weather-image
27°
×

In Redaktionen gehören Versuche der Einflussnahme von außen zum Tagesgeschäft

„Schreiben Sie was Schönes!“

HAMELN. Fast jeder Hamelner Lokaljournalist der Generation Ü40 hat ihn schon einmal gehört. Die ganz alten Hasen der Redaktion sind mit diesem Spruch gewissermaßen „groß geworden“. Es ist eine Floskel, die vom ehemaligen Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont stammt: „Schreiben Sie was Schönes!“. Immer wieder sieht sich der Redaktionsalltag mit der Einflussnahme von außen konfrontiert.

veröffentlicht am 03.05.2017 um 17:19 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:35 Uhr

Lars Lindhorst

Autor

Ressortleiter zur Autorenseite

„Schreiben Sie was Schönes!“ - dies pflegte Karl Heißmeyer bei Versammlungen mit Medienpräsenz immer dann zu sagen, wenn er die Pressevertreter in Richtung Feierabend verabschiedete.

Was wollte der Landrat den Journalisten damit auf den Weg geben? Etwa: „Lassen Sie mal den kritischen Ansatz Ihres Textes beiseite“ – oder: „Schreiben Sie lieber nur das, was meiner Politik auch entspricht“?

Die Abschiedsfloskel „Schreiben Sie was Schönes!“ gehörte zum Standardrepertoire des ehemaligen Landrats und darf getrost als harmloser Versuch gewertet werden, am Tag danach keine (kritische) Überraschung in der Berichterstattung der Zeitung zu lesen. Aber es geht auch ganz anders im Redaktionsalltag mit dem Versuch der Einflussnahme von außen.

Weithin bekannt ist das Beispiel des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff, der einst wutschnaubend und aufgebracht beim Chefredakteur der „Bild“-Zeitung anrief, um die unliebsame Berichterstattung über die Finanzierung seines privaten Wohnhauses zu verhindern. Die Folgen sind bekannt: Wulffs Versuch, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, scheiterte. Die „Bild“ machte die Aufnahme des Anrufbeantworters öffentlich; Wulff trat unter anderem wohl auch deshalb als Bundespräsident zurück.

Journalisten hören in Gesprächen mit Politikern oder Verwaltungsvertretern immer wieder aufs Neue den Satz: „Das schreiben Sie jetzt aber nicht!“ Da unterscheidet die Lokalzeitung rein gar nichts von der überregionalen Presse mit Millionenauflage. Das Problem ist: Journalisten sind doch aber gerade daran interessiert, an Informationen zu gelangen, die der breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Denn es ist schlichtweg ihr Job, exklusive Nachrichten einem Publikum anzubieten. Wer Journalisten Informationen gibt, muss konsequenterweise damit rechnen, dass diese schließlich veröffentlicht werden – Ausnahmen bilden dabei vorab vereinbarte „Hintergrundgespräche“. Sie dienen Journalisten etwa dazu, sich zunächst grundlegende Kenntnisse zu einer Sache anzueignen, die ohne weiteres Wissen schwierig zu bewerten wäre.
Versuche der Einflussnahme gibt es auch, wenn Journalisten aktiv eigene Themen setzen wollen. Dann stellen sie beispielsweise Anfragen bei Verwaltungen. Das läuft gewöhnlicherweise über die zuständigen Pressestellen. In manchen Fällen wird auch hier versucht, dem Journalisten die Arbeit abzunehmen – indem die Sinnhaftigkeit der Anfrage von vornherein angezweifelt wird. Dass Redakteure dann auf ihre Fragen Antworten bekommen wie „Das ist doch aber gar kein Thema!“ oder „Wo ist denn da der aktuelle Ansatz?“ ist weder Einzelfall noch Seltenheit.

Gegen solche und andere Versuche der Einflussnahme müssen Journalisten aber immun sein. Sie dürfen nicht das schreiben, was ihnen gerade so im Kopf herumschwirrt, auch das nicht, was Vertreter aus Politik, Verwaltung, Unternehmen oder Lobbyverbänden von ihnen erwarten zu schreiben. Journalisten sind eben keine Autoren fiktiver Geschichten, sondern müssen sich an den gegebenen Fakten orientieren. Und wenn es in der Berichterstattung Ansätze für Kritik gibt oder sich gar Missstände aufdrängen, dann müssen sie das auch öffentlich machen.

Denn verpflichtet sind Medien einzig und allein den Nachrichten-Konsumenten, den Lesern, Hörern oder Fernsehzuschauern. Gewiss sind die Empfänger journalistischer Beiträge keine homogene Masse. Sie entscheiden selbst, ob sie Berichterstattungen als gut oder schlecht, richtig oder falsch beurteilen. Journalisten geben mit ihren Beiträge im besten Fall Anstöße, die zum Denken und Handeln auffordern. Dazu braucht es die Öffentlichkeit.

Im Gegensatz zu Politikern, Verwaltungschefs oder Verbandsbossen dürfen Leser, Hörer oder Fernsehzuschauer deshalb eine ganz bestimmte Erwartungshaltung an die Journalisten haben: dass sich Berichterstatter an die allgemeingültigen Regeln des Journalistenhandwerks halten. Dazu gehört, dass ein Journalist nur das veröffentlicht, was er nach Recherche und Informationslage selbst für richtig, also für wahr, hält. Er muss Quellen prüfen und angeben, die Sorgfaltspflicht einhalten, die Nachrichten, die verbreitet werden, auf ihren Wahrheitsgehalt kontrollieren. All dies ist in einem Pressekodex zusammengefasst, einer Selbstverpflichtung der Branche.

Ein weiteres Beispiel. Auf einen kritischen Artikel zur Situation in der Gesundheitsbranche, erhielt die Redaktion im Nachgang der Veröffentlichung in der Zeitung kürzlich diese E-Mail: „Gestatten Sie daher die Frage, ob ich Ihnen eine Textversion zuliefern dürfte (…). Selbstverständlich entscheiden Sie als Redakteurin, ob Sie unseren Korrekturwunsch annehmen.“

Besonders in personell gut ausgestattete Pressestellen von Unternehmen, Verwaltungen und Politikerbüros sind oftmals ehemalige Redakteure beschäftigt. Pressesprecher haben meist auch das Journalistenhandwerk gelernt und beherrschen es. Sie kennen die „Klaviatur der Redaktionen“; und sie wissen, dass dort oft unter Stress und Zeitdruck gearbeitet wird. Die Konsequenz liegt nah: Wer es den Journalisten einfach machen will, schickt einen Pressetext mit geschliffenen Zeilen, dazu ein paar Fotos, die der Zeitungsfotograf nicht hätte besser machen können. Die Versuchung in den Redaktionen ist groß, solch einen Text für die eigene Berichterstattung zu übernehmen. Die Gefahr dabei ist, die selbstauferlegten Regeln bei einer Veröffentlichung zu vernachlässigen.

Als „Ritt auf der Rasierklinge“ kann man die Auseinandersetzungen mit Anwälten bezeichnen. Bei „heißen Themen“ kommt es vor, dass den Redaktionen schon im Vorfeld mit juristischen Folgen einer Berichterstattung gedroht wird. Dann kann etwa zur Debatte stehen, ob das berechtigte Informationsinteresse des Publikums dem Schutzinteresse eines Betroffenen angemessen berücksichtigt wird. Am Ende ist es Abwägung, den Artikel, möglicherweise abgeschwächt, zu veröffentlichen oder auch nicht – all dies tun Redaktionen nicht, ohne selbst juristischen Rat hinzugezogen zu haben.

„Schreiben Sie was Schönes!“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort: Journalisten hören den alten Heißmeyer-Spruch heute immer noch. Der Autor dieser Zeilen ist erst vorgestern im Hamelner Schulausschuss mit „Schreiben Sie was Schönes!“ verabschiedet worden. Gesagt hat’s Kurt Meyer-Bergmann, der Ausschussvorsitzende, mit einem Augenzwinkern, das der Schreiberling – der inzwischen mit Erfahrung und „dickem Fell“ ausgestattet ist – so interpretiert: „Schreiben Sie was Schönes! Aber Sie schreiben ja doch, was Sie wollen!“

Information

Welche Rolle spielt die Anzeigenabteilung?

Medienunternehmen handeln auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Allein aus den Erlösen der Leserabonnements lässt sich das Geschäft eines Zeitungsverlags nicht finanzieren; deshalb generieren nahezu alle Medien ihre Umsätze zu einem großen Teil auch aus Werbung – mittels Anzeigen.

Redaktioneller Inhalt und Werbung muss allerdings strikt voneinander getrennt sein. Der Leser muss darauf vertrauen können, dass die Redaktion ihre Beiträge unabhängig vom Einfluss der Anzeigenkunden erstellt. Es gibt hier und da Fälle, in denen sich Anzeigenkunden erbost an die Redaktion oder die Anzeigenabteilung wenden, weil sie sich „nicht angemessen“ in der Berichterstattung gewürdigt fühlen. Argument: Schließlich gehörten sie ja zur zahlenden Kundschaft.
Ein angenommener Fall: Im altherwürdigen Hamelner Hochzeitshaus, einem Markenzeichen der Rattenfängerstadt und zentrale Anlaufstelle für Tausende Touristen, wird nach vielen Jahren des Leerstands wieder ein Café eröffnet. Für die Redaktion ist dieses Ereignis berichtenswert. Denn es geht dabei auch um öffentliches Interesse, der ein breites Publikum interessieren könnte. Tenor der Berichterstattung: Der Leerstand im Hochzeitshaus hat ein Ende; ein Café zieht ein.

Anders ist es, wenn etwa 200 Meter weiter ein Café in einer Ladenzeile der Fußgängerzone eröffnet. Die Redaktion würde mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Anzeigenabteilung verweisen. Denn dieses Café in der Ladenzeile hat keinen so großen öffentlichen Stellenwert wie das Hochzeitshaus. Will der Betreiber in die Zeitung, so muss er das über eine bezahlte – und in der Zeitung eindeutig gekennzeichnete – Anzeige tun. Konfliktfrei ist das Verhältnis von Redaktion und Anzeigen in einer Zeitung nicht. Anzeigenberater würden sich gewiss wünschen, wenn ihre Kunden in der redaktionellen Berichterstattung mehr Gehör finden würden. Aber darauf darf redaktionelle Berichterstattung keine Rücksicht nehmen, denn damit setzt sie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.



Links zum Thema

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige