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Verfassungsschutz wird bei Al-Rahman-Verein fündig / Vorsitzender El Charif lässt Bücher löschen

Salafistische Prediger auf der Internetseite

Hameln (wer). Dass der Verein „Al Rahman für Integration“, der in Hameln eine Moschee errichten möchte, dem islamistischen Spektrum angehören könnte, darüber liegen dem Niedersächsischen Verfassungsschutz „keine Erkenntnisse“ vor. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Auf der Internet-Seite der Vereins wird fündig, wer nach islamistischer Literatur sucht. Sogar „einen Großteil“ der dort verbreiteten deutschsprachigen Werke ordnet der Verfassungsschutz dem radikal-islamischen Spektrum zu. Gestern, nachdem die Dewezet den Verein mit diesen Erkenntnissen konfrontierte, wurden die allermeisten Bücher von der Seite gelöscht.

veröffentlicht am 20.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 03:41 Uhr

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Die überwiegende Zahl der Bücher sei salafistischen oder wahhabitischen Strömungen zuzurechnen, sagt Dr. Stephan Walter, Leiter der Ex-tremismus-Informationsstelle beim Verfassungsschutz. So fanden sich bei Al-Rahman mehrere Werke, die der „Deutsche Informationsdienst über den Islam e.V.“ verbreitet – ein Institut, das vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg als salafistisch eingestuft wird. 15 Publikationen stammten nach Angaben der niedersächsischen Verfassungsschützer von der Organisation „Islamhouse.com“, die ebenfalls dem salafistischen Spektrum zugeordnet wird. Auch der salafistische Agitator Pierre Vogel war mit einem Werk vertreten.

Mehrere auf der Vereinsseite platzierte Bücher werden im niedersächischen Verfassungsschutzbericht 2011 darüber hinaus als einschlägig für die salafistische Doktrin zitiert. Im Herbst vorigen Jahres war bei Al Rahman zudem ein Werk zu finden, das von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien als „jugendgefährdend“ indiziert wurde. In diesem Buch wird die Züchtigung „ungehorsamer Frauen“ im Zweifel auch durch Schläge empfohlen.

Es ist nicht die einzige Anleitung zur Gewalt, die der Verein im Netz weiterverbreitet hat. So empfiehlt ein anderer Autor, Kinder vom zehnten Lebensjahr an „notfalls, wenn es gar nicht anders geht, durch Schläge“ zum Gebet zu zwingen.

Die Weltsicht, die auf der Internetseite bis gestern relativ durchgängig vermittelt wurde, postuliert eine radikale Ungleichheit der Menschen – von Frauen und Männern, aber auch von Muslimen und Nicht-Muslimen. Da wird Polygamie zum vornehmsten Recht des Mannes erklärt und Heiratseinschränkungen zur Pflicht der Frau. Das „Verbot der Mehrehe für Frauen“ begründet ein Autor ernsthaft damit, dass Männer im Konfliktfall das letzte Wort hätten, wodurch es bei mehreren Ehemännern „zu Kompetenzkonflikten“ kommen könne.

In der Sphäre von Ehe und Familie klaffen patriarchales islamisches Recht und deutsche Grundrechte am augenfälligsten auseinander – aber nicht nur hier wird die „Scharia“ zum Maß aller Dinge erhoben. Werke wie das von Feisal Maulawi über „Die Schariagrundlagen für das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen“ ergehen sich in seitenlangen Abhandlungen darüber, warum ein Frieden mit Israel für Muslime niemals bindend sein könne, während man in anderen westlichen Ländern wegen abgeschlossener Verträge nicht im „Kriegszustand“ lebe, sondern die Ungläubigen nur zum Islam „einladen“ solle.

Was mit den Ungläubigen geschieht, wenn sie ungläubig bleiben, verrät das Buch eines Theologieprofessors aus Saudi Arabien: „Diejenigen, die mit einer anderen Religion als dem Islam sterben, werden im Jenseits zu den Verlierern gehören und werden im Höllenfeuer gefoltert.“ Bereits im Diesseits ereilt das Schicksal diejenigen, die dem Islam abtrünnig werden – der Gelehrte gibt einen Freibrief zur Gewalt: „Es ist ein schweres Verbrechen, dem Islam abtrünnig zu werden und wird mit dem Tod bestraft.“

Wohlgemerkt: Es ist nicht der Al-Rahman-Verein selbst, der all diese Positionen vertreten hat. Auch Dr. Walter vom Landesamt für Verfassungsschutz stellt klar, der Verein würde nicht beobachtet, denn die Inhalte seien „nicht unmittelbar dem Verein zuzurechnen“.

Aber: Al Rahman hat dieses Gedankengut im Internet verbreitet. Und dem Verfassungsschutz sei „aufgefallen“, formuliert Walter, dass von 51 deutschsprachigen Publikationen auf der Vereinsseite „ein Großteil“ dem islamistischen Spektrum zuzuordnen sei. Ausgewählt wurde offenbar nicht nach Zufallsprinzip.

Dafür spricht auch die Vorgeschichte. Denn die Dewezet hatte Omar El Charif, den Vorsitzenden des Al-Rahman-Vereins, bereits vor knapp einem Jahr mit der zweifelhaften Literaturauswahl konfrontiert. Schon damals triefte die Internetseite vor radikalen Positionen. Im Interview berief sich El Charif zum Teil auf Unwissenheit und distanzierte sich vom Salafismus. Nach dem Interview teilte er der Redaktion mit, er werde sich mit den Büchern beschäftigen und „alles, was nicht passend ist, entfernen lassen“. Zunächst gingen alle Bücher vom Netz – später waren viele wieder abrufbar.

Auf den aktuellen Bücherkanon angesprochen, reagiert El Charif gestern wie vor einem Jahr: Er kündigt an, die Literatur vom Netz zu nehmen – was kaum eine Stunde später zum Großteil auch geschieht. Weil die Bücher dem Verein „so viele Unannehmlichkeiten“ bereiten würden, wolle er sie jetzt „ein für alle Mal löschen“. Und El Charif betont erneut: „Mit Salafismus haben wir nichts zu tun, wir sind eine kleine liberale Gemeinde.“

Der Vorsitzende sagt, dass er bereits nach dem Interview im Juli 2011 einen Teil der Bücher vom Netz genommen habe, darunter das als „jugendgefährdend“ indizierte Buch (das sich allerdings noch im September auf der Seite befand). Er habe dies getan, nachdem er „alle Bücher überprüft“ habe. Viele davon habe er selbst gelesen.

Warum dann immer noch so viele radikale Werke auf der Seite stehen? Eine klare Antwort bleibt der Vorsitzende schuldig. Den Vorwurf, salafistischen Positionen eine Bühne zu bieten, weist er aber zurück: „Das sind nur Informationen, wer sie haben will, kann sie sich holen.“ Auf das Werk von Pierre Vogel angesprochen, sagt El Charif, es sei ihm egal, ob „Vogel oder ein anderer Vogel“ das Buch geschrieben habe, es komme doch nur auf den Inhalt an.

Das wiederum sieht das Landesamt für Verfassungsschutz ähnlich. Der Chef der Extremismus-Stelle warnt davor, durch wachsende alltägliche Propaganda könnten „extreme Positionen zur Normalität werden“ und „schleichende Akzeptanz“ finden.


Wer nach islamistischer Literatur sucht, wurde bis gestern auf der Internet-Seite von „Al Rahman“ in Hameln fündig. Montage: Dana



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