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Wie sich Themen der Abiturarbeiten im Laufe der Zeit ändern – das Schularchiv reicht bis 1868 zurück

Reifeprüfung im Wandel

Hameln.. Weite, enge, kurze, lange Hosen und Röcke: In der Mode ist der Spiegel der Zeit am offensichtlichsten. Wie sehr die Auffassungen der Zeit dem Wandel unterliegen, zeigt sich aber auch in anderen Bereichen – zum Beispiel in der Auswahl der Abiturthemen für das Fach Deutsch. Oder wie man früher gesagt hätte: an den Reifeprüfungsthemen für den Abituraufsatz. Im Schularchiv des Schiller-Gymnasiums werden Abiturarbeiten von 1868 bis heute aufbewahrt.

veröffentlicht am 10.06.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 20:41 Uhr

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Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Vor 143 Jahren, also zu Zeiten Bismarcks, lautete das Thema: „Wer gelten will, muss dienen.“ Schulleiter Andreas Jungnitz erklärt: „Ein typischer Besinnungsaufsatz, der von einer bestimmten These ausgeht, an den enge Erwartungen geknüpft wurden und der ideologisch durch Zeitaspekte wie Imperialismus und Kolonialisierung geprägt ist.“ Wie wichtig Ideale in dieser Ära sind, zeigt auch das Thema im Jahr 1889: „Inwiefern wirkt das Vorbild hervorragender junger Männer fördernd für die Entwicklung des Jünglings?“, lautete die Abiturfrage, die anschaulich die Rolle des Militärs als Schule der Männlichkeit in dieser Zeit widerspiegelt. Worauf es geschichtlich hinauslaufen wird, lässt sich auch am Deutschthema im Jahr 1901 ablesen: „Warum muss das Deutsche Reich eine starke Flotte haben?“

Gesellschaftlicher Umbruch und Krise werden um 1920 offenbar. Das Weltbild hat Risse bekommen, das Deutschthema „Das Verhältnis von Arbeitszeit und Erzeugung (Gedanken bei der Einführung des Achtstundentages)“ lässt tief blicken. Ebenso die Themen in der Zeit des Nationalsozialismus. „Die Bedeutung der Rasse für die Geschichte der Völker“ im Jahr 1936 kündet von der politisch regimekonformen Haltung auch innerhalb der Schule. „Nach 1945 tritt die Suche nach Neuorientierung in den Vordergrund“, erklärt Andreas Jungnitz. Womit sich die Abiturienten in ihrer Reifeprüfung übrigens auch schon 1950 auseinandersetzen mussten, war die Frage: „Worin sehen Sie die Hauptschwierigkeiten für eine Vereinigung Europas?“

In den deutschen Reifeprüfungsaufsätzen des Jahres 1963 schließlich weht ein Hauch von Aufbruchstimmung. Die Schüler müssen sich mit einer „revolutionären Entwicklung“ auf dem deutschen Büchermarkt auseinandersetzen: Dem Taschenbuch! Unter anderem soll beantwortet werden, ob sie sich selbst eine Bibliothek aus Taschenbüchern aufbauen würden. In zwei sehr gut bewerteten Arbeiten des Jahrgangs, die der Zeitung vorliegen, setzen sich die Abiturienten mit dem Thema auf hohem Niveau auseinander.

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Die Klausuren sind geprägt von Traditionen einerseits und Markterneuerung andererseits. Dass im Zuge der Veränderung „viele für viele schreiben statt wie früher wenige für wenige“, wertet einer der Schreiber allerdings nicht als revolutionär, sondern als Ausdruck einer langjährigen Entwicklung. Außerdem wird die Streuung des Wissens als „vorzüglicher Erziehungsfaktor des Menschengeschlechts“ gesehen. Der zweite fährt Kontra auf: „Man bekommt den Eindruck, als ob irgendetwas Gedrucktes angeboten würde, ohne Ansehung des Inhalts.“ Beide Schüler zitieren Goethe: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Während der erste Schreiber verkürzt daraus folgert, „wer vieles druckt, kann billig drucken“, findet der zweite: „… und wenn das Viele wächst, wird auch das Etwas von ihm getragen werden“.

Betrachtet man das Missverhältnis zwischen Informationsangebot und Aufnahmefähigkeit der Konsumenten heute, wirken die Bedenken vor den Auswirkungen des Taschenbuchs geradezu niedlich: Während der eine Abiturient sich klar für den Aufbau einer Taschenbuchbibliothek – natürlich nur mit niveauvollen Büchern – ausspricht, warnt der andere vor Kauf- und Konsumwut. „Ist man erst dabei, mehr und mehr zu kaufen, so lässt das Ergebnis nicht lange auf sich warten: Eine zunehmende Lustlosigkeit am Lesen überhaupt wird einsetzen als Erwiderung auf die Konsum-Einstellung, denn man kann sich auch einmal überlesen.“

Die kritische Betrachtung von Konsum steht auch 1973 im Fokus: Die Abiturienten müssen sich mit einer Werbung für Weichspüler auseinandersetzen. „Versuchen Sie in einer Zusammenfassung die Eigentümlichkeit und die Wirkung der von Ihnen gewählten Anzeige zu ermitteln“, heißt es unter anderem in der Aufgabenstellung. „Es war die Zeit der Reformen, unter anderem der gymnasialen Oberstufe“, erklärt Jungnitz. Wie bereits in den beiden Jahrzehnten zuvor habe sich die Typik der Texte geändert, die Aufgabenstellung sei erneut komplexer gewesen. „Man fing an, materialbezogener zu arbeiten.“

Prägend für die 1980er – zumindest in der Mode das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks – sei ein erweiterter Literaturbegriff im Zusammenhang mit Sprachanalyse gewesen, sagt der Schulleiter, „die Reflexion über Sprache war signifikant“. Übersetzt heißt das: Auch in der Literaturauswahl war man ziemlich offen für Neues. In einer Klausur von 1983 wird die Funktion von Sprache am Serienhelden Jerry Cotton untersucht. Spannend bei der Analyse von Trivialliteratur: Die Schüler sollen unter anderem die Erzählweise im Krimi mit der in der Fernsehserie Dallas vergleichen.

Die 1990er Jahre schließlich stehen im Zeichen moderner Autoren wie Dürrenmatt und Frisch, aber auch postmoderne Texte von Klaus Modick werden gern für Abiturthemen genutzt. Inwieweit diese Auswahl ein Spiegel der Nachwendejahre sein kann, „das werden wohl erst nachfolgende Generationen beurteilen können“, glaubt Jungnitz.

Nach der Jahrtausendwende war wohl vor allem das Zentralabitur prägend, meint er. Für mehr Vergleichbarkeit werden seitdem thematische Vorgaben gesetzt. „Das Spektrum sollte breiter gefasst werden“, sagt Jungnitz. Doch viele Kollegen empfinden es anders. So, wie es immer ist, wenn viele Beteiligte auf einen Nenner kommen müssen: enger.

Und heute? 2013 mussten die Abiturienten „auf erhöhtem Niveau“ einen Auszug aus Herders Reisetagebuch von 1769 mit den Erfahrungen des Ich-Erzählens in Christian Krachts Adoleszenzroman „Faserland“ vergleichen. „Auf grundlegendem Niveau“ war die Rezension zur Aufführung von Schillers „Kabale und Liebe“ in der Düsseldorfer Inszenierung von 1993 Thema.

Trotz aller Veränderungen im Laufe der Zeit: „Grundlegende Themen kommen immer wieder“, glaubt Jungnitz. „Im Fokus steht die Frage nach dem Gelingen des Lebens und der Rolle des Menschen in der Gesellschaft.“

Abithemen im Wandel der Zeit: Kriegsschiffe (1901), Europa-Fragen (1950) und Christian Kracht (2013). dpa, doro, pr

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