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Hamelner Bankbeschäftigte erlebten manche Überraschung bei ihrer Aufbauhilfe im Osten

Schlangestehen vor der Sparkasse

Hameln / Brandenburg / Quedlinburg/Wernigerode. Als „rustikal“ empfand Thorsten Beißner die Alarmanlage der Sparkasse in der Stadt Brandenburg: „Sie bestand aus einem Klingelknopf, von dem eine Verbindung durch die Wand zum Tante-Emma-Laden nebenan führte“, schildert der Angestellte der Sparkasse Weserbergland. „Bei Gefahr leuchtete dann dort eine Lampe auf.“ Und das machte Sinn, denn im Gegensatz zur Sparkasse hatte das Lebensmittelgeschäft ein Telefon. Die Mitarbeiterin konnte also die Polizei anrufen – „sofern sie das Leuchten der Lampe bemerkt hätte“. Generell sei das Überfallrisiko damals in der DDR aber als ziemlich gering eingeschätzt worden. „Geld war zwar in der Sparkasse zur Genüge vorhanden, aber was hätte man davon kaufen sollen?“, sagt Beißner, der vor der Währungsumstellung im Sommer 1990 als Experte aus dem Westen im Osten aushalf – so wie über die Zeit verteilt auch 20 weitere Sparkassenmitarbeiter aus Hameln.

veröffentlicht am 13.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

Maike Schaper
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Was den „Wessis“ auffiel: Das Kollegium im Osten war rein weiblich. Und eine technische Ausstattung war nicht vorhanden. „Alles musste per Hand erledigt werden.“ Um die für die Währungsumstellung nötigen Anträge zu stellen, mussten die Kunden mitunter in langen Schlangen vor den Filialen warten. „Insgesamt war es aber eine Zeit, die ich nicht missen will“, bilanziert der Sparkassen-Mitarbeiter.

So empfindet es auch der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Hameln-Stadthagen, Heinz-Walter Wiedbrauck. Er hat Aufbauhilfe bei der Raiffeisenbank in Quedlinburg geleistet. Aus Neugier hatte er nach einem Besuch der Leipziger Messe im März 1990 in Quedlinburg angehalten. In der Steinstraße hatte er spontan die Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüter (BLN) betreten. „Dort traf ich den Leiter Rolf Jahn und verabredete mit ihm eine Kooperation unserer Banken.“ Jahn holte auch die dortige Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) mit ins Boot. Mit der neuen Genossenschaftsbank, der Raiffeisenbank Quedlinburg, schloss die Hamelner Volksbank einen Beratungsvertrag. In der Raiffeisenbank gab es damals noch keinen Kundenverkehr, dafür waren die Sparkassen in der DDR zuständig. „Im Mai 1990 eröffneten wir in Quedlinburg eine neue Schalterhalle mit Glaswänden, die wir aus einer geschlossenen Volksbank-Filiale aus dem Weserbergland besorgten. Unsere ersten Kunden holten wir noch wirklich zu Fuß aus den langen Schlangen vor der Sparkasse und brachten sie rüber zur Raiffeisenbank“, erzählt Wiedbrauck. Die Beratungs- und Hilfstätigkeit der Volksbank dauerte sechs Jahre. Der Volksbankchef oder ein Vertreter waren einen Tag pro Woche in Sachsen-Anhalt. „Das waren dann immer lange Tage. 162 Kilometer weit ist die Strecke von Hameln nach Quedlinburg.“

Das Telefonieren

zwischen Ost und West war ein großes Problem

Wiedbrauck wundert sich noch heute: „Was man sich im Westen kaum vorstellen konnte: Das Geld wurde damals einfach im Aufsatz eines Tisches gelagert. Erst als die D-Mark kam, hat man sie in richtige Tresore getan.“ Jedes Jahr wurden fortan drei neue Auszubildende aus dem Kreis Quedlinburg bei der Volksbank im Weserbergland geschult. Einer von ihnen gehört heute im Osten zum Bankvorstand, freut sich sein Hamelner Kollege.

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Die Stadtsparkasse Hameln hat nach der Wende geholfen, beim Partner in Wernigerode auf das westliche Bankensystem umzustellen. Da ging es dann auch um die Einführung von Geldautomaten, Kontoauszugsdruckern und ec-Karten. Andreas Hopp und Hans-Jörg Nulle aus der Rattenfängerstadt waren bei der Kreissparkasse Wernigerode tätig. „Wir sind dort hingekommen, um zu helfen. Dabei war es für uns eigenartig, dass selbst simpelste Dinge mit riesigen Schwierigkeiten verbunden waren“, erzählt Hopp. „Wenn man telefonieren wollte, konnte es schon mal einen ganzen Tag dauern, bis man eine Verbindung bekam. Hatte man eines der riesigen mobilen Telefone im Auto, musste man erst auf einen Berg fahren, um Empfang dafür zu bekommen.“ Bis auf Fernschreiber war in den Filialen keine Technik vorhanden.

„Es gab tatsächlich auch Sparbücher mit negativem Saldo“, sagt Nulle. „So etwas würde es im Westen nie geben. Das sind dann Dinge, da brach für uns auch mal eine Welt zusammen.“ In den ersten beiden Monaten nach der Umstellung auf das westliche Bankensystem strömten die Ostdeutschen in die Sparkassenfilialen. Es bildeten sich durch die neugierigen Ex-DDR-Bürger lange Schlangen vor den Banken und in den Schalterhallen wie zu Zeiten der Währungsumstellung.

Hans-Jörg Nulle möchte die Erfahrung nicht missen. „Solche Pionierarbeit kann man nur ganz selten leisten. Als die Grenze gerade offen war, war es ein Abenteuer, in den Osten zu fahren.“ Da ist sich Andreas Hopp mit ihm einig: „Man kommt schon etwas anders wieder zurück.“

Schlange vor der Sparkasse in der Stadt Brandenburg kurz vor der Währungsumstellung 1990:

Die Mitarbeiter meisterten die Herausforderung mit Hilfe aus Hameln.

Foto u.: Angestellte Quedlinburger Kreditinstitute informieren sich in der Hamelner Volksbank über die westliche Technik.pr

Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 beteiligten sich viele Menschen am „Aufbau Ost“. Wichtige Beiträge leisteten auch Mitarbeiter Hamelner Kreditinstitute.

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