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Altdeutsche Qualität ist ausverkauft, und auch Plastik-Modelle werden rar / „Po-Rutscher“ gibt’s noch

„Rodel gut“ – aber Notstand bei Holzschlitten

Hameln. Sie heißen Alpengaudi, Hurrikan, Snow Tiger, Champion, Twister oder Racer – und wenn man Glück hat, ist der eine oder andere in Hameln noch aufzutreiben. Bei Davos aber hört der Spaß auf. Der Klassiker unter den Holzschlitten ist ausverkauft. Und alle anderen Modelle aus diesem Material ebenfalls. Auch die Alternative aus Plastik geht in heimischen Baumärkten allmählich zur Neige. Auf den Kundenwunsch „Ich hätte gern einen Schlitten“ antwortet Volker Stieler mit Galgenhumor: „Genauso gut könnten Sie im Krieg nach einem Pfund Butter fragen.“ Bei Holzschlitten, ist der Chef des Fachgeschäfts Stieler sicher, herrscht nicht nur in Hameln Notstand: „Die gibt es nirgends mehr in der Region.“ Nachschub? Fehlanzeige. „Bei Holz ist das nicht so einfach“, sagt der Experte: „Das muss gebogen werden. So ein Rodelschlitten ist eine komplexe fachmännische Arbeit.“ Aber auch das Pendant aus Plastik, das auf den ersten Blick nicht vom hölzernen Davoser Modell zu unterscheiden ist, ist bei ihm nicht mehr zu haben. Zwar lobt Stieler diese Plastikschlitten: „Sie sind leichter und sinken nicht so tief in den Schnee ein.“ Aber seine Kunden wollen altdeutsche Qualität – das heißt: Holz.

veröffentlicht am 20.12.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Ausverkauft sind die Holzschlitten auch in den Baumärkten. Bei Toom schon seit zwei Wochen. „Die Kunden verlangen eher Holz als Plastik“, bestätigt Gartencenterleiter Rainer Fortmann den Trend zum Bewährten. Und liefert auch gleich die Erklärung: „Die Kinder wollen etwas haben, wo sie drauf sitzen können und von den Eltern gezogen werden.“ Einige Plastikschüsseln der Marke Big Glider hat Fortmann zwar noch vorrätig, aber wer will schon auf so einem Teller den Hang runtersausen? Nicht zu unterschätzen sei dabei die Geschwindigkeit, argumentiert Stieler: „Diese Plastikflachgänger sind wahnsinnig schnell. Da hängt viel von dem Berg ab.“

Bei Hagebau werden inzwischen auch die im Volksmund gern als „Po-Rutscher“ bezeichneten Mini-Bobs knapp. Diese besitzen zwar feste Bremsknüppel, ein wenig Übung aber ist schon notwendig, wenn man nicht immer wieder im Schnee duschen will. Mit Lenkrad oder ohne, mit Sitzpolster und Rückenlehne, flach, gewölbt, rund oder rechteckig – die Vielfalt der Plastikschlitten ist groß und reicht bis zu jenem sportiven Schlitten mit Lenkrad, bei dem der Rodler ein Gefährt auf Skiern lenkt. Nur noch wenige dieser Lenkschlitten sind bei Praktiker zu haben: „Die Holzschlitten sind schon seit 14 Tagen weg“, sagt Viola Axer. Nachschub ist nicht in Sicht: „Die Lieferanten kommen mit der Produktion nicht nach.“ Auch bei Real in der Stadt-Galerie – Kopfschütteln, Bedauern: „Unsere Holzschlitten sind seit letzter Woche ausverkauft.“ Es gibt noch einen einzigen Plastikrodelschlitten mit Lenkrad und Bremse. „Wir warten auf Lieferung“, heißt es. Auch bei Holz-Müller hätte man gern Holzschlitten angeboten: Aber es gab keine. Lieferengpässe. Nur zwei Plastikschlitten mit Lenkrad sind noch da. Wer zu Weihnachten rodeln möchte und noch keinen Schlitten hat, muss sich sputen – und auf Plastik umsteigen. Oder sich von Freunden mitnehmen lassen, die noch so einen schönen, alten Schlitten besitzen. Marke Davos. „Damit wird eigentlich nur die Form bezeichnet“, erklärt Volker Stieler. Die aber hat eine lange Tradition. Und ist nach wie vor der Hit.

Egal, ob auf Holz oder auf Plastik – in Hameln kann derzeit fast überall gerodelt werden, wo kein Verkehr ist und sich ein Hügel wölbt. Die beliebtesten Rodelbahnen liegen an den sogenannten „Hausbergen“ der Rattenfängerstadt: am Basberg, am Schweineberg, auf Gepplers Wiese am Schöt und natürlich am Klüthang. Aber auch an Waldhängen und abschüssigen Feldwegen in der Region Gröninger Feld, Bismarckturm oder Heisenküche bietet sich die eine oder andere Rodelstrecke an. Der Haken nach den jüngsten massiven Schneefällen: Wo noch kein anderer gerodelt ist, muss man sich erst selbst den Hang platt fahren, um Speed zu machen. Aber auch das kann in einer Gruppe mit Gleichgesinnten zur fröhlichen Herausforderung werden.

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Ausverkauft: Dort, wo sich noch bis vor zwei Wochen Holzrodel der Marke Davos stapelten, herrscht gähnende Leere. In ganz Hameln gibt es keine Holzschlitten mehr.

Fotos: Dana

Nur noch wenige Lenkschlittten hält Viola Axer bei Praktiker parat (re.). Flache Plastikschüsseln gibt’s noch bei Toom: „Aber die Kunden fragen nach Holzrodeln“, sagt Rainer Fortmann. Mitte Januar soll’s dort wieder welche geben. (ganz re.).

Ein paar „Po-Rutscher“ gibt’s noch bei Hagebau. Jeannette Hess zeigt: Da sitzt man ganz schön tief.



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