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Britta Daniel-Tonn hat der Sage vom Pfeifer und Grimms Märchen kindgerechtere Züge gegeben

Rattenfreundlich und kein bisschen grausam

Hameln/Bad Münder. Nein, die Ratten ertrinken nicht in der Weser. Sie überleben. Und finden ihr neues Revier im Klüt. Ein rattenfreundlicher Pfeifer hat’s möglich gemacht. Auch die Kinder verschwinden nicht auf Nimmerwiedersehen, sondern kehren lachend und tanzend heim. Die Bürger der Stadt haben ihre Lektion gelernt, und der Rattenfänger schaut auch heute noch von Zeit zu Zeit vorbei und passt auf, dass die Hamelner nicht vergessen, was sie damals gelernt haben. Ende gut, alles gut.

veröffentlicht am 16.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 05:21 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Zumindest bei Britta Daniel-Tonn. Die junge Frau aus Bad Münder räumt auf mit der düsteren Sage um Ungerechtigkeit, Betrug und bittere Rache und inszeniert einen liebenswerten Pfeifer, der die Stadt Hameln von ihrem düsteren Image befreit. Einfach märchenhaft. Und ein Fall für Grimms sanftmütige Erbin, der die blutigen Geschichten der Brüder zu grausam sind. Britta Daniel-Tonns hat sich die bekanntesten Märchen und die Sage vom Rattenfänger vorgeknöpft und präsentiert sie in einem „kinderfreundlichen, pädagogisch wertvollen“ Gewand. „Grimms Neue Märchen“ lautet der Titel ihres E-Books, das sie bei BookRix.de veröffentlicht hat. Demnächst soll die Sammlung auch als Hörbuch erscheinen.

Warum gerade Grimms Märchen? „Als ich unserem dreijährigen Sohn Luke von Hänsel und Gretel erzählt habe, war er geschockt“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Er sei ganz klar zu jung für die Märchen gewesen. „Zumutbar ist das erst ab acht Jahren, dann können die Kinder besser mit Hexen und der ganzen Gut-und-Böse-Thematik umgehen“, findet sie. Selbst in diesem Alter dürfe man sie aber mit so einem Märchen nicht allein lassen, sondern müsse ihnen helfen, die Geschichte auf eine richtige Ebene zu bringen, rät die Autorin, die Jüngeren Grimms Märchen nicht zumuten will: „Erzählen Sie mal einem Dreijährigen guten Gewissens, weshalb die Hexe den Hänsel verbrennen möchte und am Ende die Kinder die Hexe verbrennen. Na, dann – süße Träume…“.

Ihr Sohn Luke hatte sie nicht. Ihn beschäftigte das Thema so sehr, dass bei der Mutter der Wunsch reifte, das Märchen kinderfreundlich umzuschreiben. Neben Hänsel und Gretel nahm sie sich auch Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen, Frau Holle, Rumpelstilzchen, Rotkäppchen und weitere bekannte Märchen sowie die Sage vom Rattenfänger vor. „Natürlich gibt es Psychologen, die sagen, dass Kinder mit der Gewalt in Grimms Märchen gut umgehen können“, weiß Britta Daniel-Tonn. Kribbeln, Ängste und der Adrenalinschub würden ja auch den Reiz dieser Märchen ausmachen: „Aber sie waren ursprünglich für Erwachsene gedacht“, sagt die dreifache Mutter. Schon zu Lebzeiten hätten die Grimms immer wieder zeitgemäße Änderungen vorgenommen. „Meine neuen Ansätze sind nichts anderes“, sagt Britta Daniel-Tonn. Zeitgemäß. Die Super-Nanny mache es im Fernsehen vor: Erziehungsgeschichten kommen an. Werte und Vorbilder seien gefragt. „Und da sind die böse Stiefmutter als Gegenpart zur guten Mutter, und Hexen, die verbrannt werden dürfen, einfach nicht mehr aktuell.“

Ratten, die ertränkt werden, auch nicht. Britta Daniel-Tonn hatte früher selbst eine Ratte: „Das sind sehr intelligente, sozial veranlagte Tiere“, sagt sie. „Außerdem schwimmen sie gut und können tauchen.“ Der massenhafte Rattentod in der Weser – unmöglich. Davon will die junge Autorin nichts wissen. Bei ihr verbünden sich die Nager mit dem Pfeifer, durchqueren die Weser und siedeln sich im Klüt an. Ihre Ratten sind lebendig und liebenswert. Und der Pfeifer begibt sich mit ihnen auf Augenhöhe: „Man kann die Ratten auch als Parabel für andere, fremde Kulturen sehen“, sagt die Autorin. Eine schöne Idee. Ganz aber kann sich Britta Daniel-Tonn, die in Segelhorst aufwuchs, am Hamelner Schiller-Gymnasium zur Schule ging und später in Hildesheim Sozialpädagogik studierte, den pädagogischen Zeigefinger nicht verkneifen. Der Pfeifer bringt nicht nur die Kinder zurück, sondern er verhilft ihnen auch zu Respekt, fühlten sich diese von ihren Eltern doch nicht ernst genommen. Das Honorar, das er endlich erhält, spendet der Flötenspieler für den Bau einer „Rattenfänger“-Schule, in der Kinder und Eltern unterrichtet werden. Ganz schön viel Pädagogik auf einmal. „Vielleicht“, schmunzelt die Autorin, „aber das lässt sich ja irgendwann überarbeiten.“ Wichtig ist ihr, dass der Rattenfänger als Erzieher der Erwachsenen rüberkommt und dass Werte wie Toleranz, Akzeptanz, Respekt und Gerechtigkeit vermittelt werden.

„Grimms Neue Märchen“ gibt es bei BookRix.de für 12,99 Euro und in Kürze auch bei Amazon, Thalia und im Buchhandel.



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