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Ausstellung nimmt Protest in den Fokus

„Schlacht um Grohnde“ im Hamelner Münster

HAMELN. 40 Jahre „Schlacht um Grohnde“: Eine Ausstellung, die die Ereignisse mit grundsätzlicher Sympathie betrachtet, aber weder einordnen noch bewerten will, sagt der Historiker Bernhard Gelderblom. Getragen wird sie von kontroversen Erfahrungsberichten: Zu Wort kommen Menschen, die am Geschehen beteiligt waren, darunter auch Polizeibeamte. Zu sehen ist die Ausstellung ab Freitag und bis zum 7. April im Hamelner Münster.

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

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Als „Schlacht um Grohnde“ ging die Demonstration am 19. März 1977 in die Geschichte ein. Presse und Politik wählten damals eine martialische Sprache, um die Ereignisse rund um das geplante Kernkraftwerk zu beschreiben. Die Bild-Zeitung titelte: „Die Chaoten hatten Waffen für Millionen“, der Spiegel schrieb von einem „bösen Massaker“ und dem „bisher blutigsten Gefecht“. Einzig ein Zeit-Journalist schrieb kritisch von einem „Prozess des Aufschaukelns“. Ein Prozess, der am Ende 800 Verletzte forderte. Viele AKW-Gegner wurden festgenommen. Zwischen 15- und 20000 sollen an diesem Tag im März dort gewesen sein.

Doch wie war es soweit gekommen? „Wirklich aufgearbeitet wurden die Ereignisse nie“, sagt Bernhard Gelderblom. Grund genug für den Historiker, dem Thema im Rahmen einer Ausstellung nachzugehen. Sie heißt „40 Jahre ‚Schlacht um Grohnde‘“ und wurde von der 2011 gegründeten Regionalkonferenz „AKW Grohnde abschalten“ in Auftrag gegeben.

Die Ausstellung betrachtet den Protest von damals mit grundsätzlicher Sympathie – wenn auch mit zeitlichem Abstand – und möchte weder einordnen noch werten. Sie konzentriert sich auf die 13 Jahre vor Beginn des Widerstands 1973 bis zum Höhepunkt 1977 und seinem vorläufigen Erlöschen 1984/85. Die Zeit von 1985 bis heute findet sich auf einer Zeittafel wieder.

Getragen wird die Ausstellung von kontroversen Erfahrungsberichten: Zu Wort kommen Mitglieder verschiedener Widerstandsgruppen, Polizeibeamte, Anwohner, sogar zwei Aktivisten aus dem damals gewaltbereiten Kreis, der vornehmlich aus Hamburg und Bielefeld angereist sei. „Es ist auch eine Leseausstellung geworden“, sagt Gelderblom, „für die Berichte sollten die Besucher ein wenig Zeit einplanen.“

Der Protest im Weserbergland habe sich damals vom anfänglichen Mauerblümchendasein zu einer vielschichtigen Bewegung entwickelt, erläutert der Historiker. Die AKW-Gegner hätten es nicht leicht gehabt, denn die Bewegung wurde nicht von breiten Schichten der Bevölkerung getragen, sondern hatte Politik und Presse gegen sich – auch die heimische. Besonders in den Dörfern, die vom Betreiber hofiert wurden, sei der Konflikte brutal gewesen. „Der Riss ging mitten durch die Familien“, erinnert sich Marktkirchenpastor Thomas Risel. Auch die Pastoren, die sich der Bewegung anschlossen, bekamen Druck von oben. Die Ereignisse vom 19. März hätten beide Seiten schockiert, ein Stück weit gelähmt, sagt er.

Von diesem Zeitpunkt an charakterisiert Grohnde das militanteste Ereignis der AKW-Bewegung. Ein Aktivist schreibt: „Unter dem Schock des 19. 3. wollten wir zuerst resignieren. Das AKW aber wird weitergebaut. Deshalb muss unser Anliegen erst recht sein: kein Atomkraftwerk in Grohnde und anderswo.“

Die heimischen Gruppen besinnen sich auf die eigene Kraft. Sie bekennen sich zur Gewaltfreiheit und arbeiten weiter, bis das AKW 1985 ans Netz geht. Bis heute beschäftigen sie sich mit dem, „was im Inneren des AKW vor sich geht.“ Es ist vor allem diese Beharrlichkeit und der Mut zum jahrelangen Widerstand unter schwierigen Bedingungen, den die Ausstellung würdigen möchte, ohne dabei in Nostalgie und Heldenverehrung zu verfallen.

Freitag, 17. März, 16 Uhr: Ausstellungseröffnung „40 Jahre Schlacht um Grohnde“ im Hamelner Münster, Grußworte von Pastorin Friederike Grote, Landrat Tjark Bartels und Peter Dickel, Sprecher der Regionalkonferenz „AKW Grohnde abschalten“, Einführung von Bernhard Gelderblom. Die Ausstellung läuft bis zum 7. April.

Samstag, ab 15 Uhr: Geschichtsmarkt in der Sumpfblume, Gesprächsrunden mit Zeitzeugen, Clips, Filmen und Videos aus 40 Jahren.

Sonntag, 19. März, 10 Uhr: thematischer Gottesdienst im Münster, mit Eckhard Bretzke, Rolf Adler und Thomas Risel.

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