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Vor 50 Jahren vermissten Hamelner einen Brunnen mit der Sagenfigur / Wie steht es heute um Darstellungen des Pfeifers?

Sehnsucht nach dem Rattenfänger

Hameln. Da fehlt doch etwas, stellte die Hamelner vor einem halben Jahrhundert fest. Vor 50 Jahren diskutierte man in Hameln darüber, einen Rattenfängerbrunnen zu bauen. Einen Brunnen, ähnlich wie das Modell, das bis 1927 auf dem Thiewall stand. Selbst der Hamelner Rat stellte im Mai 1966 fest, dass „er eine gute Sache sei“, wie die Dewezet berichtete.

veröffentlicht am 19.04.2016 um 19:54 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:03 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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„Die Stadt hatte schon jahrzehntelang ihren Rattenfänger-Brunnen gehabt, der auf dem Thiewall einen sehr schönen Platz hatte und allen Hamelensern noch in lebhafter Erinnerung ist“, stellte Dr. Moritz Oppermann in seinem Dewezet-Artikel fest. Es sei oft bedauert worden, dass er in den dreißiger Jahren ein unrühmliches Ende fand, so der Autor.

Dem Pfeifer die

Liebste mit aufs Podest gestellt

„Seine Wiederherstellung wäre heute allerdings nicht mehr zu empfehlen. Da er 1884 zur 600-Jahrfeier der Rattenfängersage von dem jungen Hamelner Bildhauer Fr. Fasterling unter dem Eindruck der Wolffschen Aventiure vom Rattenfänger Hunold Singuf entstanden war, hatte der Künstler neben diesem seine Liebste, Gertrud, mit aufs Podest gestellt.

Aber der Rattenfänger-Brunnen muss her, und es müsste wunderlich zugehen, wenn sich nicht der Künstler finden lassen sollte, der ihn würdig zu gestalten verstände. Darüber, warum er wieder her muss, bedarf es in Hameln, wo der Rattenfänger für alle Welt zu Hause ist, wohl keiner Erörterung mehr. Diese Notwendigkeit wird noch zwingender und plausibler dadurch, dass in der ganzen Stadt überhaupt kein Brunnen von dem Format vorhanden ist, wie ihn der Fremde in einer Altstadt als selbstverständlich erwartet.

3 Bilder

Es ist nun allerdings nicht so, als ob wir gar keine Darstellungen und Symbole des Rattenfängers in der Stadt hätten. Die Nachkriegszeit hat mit der Wiederherstellung des Rattenfänger-Kunst- und Glockenspiels am Hochzeitshaus (1964) und mit der symbolhaften Reliefdarstellung an der Aula-Wand der Frauenberufsschule am Münsterkirchhof (1964) ganz Erhebliches für die Darstellung und Pflege der Sage getan.

Dazu gehört auch noch das jüngste Geschenk, das die Stadtsparkasse der Bürgerschaft durch den Einbau eines Rattenfängerfrieses in ihre neue Kassenhalle im einstigen Stift zum Heiligen Geist gespendet hat. Die Stadt hat auch noch mancherlei andere Darstellungen des Rattenfängers zu bieten, die man kennen sollte, um die Fremden bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf sie hinzuweisen.

Dazu gehören die Säulenfigur am Treppenaufgang des Hochzeitshauses und Rudolf Rieges Glasbilder im Erker unmittelbar daneben. Auch plastische Darstellungen des Rattenfängers hat die Stadt anzubieten: über dem Tunneleingang beim Klütbahnhof und im Giebel des Flechtmannschen Hauses am Münsterkirchhof.

Was daher nottut, ist eine Rattenfänger-Gestalt oder -gruppierung an solch auffälligem Standort mitten in der Altstadt oder auf ihrem belebtesten Randgebiet, dass man täglich darüber stolpern muss. Und was würde sich dazu besser eignen als ein plätschernder Brunnen oder auch ein eindringliches Denkmal. Noch besser, wenn es beides gäbe“, machte sich Oppermann vor 50 Jahren für einen Brunnen stark.

Rattenfänger-Brunnen hat die Stadt dann auch bekommen – gleich zwei. Und einer plätschert sogar. Neun Jahre nach der angesprochenen Ratssitzung und reichlichem Gerangel und diversen Meinungsverschiedenheiten und wurde im September 1975 auf dem Rathausplatz der vom Künstler Karl-Ulrich Nuss Rattenfängerbrunnen eingeweiht. Die 3,20 Meter hohe Skulptur fand nicht unbedingt jedermanns Zustimmung. Von „Der muss erst mal was zu essen kriegen“ bis hin zu „Das große Plus, ein Werk von Nuss“ reichten die Kommentare. Aber immerhin – Hameln hatte seinen Rattenfängerbrunnen.

Seit Juni 2001 fließt Wasser über einen zweiten Brunnen – und das sogar mitten in der Fußgängerzone. Die Verleger-Brüder Günther und Hans Niemeyer hatten den Bürgern der Stadt anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums einen vom Steinmetz und Bildhauer Bruno Jakobus Hoffmann geschaffenen Brunnen zum Geschenk gemacht.

Andere Rattenfängerdarstellungen, von denen Oppermann im Mai 1966 schrieb, sind dagegen völlig aus dem Stadtbild verschwunden. Die Säulenfigur aus dem Hochzeitshaus musste 2004 für das Mammutprojekt Erlebniswelt Weserrenaissance weichen. Einen neuen Standort hat man für die markante Skulptur noch nicht gefunden. Die vom renommierten Künstler Hans Walther geschaffene Figur war lange Zeit unter freiem Himmel auf dem Friedhof Wehl zwischengelagert, setzte Moos an und war in mehrere Teile zerbrochen. Heute lagert die gesäuberte Skulptur im Depot des Hamelner Museums, wie Leiter Stefan Daberkow bestätigt. Dort liegt – für die Öffentlichkeit ebenfalls nicht zugänglich – in einem Schwerlastregal ein weiteres von Walther geschaffenes Kunstwerk: der Rattenfängerfries aus der ehemaligen Kassenhalle der Stadtsparkasse verlor bei einem Umbau seinen angestammten Platz.

Relief am

Bürgergarten ist Rekonstruktion

Andere Darstellungen haben innerhalb der vergangenen 50 Jahre den Standort gewechselt. Der steinerne Rattenfänger, der über dem Eingang des Klüttunnels thronte, fand nach einem Zwischenstopp im Hamelner Bahnhof in der Lobby vom Mercure-Hotel am 164er Ring eine neue Bleibe.

Das Original des Rattenfängerreliefs von der Schule am Münsterkirchhof gibt es nicht mehr – es konnte beim Abriss der Aula nicht gerettet werden. Eine nach einem Kautschukabdruck gefertigte acht mal dreizehn Meter große Nachbildung ziert seit 1991 jedoch den Eingang zum Bürgergarten. Nur der Rattenfänger an der Hausfassade blickt noch auf den Münsterkirchhof herab wie eh und je.

Rattenfänger damals und heute – links: der einstige Pfeifer mit „Gertrud“ am Thiewall. Rechts: der Brunnen in der Osterstraße.Fotos: Archiv/fn



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