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Verunsicherte Patienten wollen beraten werden / Ärzte halten sich mit eindeutiger Empfehlung zurück

Schweinegrippe beherrscht den Praxisalltag

Hameln (ni). Impfen oder nicht? Die Frage spaltet Großraumbüros, ist Thema am häuslichen Frühstückstisch und beherrscht derzeit auch den Praxisalltag der Ärzte. „Wenn Sie heute 200 Patienten haben, egal, mit welchen Beschwerden, müssen Sie 200-mal Schweinegrippe-Impfberatung machen“, beschreibt der Hamelner Ärztesprecher Dr. Ronald Lücke die Ausnahmesituation.

veröffentlicht am 11.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 01:41 Uhr

Die Meinungen zur Schweinegrippe-Impfung gehen auch bei Hamelner
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„Die Schweinegrippe macht uns wirklich viel Arbeit“, sagt Lücke. Doch nicht etwa, weil so viele Erkrankte die Wartezimmer stürmten, sondern weil jeder Patient seinen Arztbesuch zurzeit mit der Bitte um Aufklärung über den Sinn oder Unsinn der Impfung verknüpfe. Was angesichts des anhaltenden Expertenstreits über Vor- und Nachteile der Immunisierung mit einem Impfstoff, den Kritiker für nicht ausreichend getestet halten, zwar verständlich, aber sehr zeitraubend sei. Trotz des Anstiegs der Infektionen sehe er die Schweinegrippe „nach wie vor gelassen und rate auch, gelassen zum Impfen“. Die Erkrankungen seien bislang meist mild verlaufen, Grund zur Panik bestehe also nicht. Risikopatienten rät Lücke zur Impfung, ansonsten verfährt er in seiner Praxis nach dem Motto: „Wer Angst vor der Schweinegrippe hat, soll sich impfen lassen, wer Angst vor der Impfung hat, muss es nicht.“ Den Impfverweigerern erklärt er ausführlich, auf welche Symptome sie achten und wann sie den Arzt aufsuchen sollen, um sich behandeln zu lassen.

Lücke, der sich nicht der Riege der Impfkritiker zurechnet, hat sich selbst noch nicht impfen lassen – und erfreut sich guter Gesundheit, „obwohl ich in den vergangenen Wochen engen Kontakt zu mindestens drei Schweinegrippe-Patienten hatte“. Er habe erst kürzlich die Impfung gegen die normale Wintergrippe erhalten, und zwischen den beiden Impfungen sollten drei bis vier Wochen Pause liegen, erklärt er seine bisherige Zurückhaltung. Die will er nach Ablauf der Frist aufgeben und sich dann

den Schweinegrippe-Impfstoff verabreichen lassen. Seine Kollegin in der Praxis sei bereits geimpft, seine Mitarbeiterinnen wollten nicht. Lücke: „Das respektiere ich.“

Die Hamelner Ärztin Marion Rosenberg ist „gar nicht so 100-prozentig überzeugt davon, dass es sein muss, unbedingt jeden zu impfen“. Sie habe lange überlegt, wie sie sich selbst verhalten soll. Eine Infektion hat ihr vorerst die Entscheidung abgenommen. Die Impfung ist aufgeschoben – bis nach dem Urlaub.

Als „ambivalent“ beschreibt Dr. Christoph Garbe die Haltung seiner Hamelner Kollegen zur Schutzimpfung. Wie jeder einzelne es mit sich selber halten werde, könne er allerdings nicht sagen. Garbe hat sich impfen lassen, um sich „zu schützen und gesund zu bleiben für die Kranken“. Ob seine Mitarbeiterinnen in der Praxis sich schon genauso vorbildlich verhalten haben oder noch werden, weiß er nicht, „aber ich hoffe es“. Eine Impfempfehlung gibt Garbe genauso wenig wie er davon abrät: „Ich denke, wer sich impfen lässt, macht nichts verkehrt. Und wenn er sich anders entscheidet, dann ist auch das vertretbar, Risikopatienten ausgenommen.“

„Ich impfe, wenn ein Patient das unbedingt will“, lässt Dr. Iris Mestmäcker eine gewisse Reserviertheit gegenüber der Immunisierung mit dem von der Bundesregierung georderten Impfstoff Pandemrix erkennen. Sie könne nicht recht nachvollziehen, warum den Schweinegrippepatienten im Sommer noch geraten wurde, sie sollten nach Hause gehen und sich auskurieren; und warum „jetzt, wo wir den Impfstoff haben, plötzlich so was wie eine Panik ausbricht“, sagt die Ärztin für Naturheilverfahren und Ernährungsmedizin. Generell zur Impfung raten werde sie „bestimmt nicht“, sondern sich „jeden Patienten einzeln ansehen und in jedem Fall individuell entscheiden“.

Dr. Rolf Fleischer dagegen hat sich nach eingehender Beschäftigung mit allen ihm zur Verfügung stehenden Informationen vom anfänglichen Impfskeptiker zum erklärten Befürworter gewandelt. Mit der Impfbereitschaft von Mitarbeitern im Gesundheitswesen ist der Leiter des Kreis-gesundheitsamtes bis jetzt „recht zufrieden“. Rund 430 Menschen aus diesem Bereich haben sich laut Fleischer bereits impfen lassen, mehr als 300 stehen noch auf der Liste. Allerdings: Als Fleischer Anfang Oktober in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, bei Feuerwehr und Rettungsdienst im Landkreis die Impfwilligkeit abgefragt hat, war die Liste mit 2800 Namen deutlich länger. Als der Impfstoff schließlich verfügbar war, schrumpfte die Zahl der Anmeldungen auf rund 800.

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