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Die Briefmarkensammler werden weniger – dabei sind die bunten Marken ein Spiegel der Welt im Miniformat

Schätze, die keiner haben will

Meine Freundin und ich waren wohl um die neun Jahre alt, als wir anfingen, Briefmarken zu sammeln. Voller Lust durchforstete ich täglich die Post, besonders ergiebig waren die Sommerferien, wenn Freunde und Verwandte aus fernen Ländern Postkarten mit exotischen Marken schickten. Der Jagdtrieb wurde stärker, als ein bayerischer Großonkel starb. Ein halbes Leben lang hatte er gesammelt. Weil sie nicht wusste, wohin damit, drückte seine Tochter mir einen Pappkarton mit einem Teil der Sammlung in die Arme. Es waren sorgfältig sortierte Ersttagsbriefe, aber auch viele lose Marken, unter anderem mit den Abbildern Hitlers und Hindenburgs. Ich wähnte mich im Besitz eines großen Schatzes, über den man besser nicht allzu viel sprach. Bevor ich komplett zu Gollum mutieren würde, musste ich mir Klarheit verschaffen und schleppte die Kiste zum Schätzen ins Schreibwarengeschäft Steiniger nach Hameln, wo man damals auch Sammlermarken erstehen konnte. „400 DM alles zusammen“, konstatierte der Herr mit Lupe. Ich konnte meine Enttäuschung kaum verbergen, auch wenn das für meine Verhältnisse viel Geld war.

veröffentlicht am 17.12.2013 um 18:22 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 11:21 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Heute würde man wahrscheinlich noch weniger bekommen. „Die Nachfrage bestimmt den Preis“, sagt Jürgen Seeger. Er ist seit gut 30 Jahren Vorsitzender der Hamelner Philatelisten, genauer gesagt einer Gruppierung von 34 grauhaarigen Herren und einer Dame. Der Jüngste unter ihnen ist 50 Jahre, die beiden Ältesten sind über 90 Jahre alt. „Briefmarken sammeln ist eben nicht mehr in“, sagt Seeger. Nachwuchs sei nicht in Sicht, das gehe auch anderen Vereinen so. Die Konkurrenz durch Spielekonsolen, Internet und Fernsehen ist wohl einfach zu groß, vermutet Seeger.

Damals, als er als Zehnjähriger anfing zu sammeln, gab es neben Briefmarken höchstens Margarinebildchen. Seeger entschied sich für die Briefmarken und betreibt das Hobby bis heute mit großer Liebe und Akribie. Wie die meisten Briefmarkenliebhaber sammelt er themenorientiert, „und zwar alles, was mit Gutenberg, Druck, Zeitung und Papier zu tun hat“. Hobby und Beruf haben bei ihm eben einige Parallelen: 43 Jahre lang war der 71-Jährige in der Druckerei CW Niemeyer beschäftigt, lange Zeit als Technischer Leiter. Vor fünfeinhalb Jahren hat er das Druckereimuseum mit Sitz im Hefehof gegründet. Stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Motivgruppe Papier und Druck ist er außerdem.

Postgeschichtlich interessiert ihn die Zeit der Vorphilatelie, in der es noch keine Briefmarken gab, aber Botendienste. Derzeit ist Seeger mit der Aufarbeitung der Franzosenzeit in Hameln beschäftigt, als die Stadt zum Königreich Westfalen gehörte und Napoleons Bruder Jérôme regierte. „Wer Briefmarken sammelt, weiß mehr von dieser Welt“, sagt Seeger, „das ist Geschichte live.“

Geschichtskenntnisse und Briefmarken sind von jeher eng verknüpft. Wer sich für das eine interessiert, den lässt das andere selten kalt. Sichtbar wird das auch an seinen wertvollen Exponaten, die er für Ausstellungen gefertigt hat. Seeger holt einige davon aus seinem Safe und breitet sie vorsichtig auf dem Tisch aus. Sie beinhalten neben Marke oder Brief auch die geschichtlichen Hintergründe, Seeger hat sie in Kurzform dazugeschrieben. Oft hat er für seine Exponate Auszeichnungen in Gold, Silber, Bronze oder Vermeil auf allen Ebenen bekommen – meistens war es Gold.

Nicht nur die Geschichte der Briefmarken, auch die der Hamelner Sammler erforscht Seeger. Offiziell gibt es den Verein seit 1921 – weil es aus dieser Zeit eine Postkarte gibt. Alle anderen Unterlagen wurden beim Brand des Rathauses 1945 vernichtet. „Der Verein war aber schon 1886 aktiv“, sagt Seeger. Ein Mitglied sei der Weinhändler Pflümer gewesen, von dem noch Korrespondenz existiere.

Die letzte große erfolgreiche Ausstellung in Hameln der Philatelisten war 2009 in der Rattenfängerhalle. An eine weitere sei nicht zu denken. „Wir schaffen das nicht mehr, weder finanziell noch körperlich“, sagt Seeger. Die Überalterung des Vereins macht den Briefmarkensammlern große Sorgen. Vor allem ist da eine Frage, die nicht wenige umtreibt: „Was passiert mit meiner Sammlung, wenn ich mal nicht mehr bin?“ Jürgen Seeger seufzt tief. „Ja, da ist ein großes Fragezeichen“, sagt er.

Die Hoffnung, die Sammlung an seinen Sohn vererben zu können, nährt er längst nicht mehr. Der habe auch eine Sammlung gehabt, die aber in seinem Erwachsenenleben keinen Platz hat. Als er auszog, habe er zu ihm gesagt: „Papa, meine Briefmarkensammlung lasse ich dann mal hier bei dir.“ So wie Jürgen Seeger geht es vielen Philatelisten. Immer wieder bekommt er deshalb Anrufe von Sammlern. Oder den Hinterbliebenen der Sammler, die nicht wissen, was sie mit den vielen Briefmarken von Opa machen sollen. „Den Tipp, sie an ein Auktionshaus zu geben, kann ich nur selten geben“, sagt Seeger. Bei Auktionen kann man in kürzester Zeit am meisten über Briefmarken erfahren, hier treffen Angebot und Nachfrage aufeinander, hier bildet sich das aktuelle Preisgefüge. Deutschland hat eine lange Auktions-Tradition und verfügt weltweit über die größte Dichte an Auktionshäusern.

Doch viel öfter muss Jürgen Seeger den Tipp geben, die Sammlung zu verschenken oder sie nach Bethel zu schicken. Seit 125 Jahren arbeiten in der Briefmarkenstelle Bethel Menschen mit Behinderung. Sie sortieren und reinigen die Postwertzeichen in der Briefmarkenstelle. Jeden Werktag kommen mehr als 400 Pakete, Päckchen und Briefe mit Marken in der Briefmarkenstelle an. Jährlich sind es 29 Tonnen. „Wir bekommen heute mehr Briefmarken als früher“, sagt Diakon Hans-Werner Mohrmann, der seit Anfang 2001 die Briefmarkenstelle leitet.

Die Sammlungen, die niemand mehr haben will, überschwemmen den Markt und drücken den Preis, sagt Seeger. Die Maueröffnung 1989 habe eine zusätzliche Sättigung gebracht. Marken der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis heute, die einen Katalogwert von 2500 bis 3000 Euro haben, könne man schon für 1000 Euro ersteigern. Den wertvollen „Posthornsatz“, der im Katalog mit 2000 Euro angegeben ist, gibt es schon für 800 Euro. „Geld bringen nur noch die Marken bis 1955“, weiß Seeger. Während Briefmarken früher als Aktie des kleinen Mannes galten, zählen heute nur Spitzenwerte. Mit Massenware könne man keinen Gewinn machen. Das Interesse gilt den Spezialitäten, wie zum Beispiel den altdeutschen Staaten“, erklärt Seeger. Groß im Kommen sei beispielsweise seit der Öffnung des Landes China.

Doch der Geldwert ist für die meisten sekundär. Für Jürgen Seeger und seine Vereinskollegen steht das Sammeln im Vordergrund. Das war bei mir nicht anders – bis auf die kurze Phase des „Schatzfiebers“. Vielleicht suche ich meine Sammlung wieder hervor, die gibt es nämlich noch. Sie steht bei meiner Mutter.

Termin: Die Hamelner Philatelisten treffen sich jeden dritten Freitag im Monat um 20 Uhr im Hotel „Zur Krone“.

Soll ich Dir meine Briefmarkensammlung zeigen? Der Anmachspruch ist so alt wie das Hobby selbst, und Frauen konnten Männer damit wohl noch nie in ihre Höhle locken. Immerhin galten Briefmarken lange als Aktie des kleinen Mannes, doch die können bekanntlich in den Keller stürzen. Bei Briefmarkensammlern zählen heute nur noch Spitzenwerte. Und diejenigen, die aus reiner Leidenschaft sammeln, werden immer weniger.



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