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Straßenfest am Kuckuck – ein Viertel präsentiert sich

Ruhig ist es noch lange nicht

Am Kuckuck wird ein Straßenfest gefeiert, mit allem, was dazu gehört. Die Anwohner möchten zeigen, wie sich das einstige Problemviertel gewandelt hat. Darauf, dass der Kuckuck kein Brennpunkt ist, legen die Anwohner Wert. Ruhig ist es dort aber noch lange nicht.

veröffentlicht am 15.08.2018 um 13:01 Uhr
aktualisiert am 20.08.2018 um 10:30 Uhr

Bei den Kindern beliebt: der pädagogische Mitarbeiter Matze Brachmann. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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HAMELN. Der Kuckuck ist ein Viertel mit besonderen Herausforderungen. Die Bezeichnung Problemviertel hört man im Quartier nicht gern. Weil sie ein Stigma ist, das haftet wie Kaugummi und den Wandel in den Köpfen der Menschen von vorneherein ausklammert. An einer Kehrtwende wird seit Jahren mit Herzblut und finanzieller Unterstützung gearbeitet. Vieles hat sich seitdem verbessert. Dass nicht immer alles Friede, Freude Eierkuchen ist, gehört zum Prozess. Wer sehen will, was sich getan hat, und was noch auf der To-Do-Liste steht, kann sich selbst ein Bild machen: Morgen wird am Kuckuck ein großes Straßenfest gefeiert.

Ein Dutzend Kinder wuselt um Matze Brachmann herum, malt, spielt, lacht. Freizeit für Familie nennt sich das Projekt, das der pädagogische Mitarbeiter dienstags und donnerstags im Kuckucksviertel anbietet. Brachmann nennt es schlicht „Kuckucksarbeit“. Und davon gibt es viel. Immer noch.

Es ist Anfang 2014, als ins Bewusstsein der Öffentlichkeit dringt, dass am Kuckuck etwas gewaltig schiefläuft. Kinder, die nicht zur Schule gehen, unklare Wohnverhältnisse, Polizeieinsätze, Müllberge auf der Straße. Die Problemlagen sind verflochten. Verantwortlich dafür, dass die Missstände angesprochen werden, ist der Verein SAM, der bis heute das „Kuckucksnest“ für Kinder, meist unter drei Jahren, leitet. SAM hat zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren angefangen, die Kinder ehrenamtlich zu unterstützen, weil es „brennt“. Man kann den Verein getrost als Keimzelle für die vielfältige Sozialarbeit bezeichnen, die seitdem im Viertel stattfindet.

Seit September 2014 ist Projektkoordinatorin Claudia Schmidt dabei. „Davon hätte ich vor zehn Jahren nicht zu träumen gewagt“, sagt Birgit Albrecht, SAM-Gründungsmitglied und Leiterin der Grundschule Rohrsen. Schmidt arbeitet Teilzeit (32 Stunden) und inzwischen muss sich der Kuckuck die : Kultur- /Sozialgeografin mit der Süd- Alt- und Nordstadt teilen – dort lernt man inzwischen vom Kuckuck. Schmidts großes Projekt am Kuckuck ist das Quartiersmanagement „Soziale Stadt“, zu dem auch der Offene Bewohnertreff gehört.

Eine weitere wichtige Arbeit ist der Treffpunkt ZaK im Begegnungshaus, in dem auch das Kuckucksnest untergebracht ist. Die Beratungsstelle für 12- bis 26-Jährige, die sich zwischen Schule und Beruf bewegen, ist mit zwei Streetworker des Landkreises, einer Dolmetscherin der Impuls gGmbH und einem Mitarbeiter des Jobcenters besetzt.

Ein – sehr sichtbarer – Erfolg sei, dass es keine Müllberge mehr gibt. „Im letzten Bericht über die Dreckecken Hamelns ist der Kuckuck in den Top Ten nicht aufgetaucht“, sagt Schmidt. Darauf ist man stolz. Ebenso auf die Tatsache, dass inzwischen fast alle Kinder zur Schule gehen. Einige gibt es allerdings, bei denen es nur durch die Androhung einer Geldstrafe geklappt hat.

Was noch fehlt im Viertel: ein Gebäude für den Quartierstreff, der zunächst im alten Laden gegenüber des Kuckucksnestes eingerichtet werden sollte. Später wollte man marode Gebäude abreißen und den Treff an dieser Stelle neu bauen. Inzwischen möchte der neue Eigentümer doch lieber sanieren und der Treff ist wieder am ursprünglichen Ort geplant. Die Stadt hätte es gern gehabt, wenn am Kuckuck einiges abgerissen und hochwertiger gebaut worden wäre, um eine bessere Durchmischung zu erreichen.

Aber immerhin: Seit die Phase der Insolvenzverwaltung ein Ende hat, es wieder eine Hausverwaltung gibt und der Vertreter des Eigentümers alle 14 Tage vor Ort ist, sei man einen großen Schritt weiter, sagt Schmidt.

Seit einigen Monaten ändert sich die Bewohnerstruktur erneut: Neben den deutschen Bewohnern und den sesshaft gewordenen rumänischen Mitbürgern ziehen nun vermehrt Flüchtlinge mit Anerkennung in die großen Wohnungen ein. Schmidt und die Mitglieder von SAM empfinden das als Bereicherung. „Es ist immer schwierig, wenn eine Volksgruppe dominant ist“, sagt Schmidt.

Also Friede, Freude, Eierkuchen zwischen den Kulturen? Natürlich gebe es auch mal Probleme, räumt die Quartiersmanagerin ein. Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Lärm bis in die Nachtstunden. Das Leben findet für viele Menschen– die es aus ihrer Kultur nicht anders kennen – am Abend und auf der Straße statt. Mit Kindern. Damit ist nicht jeder einverstanden.

Kinder gibt es inzwischen so viele am Kuckuck, dass das Kuckucksnest förmlich überläuft. Die Stadt hat reagiert und eine pragmatische Entscheidung getroffen: Das dritte Kindernest soll am Kuckuck entstehen, direkt gegenüber vom Kuckucksnest. Man hofft, dass die Aufnahme von Kindern in die Großtagespflegestelle ab dem 1. Oktober möglich ist. Dass die Organisation vor Ort gut vorangeht, ist nicht zuletzt der Verdienst der gut vernetzten Gabriele Brakemeier, ebenfalls Gründungsmitglied von SAM und Teamleiterin der Pädagogischen Mitarbeiter von Impuls. Am Kuckuck ist das Hand-in-Hand-Arbeiten inzwischen eine leichte Übung.

Überhaupt: Ein Projekt, bei dem Stadt, Landkreis, Ehrenamtliche und Politiker aller Fraktionen so gut zusammenarbeiten, gibt es selten, da sind sich Gabriele Brakemeier, Birgit Albrecht und Claudia Schmidt einig.

Information

Das Fest

Das Straßenfest am Kuckuck findet am Freitag, 17. August, von 15 bis 19 Uhr statt. Ab 16 Uhr wird ein Marionettenspiel für Kinder ab 12 Jahren angeboten, bei dem das Thema Diskriminierung für Groß und Klein aufgearbeitet wird. Zu dem Straßenfest mit Spielen, Musik, Tanz und Leckereien sind neben Bewohnern und Akteuren des Kuckucks natürlich auch alle Bürger herzlich eingeladen.



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