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55-Jährige kämpft vor Gericht weiter um Schmerzensgeld

Sachverständiger entlastet Sana-Arzt

Hameln/Hannover. Hilde Vogt (Name geändert) kämpft derzeit auf mehreren Ebenen. Die 55-Jährige kämpft zum einen mit dem Alltag. Grund ist ein sogenanntes Tracheostoma, eine künstliche Öffnung der Luftröhre, mit der sie leben muss. Das bedeutet: Beim Atmen muss sie es offen lassen, beim Sprechen zuhalten. „Vergessen Sie es“, sagt die ehemalige Krankenpflegehelferin, und winkt bei der Frage, wie es ihr geht, nur ab. Doch derzeit kämpft Vogt auch noch vor Gericht – um Schmerzensgeld, um Genugtuung. Denn ihrer Ansicht nach ist sie von den Ärzten im Sana-Klinikum falsch behandelt worden. Vor dem Landgericht Hannover wurde gestern der gerichtlich bestellte Sachverständige gehört.

veröffentlicht am 11.04.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 14:41 Uhr

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Autor:

VON ANDREA TIEDEMANN
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Begonnen hatte Vogts Odyssee am 19. November 2010. Mit einem Verdacht auf ein Karzinom an der Schilddrüse wird Vogt ein erstes Mal operiert. Doch weil kein Pathologe vor Ort ist, kann keine Schnelldiagnostik während der OP gemacht werden. Am 25. November folgt die zweite Operation – diesmal soll die ganze Schilddrüse entfernt werden. Bei dieser OP wird die Luftröhre verletzt, was jedoch zunächst niemand bemerkt. Am 14. Dezember leidet Vogt unter starker Atemnot – auf dem Bild der Computertomografie ist die Verletzung der Luftröhre erkennbar. So zumindest die Meinung des ersten Gutachters – gestern widersprach der vom Gericht bestellte Gutachter dieser Einschätzung. War es das Verschulden des Arztes oder ein unglücklicher Schicksalsschlag für Vogt?

Am 16. Dezember verlegen die Ärzte im Sana-Klinikum die Patientin in die Klinik für Nuklearmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Doch auch die beginnende Radiojod-Therapie bringt kaum Entlastung – Vogt muss auf die Intensivstation verlegt werden. Wenige Tage später schon wird sie entlassen, knapp eine Woche später aber erneut mit Atemnot eingeliefert. Dann erfolgte der Luftröhrenschnitt – seitdem lebt Vogt mit der Öffnung am Hals.

Der gerichtlich bestellte Gutachter, Prof. Dr. Dietmar Simon aus Duisburg, entlastet den behandelnden Chirurgen am Sana-Klinikum. Es müsse nicht zwingend ein „fehlerhaftes Operieren“ der Grund für den Verlauf gewesen sein. Auch die Verlegung nach Hannover sei in Ordnung gewesen, so Simon. Dass die Luftröhre verletzt gewesen sei, habe der Arzt nicht zweifelsfrei aus den Beschwerden von Vogt ableiten können. Nur „stecknadelgroß“ sei der Bereich auf dem Bild des Computertomografen gewesen, an dem man hätte sehen können, dass Luft aus der Luftröhre austritt.

Dabei hat der behandelnde Arzt aus Hameln laut Bericht zunächst sogar an eine Verletzung gedacht. „Diesen Verdacht hat er dann aber wieder verworfen“, sagt Simon – aus seiner Sicht eine nachvollziehbare Entscheidung. Auch anhand einer Luftröhrenspiegelung, die bei Vogt nicht angeordnet wurde, hätte man die Verletzung sehr wahrscheinlich nicht erkennen können, sagt Simon. „Das ist eine extrem seltene Verletzung“, so der Arzt. Auch bei der Literatur-Recherche sei er auf wenige vergleichbare Fälle gestoßen. Die Hoffnung, den Prozess zu gewinnen, sinkt damit für Vogt. Da sich die beiden Gutachter stark widersprechen, sei es laut ihrer Anwältin Dr. Manuela Bürgle eigentlich sinnvoll, einen dritten Gutachter zu hören – der Vorsitzende Richter der 19. Zivilkammer, Martin Schulz, kündigte an, sich zunächst noch einmal ausführlich beraten zu wollen. Denn neben der Frage, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, sei auch noch strittig, ob Vogt richtig aufgeklärt wurde.

Ein Urteil vor Gericht könnte Mitte Mai fallen – ein Urteil über Vogts Lebenssituation hingegen ist längst gefallen. Nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Folgen der Komplikation machen ihr zu schaffen. Der Gedanke, dass sie jetzt noch arbeiten könnte, treibt Vogt um. Was früher normaler Alltag war, entwickelt sich heute sogar zum Drama: Wenn ihr zum Beispiel, wie jüngst beim Baden passiert, Wasser in die Öffnung am Hals läuft – weil sie kurz in Gedanken war und ihre Situation nicht realisiert hat. Ihr Mann habe ihr dann mit einem Spezialgerät die Flüssigkeit herauspumpen müssen.

Wo Patienten versorgt werden, passieren Fehler. Umso schwieriger ist es zu klären, ob man einem einzelnen Arzt einen Vorwurf machen kann. Eine Hamelnerin kämpft vor Gericht dafür, vom Sana-Klinikum Schmerzensgeld zu bekommen.Dana



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