weather-image
Heute Treffen mit Pächterehepaar Fricke und Fachleuten / Medienecho nach Dewezet-Bericht

Rattenfängerhaus: Stadt räumt Fehler ein

Hameln. Die Stadt Hameln hat Fehler im Zusammenhang mit einer möglichen Verseuchung des historischen Rattenfängerhauses durch Holzschutzmittel eingeräumt. Wie bereits berichtet, waren auf Antrag von Christina Hartlieb-Fricke – sie betreibt in dem der Stadt Hameln gehörenden Gebäude im Erdgeschoss ein Restaurant und wohnt mit ihrer Familie in der darüberliegenden Wohnung – Raumluftmessungen durchgeführt worden. Denn die 45-Jährige argwöhnt, dass ihre im vergangenen Mai diagnostizierte Krebserkrankung – ein ausgesprochen seltener Nasentumor – in Verbindung mit Umweltgiften in ihrer Wohnung stehen könnte. Das Ergebnis der Kontrollen allerdings schmorte rund vier Wochen im Rathaus und war der Familie erst auf Nachfrage und dann auch nur unvollständig mitgeteilt worden. Und: Es ist verheerend ausgefallen.

veröffentlicht am 27.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 06:41 Uhr

Heute Treffpunkt von Experten: das schadstoffbelastete Rattenfängerhaus.  Foto: Dana

Autor:

Christa Koch
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Es hat aber keinerlei Anweisung von oben gegeben, der Familie das Untersuchungsergebnis nicht vollständig mitzuteilen“, beteuert Stadt-Pressesprecher Thomas Wahmes. Möglicherweise seien Missverständnisse oder aber übertriebene Vorsicht eines einzelnen Sachbearbeiters die Gründe, warum die Messergebnisse nicht umgehend bekannt gemacht worden seien. „Das ist nicht gut gelaufen, und das bedauern wir natürlich. Aber es war ja auch Urlaubszeit, es gab die Feiertage zum Jahreswechsel, und die Abteilung leidet ohnehin unter hoher Arbeitsbelastung“, wirbt Wahmes um Verständnis. Das alles aber, so gibt er selbst zu, ändere nichts an der Tatsache, dass die Informationen über die laut Gutachten „deutlichen bis sehr hohen Belastungen“ im Gebäude zurückgehalten worden seien. Verursacht worden sind diese Belastungen offenbar durch die in Holzschutzmitteln enthaltenen Umweltgifte PCP und Lindan, die bis Ende der 80er Jahre verwendet und als hochgradig krebserregend gelten, dann aber schließlich verboten wurden.

„Hier ist Transparenz gefordert, und es gibt keinen Grund, zu mauern“, sagt Wahmes – alles andere sei nicht „zielführend“. Schon deshalb sollte der Familie Fricke gestern auch noch das vollständige Gutachten übergeben werden, sollen heute Morgen Fachleute das Gebäude – auch das Restaurant – unter die Lupe nehmen und gemeinsam mit Vertretern der Verwaltung Vorschläge machen, wie die Immobilie saniert werden kann. Auf jeden Fall, so hat der Pressesprecher versprochen, werde die Stadt das Thema jetzt umgehend „offensiv angehen“.

In die Offensive gehen jetzt erst mal die Eheleute Fricke: Christina Hartlieb-Fricke, der wegen ihrer schweren Erkrankung noch mehrere Operationen bevorstehen, unterzog sich jedenfalls gestern auf Anraten ihrer Ärzte – einer davon ist Umweltmediziner – einer Blutuntersuchung. Und auch Ehemann Karl-Heinz und die 14-jährige Tochter Lara-Christin werden sich noch untersuchen lassen, wobei die Stadt vermutlich die Kosten dafür übernehmen muss, hat sie doch die Familie in Kenntnis der schwerwiegenden Untersuchungsergebnisse einfach weiter in deren Wohnung gelassen, ohne ihr eine Warnung zukommen zu lassen. Im Übrigen ist das Pächter-Ehepaar eher genervt von dem Medien-Rummel, den der Dewezet-Bericht gestern ausgelöst hatte: SAT 1, NDR, Radio Aktiv – alle möglichen Sender wollten Einzelheiten über die Verseuchung des Gebäudes und die Versäumnisse der Stadt Hameln wissen. Fricke jedenfalls hofft erst einmal darauf, sich mit der Stadt gütlich einigen zu können, muss er doch möglicherweise auch einen Verdienstausfall hinnehmen, wenn er wegen der Sanierung schließen müsste. Obwohl er optimistisch ist, dass es im Restaurant schon aufgrund der ständigen Durchlüftung nicht die gleichen Probleme gibt wie in der darüberliegenden Wohnung.

Wie auch immer man im Rathaus mit diesem Problem aber auch umgeht: Es scheint einiges im Argen zu liegen. Und das betrifft vor allem die Informationspolitik. Nachdem Mitte der 90er Jahre unter anderem im Eugen-Reintjes-Kindergarten und in der Kurie Jerusalem hohe PCP-Belastungen entdeckt worden waren und die Gebäude daraufhin erst geschlossen und dann saniert werden mussten, glaubt Wahmes zwar, dass die Verwaltung „Erfahrung“ habe mit solchen Problemen. Und gibt zu: „Nur mit Transparenz kann man gewinnen.“ Aber da scheint es hier und da Gedächtnislücken zu geben: Schon im August 1995 berichtete die Dewezet über einen Live-Dreh von NDR „Hallo Niedersachsen Extra“. Damals hatte die Journalistin Hanna Legatis dem seinerzeit amtierenden Oberstadtdirektor Werner Lichtenberg vorgeworfen, die Eltern nur mangelhaft über die Schadstoffbelastungen in der Kurie informiert zu haben. Lichtenberg hatte sich seinerzeit dafür entschuldigt. Ob es zu den damals seitens der Stadt angekündigten Messungen in allen anderen öffentlichen Gebäuden gekommen ist, weiß der Pressesprecher der Stadt nicht zu beantworten. Fricke, bereits seit 1966 Pächter: „Bei uns ist jedenfalls nicht gemessen worden!“

Angesichts der neuerlichen, äußerst mangelhaften Informationspolitik der Stadt zeigt sich Ursula Wehrmann, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Rat, regelrecht „erschüttert“. Noch am Mittwoch habe es während der turnusmäßigen Sitzung des Verwaltungsausschusses (VA) keinerlei Informationen über das Problem gegeben, die Politik habe erst aus der Dewezet davon erfahren. Deshalb habe sie umgehend, auch in ihrer Funktion als Bürgermeisterin, bei der Verwaltung wegen Details angefragt und gefordert, dass nun umgehend gehandelt werden müsse. In diesem Gespräch sei ihr immerhin versprochen worden, dass die Verwaltung und in vorderster Front Baudezernent Eckhard Koss jetzt die „ganze Kraft“ in die Lösung der Angelegenheit stecken wollen. Pikant: Koss selbst soll erst vor zwei Tagen überhaupt über die Angelegenheit unterrichtet worden sein. Betrachtet man den Dezernenten vielleicht schon als Auslaufmodell, weil der offenbar frustriert das Handtuch geworfen hatte und vorzeitig schon Ende Juni – dreieinhalb Monate vor Erreichen des 65. Lebensjahres – aus dem Dienst ausscheiden will?

Claudio Griese, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Hamelner Rat, mag darüber nicht spekulieren, kritisiert aber gleichfalls die Verwaltung und ihre Informationspolitik. Aufgebracht ist der Christdemokrat vor allem darüber, dass die Politik von der Öffentlichkeit in Mitverantwortung genommen werde, obwohl sie oft gar nicht seitens der Verwaltung informiert sei. Und das betreffe keineswegs allein die jetzt festgestellte Schadstoffbelastung im historischen Rattenfängerhaus, sondern auch Themen wie Museum oder die Wiederbesetzung der im Sommer frei werdenden Stelle von Koss als Baudezernent.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige

Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

Immobilien mieten

Immobilien kaufen

Anzeige
Anzeige
Kommentare

Kontakt

Redaktion
E-Mail: redaktion@dewezet.de
Telefon: 05151 - 200 420/432
Anzeigen
Anzeigen (Online): Online-Service-Center
Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
Abo-Service
Abo-Service (Online): Online-Service-Center
Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
X
Kontakt