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Zurück in die 60er – „Beat-Club“ lebt wieder auf

Revolte in Noten und Rhythmus

HAMELN. In den 60er-Jahren haben der Sound und die Show die Generationen gespalten, jetzt ist der „Beat-Club“, die erste Musiksendung im deutschen Fernsehen mit englischsprachigen Sängern, zurück – auf Deutschlands Bühnen. Unter anderem mit dabei: Alice Cooper, Jimi Hendrix, Black Sabbath...

veröffentlicht am 12.05.2019 um 15:34 Uhr

Maximilian von Ulardt überzeugt nicht nur als Alice Cooper. Links von ihm Franziska Ferrari, rechts Samira Hempe. Foto: Volker Beushausen
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Richard Peter Reporter
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Es war Mitte der 60er-Jahre, als sie, späte Teens und Twens, den Bremer „Beat-Club“ als Befreiung und Aufbruch in eine neue Zeit empfanden – und jetzt, am Freitagabend, nostalgisch verbrämt, als Senioren, Omas und Opas in unserem Theater sozusagen „reloaded“ erleben durften. Es war die Zeit, als Tiger in den Tank gefüllt wurden, Männer mit Schweinskopf bekannten, dass sie ihre Unterhosen nicht täglich wechselten und das samstägliche Bad zu einem täglichen Duschen erweitert wurde. Und was das Duschen betrifft, war das nach dem letzten Vorhang auch für das dreizehnköpfige Ensemble aus Musikern und Sängern zwingend angesagt. Denn Tankred Schleinschocks Beat-Club mit seinem Lippe-Saiten-Orchester und dem Westfälischen Landestheater auf die Bühne gewuchtet, produzierte nicht nur eine umwerfende Show – das atemberaubende Tempo seines Beat-Clubs ließ den Schweiß vermutlich literweise fließen.

Schon sensationell, was hier von einem Landestheater auf die Bühne gestellt wurde. Die so hart akzentuierten Rhythmen, verzerrt-jaulenden Gitarren und dröhnende Bässe, dazu ein Sängerensemble der Spitzenklasse – so nostalgisch und doch ganz heutig und seltsam vertraut. Wer das Theater füllte, kannte die Songs, konnte sie mitsingen, stehend, wie bei der zweiten Zugabe des Abends. Erinnerte sich auch wehmütig an Uschi, die Beat-Club-Ikone, bei der nur die männlichen Moderatoren wechselten. Und Franziska Ferrari immer wieder in ihre Rolle geschlüpft mit superkurzen Minis, wie sie Briefe an den Sender vorliest – anonym natürlich, weil zu Hause, in der Schule oder am Arbeitsplatz sonst Ärger drohten.

Ohne Ärger blieb ein Nürnberger, der schreiben durfte: „Unser Führer hätte so etwas nicht zugelassen.“ „Scheißdreck“ nannte es ein anderer, der „entartete Kunst“ ausmachte und die Hörer als „idiotische Halbstarke“ titulierte. Und das „Geheule“ nur was für „gehirnlose Grasaffen“. Es waren dieselben, die bei Freddy, Heintje und der Mouskouri am Radio dahinschmolzen. Wilhelm Wieben, der spätere Nachrichtensprecher, hat den ersten Beat-Club anmoderiert – und bei denen, die „Beat-Musik nicht mögen“ vorsichtshalber „um Verständnis“ gebeten.

Die Bremer Band „The Yankees“ machte mit „Halbstark“ den Anfang. Der erste und gleichzeitig letzte Song in deutscher Sprache. Und „Halbstark“ nach dem Film „Die Halbstarken“ mit „Hotte“ Buchholz, und neuer Vokabel für so vieles. In den 83 Folgen des Beat-Clubs von 1965 bis 1972 war so ziemlich alles vertreten, was plötzlich Rang und Namen besaß. Von The Who über die Rolling Stones, den Beatles, The Kinks und Jimi Hendrix, Santana, den Beach Boys bis zu The Hollies. 41 Nummern hat Tankred Schleinschock für seine Cover-Show mit Livemusik ausgewählt, mit grandiosen Soli, perfekt choreografierten Ensembles (Barbara Manegold), Perücken-Orgie und Kostümen, wie sie bunter nicht gewechselt werden könnten. Sensationelle Sänger in dieser Beat-Orgie mit Jessica Kessler mit Rockröhre, Mike Kühne und Jonathan Agar, Emil Schwarz mit Gitarre und „Vincent“, Maximilian von Ulardt als Alice Cooper und auch als Pinguin komisch unterwegs – vor allem Patrick Sühl, der Töne so faszinierend lang aushalten kann. Grandiose Nummern wie „My Generation“ von The Who, „Lola“ von den The Kinks, „Lazy Sunday Afternoon“ von Small Falls mit Jonathan Agar. „I’m a believer“ von den Monkies oder „Paranoid“ von Black Sabbath. Und natürlich „Something“ von den Beatles.

Zum „Who’s who“ des Beat gehören auch Chuck Berry, The Lords, Deep Purple und Jethro Tull. Mit Tankred Schleinschocks am Keyboard „beaten“ auch Jürgen Knautz (Bass), Marco Bussi (Schlagzeug), Claus Michael Siodmok (Gitarre), Matthias Fleige (Gitarre) und Sven Hoffmann (Saxophon und Flöte). Sie alle mit hinreißenden Soli. Er war einfach Kult der Beat-Club – mehr: Er war eine Revolte in Noten und Rhythmus, die der Jugend eine eigene Stimme verlieh.



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