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Dieter Jobst besucht nach über einem halben Jahrhundert seine Geburtsstadt / „Ein aufregendes Gefühl“

Reise in die Kindheit

HAMELN. Wie ein ganz normaler Tourist hätte er einen Rundgang mit einem ortskundigen Stadtführer oder, passenderweise, mit dem Hamelner Rattenfänger buchen können. Doch Dieter Jobst war kein normaler Gast von Auswärts, der die Sehenswürdigkeiten der Stadt besichtigen und bewundern wollte. Vor über einem halben Jahrhundert wurde Jobst hier geboren und will nun seine alten Heimat bei einem Rundgang wiederentdecken.

veröffentlicht am 31.08.2017 um 17:37 Uhr

Dieter Jobst Ehefrau Edelgard nutzte eine E-Bike-Reise, um seiner alten Heimatstadt einen Besuch abzustatten. Foto: amg
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Alda Maria Grüter Reporterin
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Er wollte sich lieber durch die Straßen treiben lassen als einer, der, wenn man so will, mal wieder nach Hause kommt – „einfach mit meinen Gedanken und Gefühlen alleine sein“, sagt Jobst. Durch die Stadt bummeln, in der er geboren ist, in der er mit Vater Fritz und Stiefmutter Irmgard sowie den Brüdern Günter, Wolfgang und Gerd die Kindheit verbracht hat. Und, die er eine Ewigkeit nicht gesehen hat: „Ich war zwölf, als wir aus Hameln weggezogen sind.“

Weil der Vater aus dem Rheinland stammte, ging die Familie nach Bonn. In Koblenz erlernte Jobst seinen Beruf, Zahntechniker. Übrigens, die Jugend-, Lehr- und Berufszeit sind, unter anderem, Kapitel seines Lebens, die er ebenso ausführlich wie amüsant in seinem autobiographischen Sachbuch „Du, dein Zahnarzt und ich – Au Backe. Alles ohne Betäubung“ beschreibt (ISBN 978-3-740-70846-7). Nur ein Mal, erzählt Jobst, sei er nach dem Wegzug auf Stippvisite in Hameln gewesen. Jetzt aber sollte es ein „richtiges“ Wiedersehen mit den Orten seiner Kindheit geben: Im 70. Lebensjahr nahm er sich zwei Tage Zeit, seine Geburtsstadt (wieder) zu entdecken. Warum nicht schon früher, wo ihn nur rund 210 Kilometer von Hameln und seinem Wohnort Neu-Wulmstorf trennen? Dieter Jobst lacht: Ja, wenn einer nach Australien auswandert, sei er vielleicht öfter zu Besuch in seiner alten Heimat, als jemand, der in relativer Nähe dazu lebt. So etwas kann also schon mal passieren, wenn das Gute viel zu nah liegt… Vielleicht habe es auch etwas mit dem Alter zu tun, vermutet Jobst: Je älter man werde, desto mehr habe man das Bedürfnis, Rückschau zu halten. So nutzte er jetzt die E-Bike-Reise auf dem Weser-Radwanderweg, die er mit Ehefrau Edelgard (65) unternahm, um einen längeren Stopp in Hameln einzulegen. Wie es ist, nach so lange Zeit, wieder hier zu sein: „ein eigenartiges, ein aufregendes Gefühl“, sagt Dieter Jobst. Die Spaziergänge durch die Straßen, sie sind für ihn auch Spaziergänge durch die Erinnerungen. Einige Begebenheiten sind ihm noch sehr präsent.

Andere tauchen plötzlich auf, werden buchstäblich im Vorbeigehen, beim Anblick der Gebäude aus dem Schlummerschlaf geweckt: „Da oben“, deutet Dieter Jobst auf die Fenster in der ersten Etage des Rotklinkerhauses in der Wilhelmstraße, seine alte Schule. „Da wohnte unser Lehrer.“ Und unten: „Da war unser Musikzimmer…“. Dieter Jobst ist ganz aufgeregt, biegt rechts um die Ecke des Hauses, stellt sein Fahrrad auf dem Hof ab. Die Tür zu dem Gebäude, in dem heute das Frauenzentrum untergebracht ist, steht weit offen. Ob er mal reinschaut? Dieter Jobst kann es nicht lassen: „Ja, ich mach’s.“ Und während er die Treppe hochgeht, dabei auch mal zwei Stufen nimmt, erzählt er aus der Schulzeit. Von seinem Klassenzimmer, das damals ein Durchgangsraum war, von seinem Lehrer, der, wenn der kleine Dieter nicht aufmerksam war, ihn ermahnte: „Du sollst nicht tendeln!“ Ohrfeigen und, mit Lineal und Stock, Schläge auf die Finger, seien damals üblich gewesen, erinnert sich Jobst. „Heute natürlich undenkbar, damals aber regte sich keiner auf, auch die Eltern nicht.“

„Da oben wohnte unser Lehrer“, erinnert sich Dieter Jobst bei seinem Rundgang durch Hameln. Foto: amg

Als ich wegzog, war die Osterstraße noch zweispurig von Autos befahren.

Dieter Jobst, ehemaliger Hamelner

Geändert hat sich im Laufe der Jahre so einiges, sagt Jobst, während er das ehemalige Schulgebäude wieder verlässt. In der Innenstadt, stellt Jobst beim Schlendern durch die Fußgängerzone fest, gebe es aber noch einige Geschäfte, die er von früher kenne, wie etwa „Waffen-Paul“ und die „Krone“. Auch an Foto Blesius, erinnert er sich. Da habe die Familie mal Bilder machen lassen. Und das Museum, das sei immer noch da, wo es früher stand. Das Zentrum indes zeige ein verändertes Gesicht: „Als ich wegzog, war die Osterstraße noch zweispurig von Autos befahren. Und an der Deisterallee – Ecke Ringstraße gab es „den Rosengarten“. Wobei: „Was die Optik anbelangt, muss man der Stadt ein Kompliment machen“, sagt Jobst. Neues integriere sich harmonisch in das historische Stadtbild, findet er. Am Stadtrand, fällt ihm weiter ein, „da endete oder begann, je nach Sichtweise, die Teppichfabrik“. Je nach Perspektive und eigener Statur nimmt man auch die Dimension der Gebäude wahr: Die Häuser, die einem als Kind wahnsinnig groß erscheinen, sehen im Vergleich zum erinnerten Bild plötzlich wie Miniaturen aus, wenn man ihnen als Erwachsener gegenübersteht. Kinder sehen eben vieles anders als Erwachsene – und achten auf Dinge, über die ein Erwachsener, so etwa, wenn es um kostspielige Wünsche des Nachwuchses geht, gerne hinwegschaut. Spielwarengeschäfte, die sind Dieter Jobst bis heute im Gedächtnis hängengeblieben: Er erinnert sich an „diesen Laden, unten in der Bäckerstraße, Spielwaren Kater hieß es, glaube ich.“ Eins weiß er genau: Im Schaufenster stand dieses wahnsinnige Holz-Feuerwehrauto, ausgestattet mit allem Drum und Dran, mit einer bewegbaren Leiter und Türen, die sich öffnen ließen – „der Traum eines jeden kleinen Jungen“. Leider unerschwinglich, wenn man bedent, dass „das Holz-Feuerwehrauto 49,50 Mark kostete und der wöchentliche Verdienst des Vaters damals bei 80 bis 85 D Mark pro Woche lag. Die anderen Spielfahrzeuge, die „ganz schön technischen und sehr teuren Schuco-Autos“ waren da erst recht nicht drin.

Dass offenbar nichts drin ist unten im Hochzeitshaus, das wundert Dieter Jobs: „Das schöne Gebäude als Gästehaus für prominente Besucher, das wäre doch ganz nett…“, überlegt er eine Möglichkeit der Nutzung. Die Gelegenheit, sein Geburts- und Wohnhaus wiederzusehen, nutzt Jobst gleich zu Beginn seines Besuchs in Hameln aus. „In der Emmernstraße 15, da haben wir als Kinder gewohnt.“ Später zog die Familie in die Wolthematestraße. Eine kurze Zeit, da die Mutter verstorben war, erzählt Jobst weiter, seien die vier Kinder bei Pflegeeltern in der Deisterallee 18 untergebracht gewesen: „Bei Familie Musch. Der Christian hat mir beim Fahrradfahren-Lernen geholfen“, sagt Jobst. Dass er keine persönlichen Kontakte zu Hamelnern habe, bedauert er schon. Indes: Eine Heimatverbundenheit, nein, die empfinde er nicht. Hameln erneut als Lebensmittelpunkt zu wählen, kann er sich nicht vorstellen, obwohl er mit der Stadt „irgendwie ein warmes Gefühl“ verbinde.

Und, Stunden später, wieder unterwegs auf dem Weser-Radwanderweg, schickt er per Whatsapp ein abschließendes, erklärendes Statement dazu: „Kreuze niemals deinen eigenen Weg.“



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