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Erinnerungen an Münsterklause, „Schrummel“ oder „Linde“ / Die meisten Lokale gibt’s nicht mehr

Rückblick mit Wehmut auf Kneipen von gestern

Hameln. Hamelner, die etwa Ende der 60er Jahre Fahrschüler waren, können sich noch immer gut erinnern: Die „Klause“ war Pflicht. Denn das Lokal am Münsterkirchhof, das eigentlich Münsterklause hieß, war zu jener Zeit der Treffpunkt schlechthin für die Schüler, vorrangig die der Gymnasien. Hier konnten sie die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges überbrücken, hier konnten sie auch einfach nur sitzen, wenn das Taschengeld nicht mehr reichte. Und hier, man muss es zugeben, trafen sich auch die Schwänzer, wenn Eckhard Baß – er übernahm später das Museumscafé – das Lokal morgens um elf Uhr endlich aufmachte. Und immer um Weihnachten herum trafen sich hier in drangvoller Enge all diejenigen, die ihre Heimatstadt längst Richtung Studium verlassen hatten und nur ein kurzes Gastspiel während der Feiertage gaben.

veröffentlicht am 12.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 15:41 Uhr

Dicht an dicht standen die Gäste regelmäßig in der „Münste

Autor:

Christa Koch
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Die Hoch-Zeiten der Klause sind längst Geschichte, doch schon Anfang der 70er Jahre entwickelte sich in Hameln ein neuer Treffpunkt: „Teestube“ war der offizielle Name dieses kleinen Lokals, in dem es natürlich nicht nur, aber auch Tee gab. „Wir gehen zu Schrummel“, lautete die stets gleiche Parole. Denn unter dieser Bezeichnung war Günter Schröder, der eigentlich Bäcker war und die Kneipe in der Baustraße betrieb, allen Gästen bekannt, viele von ihnen Geschäftsleute aus der näheren Umgebung, die sich hier zum Feierabendbier trafen, außerdem Anwälte, Architekten, Arrivierte eben, die die Klausen-Zeit inzwischen hinter sich gelassen hatten. Schrummel war der Mann, der die „Teestube“ dank seines hintergründigen Humors und seines ganz großen Herzens zum In-Treffpunkt machte – und zur letzten Heimat für unverbesserliche Nachtschwärmer.

In der Wendenstraße lockte etwa um die gleiche Zeit die „Zille“ ins „Milieu“. Wirt Bernd Blohmeyer passte mit seinem Konzept in die Zeit: Nachttöpfe, Damenunterhosen Marke Schinkenbeutel, Repliken von Zeichnungen Heinrich Zilles gehörten zur Dekoration und galten in Hameln als geradezu revolutionär. Auch bei „Blomi“ war’s oft rappelvoll – etwas, das übrigens auch für die viele Jahre von ihm geführte Diskothek „Jo’s“ am Ring galt.

Rücken an Rücken vor dem Tresen – ein Markenzeichen, das unter anderem für das „Knipperdollinck“ galt. Der lange Schlauch in der Alten Marktstraße wurde in den 80er Jahren von Rainer Bauer bewirtet, damals ein Lehrer ohne Job. Vor allem donnerstags und freitags ging hier manchmal gar nichts mehr, Bier (es gab auch ein tolles sahniges Guinness) bestellen war Glückssache. Aber: Man traf sich eben im „Knipper“, sehen und gesehen werden, lautete die Devise. Dass es voll und laut war – egal.

Der Eingang zur „Zille“ in der Wendenstraße.
  • Der Eingang zur „Zille“ in der Wendenstraße.
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Überhaupt gab es in diesem Altstadtviertel etliche Lokale, die alle ihr Publikum hatten. Das „Loriot“, ebenfalls in der Alten Marktstraße gelegen, darf dabei getrost zu den Eintagsfliegen gezählt werden, auch wenn die Innendeko in Anlehnung an Vicco von Bülow durchaus als geschmackvoll bezeichnet werden kann.

In der Neuen Marktstraße wartete auf die Gäste das „C’est la vie“, trotz des französisch klingenden Namens eher eine Pizzeria mit einem damals noch relativ seltenen (und in Wohngebieten durchaus nicht unumstrittenen) Biergarten. Wer sich hier versammelte, wollte nicht nur ein naturtrübes Bier trinken, sondern meist auch eine kulinarisch zwar anspruchslose, gleichwohl göttliche, knusprig-dünne Pizza essen, zubereitet von Vincenza und Vincenzo.

Nur wenige Schritte weiter und ebenfalls ein schmaler Schlauch mit französischem Namen: das „Ça va“. Gerne kehrte man hier nach Feierabend ein, zum Knobeln, zum Flippern oder einfach zum Klönen, vorzugsweise auch zum Samstagmittag-Frühschoppen. Auch dieses Lokal ist längst Geschichte, seine Gäste – oft noch die von damals – treffen sich heute woanders.

Und dann war da doch noch was... Ja, genau! Linde! Dieser Name ist Legende. Am Ende der Neuen Marktstraße hatte Linde Schmidt-Geiersbach sich Mitte der 80er Jahre einen Traum erfüllt und in einem alten Fachwerkhaus ihren „Teepott“ eröffnet, mit unzähligen Sorten Tee, mit Wein aus großen Ballons, mit allerlei esoterischem Schnickschnack. Erst waren es wieder die Schüler (und Schulschwänzer) der Gymnasien, die hier am Vormittag eine Zuflucht fanden.

Nach und nach wurde Lindes alternatives Etablissement, in dem man ehrlicherweise die eigene Schmutztoleranz schon ein bisschen höher setzen musste, aber zu einem der angesagtesten Treffpunkte der Stadt, oft noch bis spät in die Nacht. Das Klavier diente so manchem Gast dazu, spontan in die Tasten zu greifen, Kohlhaußen und Co, ließen hier die Geigen erklingen, auch Musikanten auf der Durchreise fanden hier ihre „Bühne“. Aber spätestens, als NDR-Redakteur Heiner Stelter und sein Fernsehteam im Jahre 1986 beim ersten „Tag der Niedersachsen“ in Hameln die Kneipe landesweit populär machten, war es mit dem „Geheimtreff“ vorbei – bei Linde, da traf man sich einfach, entweder im Gastraum des eher etwas luschig sanierten Hauses oder im verwunschenen Garten – wann immer man Lust dazu hatte, auch wenn das manchmal Selbstbedienung bedeutete. Linde ist mittlerweile verstorben, das Haus längst Geschichte, und neue Kneipen haben in Hameln eröffnet. Aber ein wenig Wehmut bleibt – bei all jenen, die diese Häuser noch kennen. Vielleicht trifft man sich ja mal wieder – anderswo?

Lesen Sie am Montag, wie und wo junge Leute heute feiern.

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Von Jazz bis Klassik – bei Linde im „Teepott“ gab’s immer mal wieder Livemusik, und meistens ganz spontan, so wie dieser Auftritt von Straßenmusikanten aus dem früheren Jugoslawien.

Rosenmontag im Ça va – auch in diesem engen Schlauch drängte sich alles am Tresen.

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