum erwähnen und belegen, wie erstaunlich weit verzweigt das Netz der Widerstandskämpfer war. Von den Tagebüchern Kaisers haben nur Fragmente den Krieg überdauert. Die geretteten Aufzeichnungen, deren Originale im Militärarchiv des Bundesarchivs in Freiburg liegen, umfassen die Jahre 1941 und 1943.

Zwischen den Zeilen des Tagebuches tritt Hermann Kaiser auch als Mensch hervor, etwa, wenn seine Verzweiflung über die immer wieder unterbrochenen Vorbereitungen zum Staatsstreich herausbricht oder wenn sein Unverständnis über militärische Befehls- und Entscheidungshierarchien hervortritt. Warum konnte das Militär nicht rascher handeln!? Kaiser verstand sich vor allem als Sachwalter der Angehörigen des zivilen Widerstandes und vertrat ihre Auffassungen gegenüber den Militärs. Das spezifische Verständnis von der sektoralen Verantwortung des Soldaten war seiner aus christlicher Überzeugung gespeisten Verantwortungsethik zutiefst wesensfremd. Hermann Kaisers Eintragungen lassen auch mit beklemmender Intensität erkennen, unter welch ungeheuren inneren und äußeren Belastungen am Netzwerk des Widerstandes gearbeitet werden musste.

Gut zehn Jahre hat Peter M. Kaiser an der Buchausgabe der Tagebücher seines Onkels gearbeitet, stets in enger Verbindung und intensivem Austausch mit der universitären Forschung, insbesondere mit Johannes Tuchel, dem Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, und mit Bernhard R. Kroener, Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Militärgeschichte an der Universität Potsdam.

Weil er selbst mit gewaltsamer Einsichtnahme in sein Tagebuch durch Dritte rechnete, hatte Hermann Kaiser für die zahlreichen Vertreter des Widerstands Decknamen verwendet. Ihre Entschlüsselung gestaltete sich besonders mühsam. Möglich war sie durch akribische Literaturvergleiche und Gespräche mit Überlebenden.

Es ist der unermüdlichen und akribischen Arbeit von Peter M. Kaiser zu danken, dass die überlieferten Aufzeichnungen fast siebzig Jahre nach den Ereignissen endlich gedruckt vorliegen. Aus den Tagebüchern – wertvollen Originaldokumenten aus dem Widerstand – war viel zitiert worden, aber nicht selten fehlerhaft. Jetzt liegt eine wissenschaftlich verantwortete Quellenedition vor.

Hermann Kaiser gehörte zu den Angehörigen des militärischen Widerstandes im Dritten Reich. Es ist der unermüdlichen und akribischen Arbeit seines Neffen, Peter M. Kaiser aus Tündern, zu danken, dass die geheimen Tagebücher des ermordeten Onkels fast 70 Jahre nach den Ereignissen gedruckt vorliegen.

Peter M. Kaiser mit der Buchausgabe der Tagebücher seines Onkels Hermann Kaiser.

Foto: Wal

Hermann Kaiser wurde am 17. Januar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.

Auszug aus den Originaltagebüchern: Schwieriger noch als die Entzifferung der Handschrift war die Entschlüsselung der zahlreichen Decknamen.



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