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Pflegedienstleiter kritisiert Umgang mit Psychopharmaka

Ruhe per Pille

HAMELN. Sich mit dem eigenen Lebensende auseinanderzusetzen, ist vielen Menschen ein Graus. Wie alt werden? Wohin, wenn es alleine nicht mehr geht? Für Marius Marczik gehören diese Überlegungen zum Alltag. Und er hat eine klare Vorstellung davon, was er nicht möchte: ohne Freude, ohne Trauer, teilnahmslos rumsitzen.

veröffentlicht am 19.10.2016 um 13:57 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 10:52 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Marczik ist Pflegedienstleiter der Scharnhorst Residenz und Mitbegründer des Fachzirkels Werdenfelser Weg in Hameln. Ein Thema, das Marczik umtreibt, und das in seinen Augen zum Wohle der Patienten mehr Aufmerksamkeit verlangt, ist das Ruhigstellen von Menschen mit Demenz mittels Medikamenten.

„Es gibt Hochrechnungen“, schildert Marczik, nach denen „240 000 pflegebedürftige Menschen in Deutschland mit Psychopharmaka behandelt werden“, ohne dass ein therapeutischer Anlass dafür bestehe. Patienten, die dement sind, können sehr unruhig und auch aggressiv werden. Irren vielleicht viel im Pflegeheim umher, rufen ständig Hallo, klopfen auf die Tischkante klopft, kurzum: stören. Für Angehörige und das Pflegepersonal ist der Umgang mit diesen Menschen „ein quälendes Dilemma“, sagt Marczik: Ein erträgliches Miteinander im Heim auf der einen Seite, das Wohl des einzelnen Patienten auf der anderen Seite.

Marczik erinnert sich daran, wie Pflegeheimbewohner, die in den 90er Jahren mit Neuroleptika der ersten Generation behandelt wurden, manchmal herumirrten: „Wie Zombies.“ Der Speichelfluss, das Gangbild – typische, abschreckende Nebenwirkungen dieser Medikamente. Zwar würden diese Mittel nicht mehr verabreicht, doch an ihre Stelle sind andere getreten. Zugelassen, doch mit erheblichen Nebenwirkungen vor allem für Menschen mit Demenz, wie in mehreren Studien belegt wurde. „Die haben nicht die augenscheinlichen Nebenwirkungen“, vergleicht Marczik mit den älteren Medikamenten, doch erwiesen sei, dass die Risiken zu stürzen, für einen Schlaganfall und auch die Sterberate unter Gabe der neueren, atypischen Neuroleptika erheblich höher sind. Zur Langzeittherapie seien sie nicht geeignet.

„Wir berauben sie der Fähigkeit zu fühlen“, kritisiert Marczik das Ruhigstellen per Medikament. Außerdem hielten sich viele Ärzte nicht an die gesetzlichen Vorgaben: Im BGB ist geregelt, dass eine Unterbringung, die mit Freiheitsentziehung verbunden ist, nur mit Genehmigung des Betreuungsgerichts und Zustimmung des Betreuers zulässig ist. Ohne diese Genehmigung ist diese Unterbringung mit Freiheitsentzug nur zulässig, wenn mit dem Aufschub Gefahr verbunden ist. Dazu zählen mechanischer Vorrichtungen wie Fixiergurte, Bettgitter wie auch Medikamente. In der Praxis komme es laut Marczik jedoch so gut wie nie vor, dass der Verschreibung von Psychopharmaka eine richterliche Genehmigung zugrunde liegt. Zwar mache der Arzt einen Therapievorschlag, doch es sei die Aufgabe der Angehörigen (oder des Betreuers), zu entscheiden, welches Medikament der Bewohner einnimmt.

Eine Lösung des Problems sieht Marczik in einer breit angelegten Aufklärung. Das Bewusstsein für diese Art der Ruhigstellung samt Nebenwirkungen müsste bei Ärzten, Angehörigen, Pflegern, Heimleitern, Betreuern und Richtern stärker ausgebildet sein. Seminare, Vorträge, Austausch können helfen – zu letzterem besteht in Hameln seit zwei Jahren Gelegenheit in dem Fachzirkel „Werdenfelser Weg“. Wer sich den Werten dieser bundesweit aktiven Initiative verschreibt, spricht sich gegen freiheitsentziehende Maßnahmen (außer zur Gefahrenabwehr) aus. Neben die Aufklärung setzt Marczik die personelle Ausstattung von Pflegeheimen, um das Problem zu lösen. „Das beste Psychopharmakon ist der Mensch.“ Doch der akute Fachkräftemangel erschwert eine intensive Betreuung der Pflegebedürftigen. Und auch das Interesse der Politik an dem Thema scheint zumindest vor Ort überschaubar zu sein. Die einzige Politikerin, die einer Einladung zum Werdenfelser Weg einmal gefolgt sei, „war Lösekrug-Möller“, sagt Marczik.



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