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Der Hamelner Lars Bode forscht in San Diego und gilt als Experte im Bereich der Glykobiologie

Schlecht in Bio – aber ein Ass in „Muttermilch“

Hameln. Als Schüler am Albert-Einstein-Gymnasium war er schlecht in Englisch und hat die Fächer Biologie und Chemie nach der 11. Klasse abgewählt. Heute ist Lars Bode erfolgreicher Forscher auf dem Gebiet der Zuckerforschung, lebt in San Diego, Kalifornien, verfasst englischsprachige Artikel für Bücher und plädiert auf seinen Reisen rund um den Globus dafür, dass Mütter ihre Kinder doch bitte stillen mögen. Birte Hansen wollte mehr über Lars Bode und seine Arbeit wissen:

veröffentlicht am 20.08.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 04:21 Uhr

Lars Bode mit seiner Tochter Sedona im Labor in San Diego. Nur selten verschlägt es den Hamelner noch in seine Heimatstadt: &bdq
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San Diego – beim Gedanken an Kalifornien geraten viele ins Schwärmen. Ist das Leben dort so lebenswert, wie viele es sich vorstellen?

Ja! San Diego ist der absolute Traum! Hier regnet es etwa 20 Tage im Jahr, ansonsten scheint die Sonne. Im Sommer bewegen sich die Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad. Im Winter werden es selten weniger als 12 bis 15 Grad (Plus!). In knapp zwei Stunden ist man von der Küste in den Bergen. Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, denke ich oft, wie unglaublich es ist, dass ich in diesem Paradies leben kann – und dafür auch noch bezahlt werde.

Was schätzen Sie am meisten?

Die Nationalparks im Südwesten der USA allein sind eine Reise wert. Der Grand Canyon fasziniert mich jedes Mal von neuem. Kulturell wird hier auch einiges geboten. San Diego und Los Angeles haben tolle Museen, Konzerte und Sportevents. Bei der Fußballweltmeisterschaft schlägt das Herz dann aber natürlich für Deutschland.

Wo so viel Sonne ist, muss doch aber auch Schatten sein, oder?

Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden. Die Lebenshaltungskosten sind hoch und die Arbeitszeiten lang. Oft habe ich 12 bis 16 Stunden am Tag im Labor verbracht, sechs bis sieben Tage die Woche. Und das Gehalt hat am Anfang gerade gereicht, um eine Ein-Zimmer-Wohnung zu bezahlen. Außerdem bekommt man weniger Urlaub als in den meisten europäischen Ländern. Andererseits ist es hier fast jedes Wochenende wie im Urlaub: Barbecue im Garten, Schwimmen im Pool oder im Meer.

Wie kamen Sie überhaupt auf das Forschungsgebiet Muttermilch und Milchzucker?

Das ist eine lange Geschichte.

Angefangen hat alles bei Family Fitness in Hameln. Mein Freund Arndt Brockmann hat mich damals mit zum Probetraining mitgenommen. Da waren wir 15 oder 16 Jahre alt. Danach war ich vom Fitnesssport nicht mehr loszubekommen. Ich habe fast jeden Tag trainiert und mich gesund ernährt. Zum Leidwesen meiner Eltern und meines Bruders, die mit meinem Ernährungsplan nicht viel anfangen konnten. Irgendwann hat mein Bruder dann gefragt, warum ich nicht Ernährungswissenschaften studiere. Ein paar Monate später war ich an der Universität in Gießen im Fach Ernährungswissenschaften eingeschrieben, und Biologie, Chemie und Biochemie waren schnell meine Lieblingsfächer. Während meiner Studienzeit habe ich ein Praktikum am Max-Planck-Institut gemacht und ein weiteres bei Milupa. Bei Milupa hatte ich meinen ersten Kontakt mit der Erforschung der Muttermilch. In der Doktorarbeit ging es um die molekulare Erforschung komplexer Milchzucker und deren Effekt auf das Immunsystem des gestillten Säuglings. Am Ende meiner Promotion war mir klar, dass ich gerne in der Forschung bleiben möchte und dass ich dort nur erfolgreich sein kann, wenn ich mir zusätzliche Erfahrung in der Zuckerforschung aneigne.

Und warum San Diego?

San Diego ist weltweit das Mekka der Zuckerforschung (Glykobiologie) mit den besten Forschergruppen auf diesem Gebiet. Durch mein zusätzliches Training in Glykobiologie war ich nach ein paar Jahren weltweit einer der wenigen Ernährungswissenschaftler, der auch Experte im Bereich Zuckerforschung ist. Das National Institute of Health hat das 2008 mit dem innovativen Pathway to Independence Award gewürdigt. Damit wurde ich an der University of California, San Diego, als Professor eingestellt und konnte meine eigene Forschungsgruppe aufbauen.

Welches Ziel haben Ihre Forschungen?

Ein Großteil meiner Forschung ist den komplexen Milchzuckern gewidmet. In der Humanmilch gibt es davon zwischen 150 und 200 verschiedene Humanmilch- Oligosaccharide, kurz HMO. Ein Liter Humanmilch enthält insgesamt etwa 10 bis 15 Gramm HMO, was im Vergleich zu anderen Inhaltsstoffen sehr viel ist. Die Milch von anderen Säugetieren enthält sehr viel weniger HMO (wenn überhaupt), und die Moleküle sind wesentlich weniger komplex. Die Humanmilch ist in Bezug auf HMO einzigartig. Dabei ergeben sich zwei fundamentale Fragen, die mein Labor versucht zu beantworten. Warum und wie? Warum enthält Humanmilch diese HMO? Was sind die Vorteile für den gestillten Säugling? Schützen HMO den Säugling vor bestimmten Erkrankungen? Haben HMO langfristige Vorteile, wenn der Säugling älter wird und schon lange nicht mehr gestillt wird? Andersherum kann man fragen: Was enthalte ich meinem Neugeborenen vor, wenn ich nicht stille, sondern stattdessen auf Säuglingsmilchnahrung zurückgreife?

Was leisten denn HMO im Körper?

Sie sind prebiotisch und helfen bei der Entwicklung einer gesundheitsfördernden „Darmflora“ oder „Mikrobiota“, wie man heute sagt. Bestimmte Bakterien im Darm des Säuglings sind sehr hilfreich für die Gesundheit und Entwicklung des Kindes und ihre Anwesenheit ist erwünscht. Andere Bakterien tragen zu Erkrankungen bei und sind deshalb natürlich eher unerwünscht. HMO unterstützen die guten Bakterien im Kampf gegen die krankheitserregenden Bakterien. Das kann man sich fast so vorstellen wie beim Computerspielklassiker PacMan. Nur, wenn PacMan die Bonuspunkte aufsammelt, kann er die gefräßigen Monster besiegen. „PacMan“ ist in unserem Fall die guten Bakterien und die HMO sind die Bonuspunkte. Aus diesem Grund sind gestillte Kinder zum Beispiel wesentlich weniger anfällig für infektiöse Durchfallerkrankungen.

Was waren Ihre jüngsten Erfolge?

In einem Projekt haben wir vor kurzem einen Durchbruch erleben dürfen. Im Bereich der Frühgeborenenversorgung entwickelt leider fast jedes 15. Frühgeborene eine sogenannte nekrotisierende Enterokolitis, eine sehr schwere Darmerkrankung, an dessen Folge fast jedes vierte Frühgeborene verstirbt. Wir konnten ein ganz spezifisches Molekül isolieren, das für den Schutz verantwortlich ist. Derzeit untersuchen wir, wie genau dieses Molekül in den Krankheitsverlauf eingreift und das Frühgeborene schützt. Wir hoffen, dass diese Entdeckung den Frühgeborenen hilft und damit Leben rettet. Im Allgemeinen geht es also darum, durch medizinische Forschung die Natur besser zu verstehen und von der Natur zu lernen, wie wir uns besser gegen Infektionen und Krankheiten schützen können. Das Spannende an unserer Arbeit ist, dass wir Zusammenhänge entdecken dürfen, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Einiges von dem, was wir heute im Labor entdecken, wird vielleicht in 10 oder 15 Jahren in den Biologie-, Chemie- und Medizin-Lehrbüchern stehen. Die Bücher, die ich am Albert-Einstein-Gymnasium in Hameln bereits in der 11. Klasse abgewählt habe…

Wer finanziert die Forschungsarbeiten?

Zum Teil wird meine Forschung vom National Institute of Health finanziert. Andere Projekte werden von Industriepartnern unterstützt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat die ersten Jahre meines Forschungsaufenthalts in San Diego unterstützt. Dann wurde ich als Wissenschaftler vom Burnham Institute for Medical Research bezahlt. Und schließlich habe ich einen mit knapp einer Million Dollar dotierten Forschungspreis bekommen und wurde an der University of California, San Diego, als Professor eingestellt – mein absoluter Traum!



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