weather-image
12°

Muss nicht nur der Brandschutz auf den Prüfstand?

Rattenfänger-Halle: Sitzplätze ohne Lehne, Messen ohne WLAN

HAMELN. Ende der 1980er Jahre wurde die Rattenfänger-Halle für 18,5 Millionen D-Mark gebaut. Beim Brandschutz soll nun, nach 30 Jahren, nachgebessert werden – aber reicht das? Auch die Sitzplätze, die Tribünenplätze für Rollstuhlfahrer und das (nicht vorhandene) Internet sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

veröffentlicht am 07.05.2018 um 16:58 Uhr

Jedes Jahr ist die Rattenfänger-Halle Austragungsort der Hamelner Ausbildungsmesse. Viele Aussteller wünschen sich eine Internetverbindung an den Messeständen – in anderen Mehrzweckhallen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Foto: Archiv/Dana
Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Fünf-Särge-Halle“ – diesen Namen hatte die Rattenfänger-Halle schnell weg, nachdem Ende der 1980er Jahre der Baubeginn am Stockhof war. Zum einen wegen ihrer ungewöhnlichen Dachkonstruktion und der prägnanten Seitenansicht, zum anderen, weil in der Mehrzweckhalle an der Weser nach Ansicht vieler Hamelner (zu) viele Millionen vergraben wurden: 18,5 Millionen D-Mark standen auf der Rechnung, als die Rattenfänger-Halle im Mai 1988 eröffnet wurde. Inklusive Tiefgarage, Unterführung, Einrichtung und Außenanlage kostete sie sogar 44 Millionen D-Mark.

Zum 20. Geburtstag des Gebäudes berichtete die Dewezet noch, dass sich mit Fertigstellung der Halle „Künstler, die lange Jahre um die Rattenfängerstadt einen Bogen gemacht hatten [...] die Klinke in die Hand“ gäben: Udo Lindenberg spielte dort, Herbert Grönemeyer, Udo Jürgens. Doch inzwischen, nach 30 Jahren, ist die Rattenfänger-Halle arg in die Jahre gekommen – und steigende Ticketpreise für Veranstaltungen tragen nicht unbedingt dazu bei, dass Gäste über mangelnden Komfort und fehlende Modernisierungen hinwegsehen.

Im nächsten Jahr soll für die Rattenfänger-Halle ein Brandschutzkonzept erstellt werden (wir berichteten). Vieles in der Mehrzweckhalle ist nach wie vor auf dem Stand der 1980er Jahre – nun muss nachgebessert werden. Nach Meinung unserer Leser sollten dabei allerdings nicht nur Brandmeldeanlagen und Feuerschutztüren unter die Lupe genommen werden, sondern noch andere „Mängel“:

  • Sitzplätze: Unserer Leserin Ingrid Edel besuchte Ende März „Falco – das Musical“, das in der Rattenfänger-Halle gastierte. „Die Bestuhlung“, berichtet sie, „war eine Zumutung.“ Für einen Sitzplatz auf der Teleskoptribüne im Block C – „ohne Rückenlehne“ – hatte sie 57,50 Euro bezahlt. „Geht gar nicht“, lautet ihr Urteil. Zwei Drittel der Bühne seien nicht zu sehen gewesen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hier keine Ausnahme: Wenn im nächsten Jahr Max Raabe & das Palast Orchester in der Rattenfänger-Halle spielen, müssen für denselben Sitzplatz mehr als 60 Euro berappt werden. „Für mich ist ganz klar: Solch eine Veranstaltung werde ich nie wieder besuchen, lieber fahre ich in den nächsten Veranstaltungsort“, sagt Ingrid Edel.
  • Plätze für Rollstuhlfahrer:Edel ist nicht die Erste, die sich über den Zustand der Rattenfänger-Halle beschwert. Immer wieder endet der Blick von Zuschauern mit Rollstuhl beispielsweise an einer roten Balustrade, die die Sicht auf die Bühne versperrt. Die Plätze befinden sich zwar, so heißt es auf der Internet-Seite der Stadt Hameln, „in der Regel frontal mittig zur Bühne“; „vor den Rollstuhlfahrerplätzen sitzen keine Leute“. Allerdings befinden sich diese sechs speziell für Rollstuhlfahrer ausgewiesenen Plätze hinter einem Geländer, das die Tribüne abgrenzt. Je nach Personengröße ergäben sich „eventuell Sichtbehinderungen durch ein Geländer“, heißt es. Vor einigen Jahren auf dieses Problem angesprochen, sagte Oliver Meinecke, Mitarbeiter der Hameln Marketing und Tourismus GmbH und zuständig für die Verwaltung der Halle: „Die können sich ja ein Kissen mitbringen. Sie wissen ja vorher, dass sie nichts sehen.“
  • WLAN: Die Rattenfänger-Halle ist nicht nur Veranstaltungsort für Konzerte, Musicals, Sport-Events, Galas und Bälle, auch Messen finden dort regelmäßig statt. Im September wird die Mehrzweckhalle ein Wochenende lang Austragungsort der Tattoo und Style Convention sein, im Oktober findet dort die Hundemesse statt. Auch die Hamelner Ausbildungsmesse ist jedes Jahr in der Rattenfänger-Halle zu Hause. Im vergangenen Jahr kamen 57 Aussteller auf der Suche nach Auszubildenden, darunter das Blomberger Unternehmen Phoenix Contact. Abteilungsleiter Hans Laschewski zog ein positives Fazit – mit einem „Aber“: Eine Internetverbindung an den Messeständen „wäre hilfreich“, sagte er. So könne er den Schülern einfacher die Homepage des Unternehmens zeigen und die Funktionsweise der Online-Bewerbung erläutern.

Was im ersten Augenblick nach einem Luxusproblem klingt, sollte heutzutage eigentlich selbstverständlich sein und gehört zur Grundausstattung. Zum Vergleich: In der Swiss-Life-Hall in Hannover, die für bis zu 5800 Konzertbesucher ausgelegt ist – auch dort finden neben Konzerten, Sportveranstaltungen & Co. oft Messen statt –, wurden 14 Access Points montiert, die das Foyer der Halle zu einem WLAN-Hotspot machen. „Über diese Zugangspunkte können sich die Besucher der Halle im Foyer jetzt kostenlos ins Internet einwählen, E-Mails checken, Fotos auf Facebook posten oder den aktuellen Stand beim Handball-Bundesliga-Spiel der Recken, TSV Hannover-Burgdorf, per WhatsApp an Freunde schicken“, heißt es auf der Internetseite des Konzertveranstalters Hannover Concerts. „Für unsere Gäste ist öffentliches WLAN ein riesiger Benefit. Sie können ihre Erlebnisse nun einfach mit anderen teilen“, sagt Geschäftsführer Nico Röger.

Die Stadt Hameln als Eigentümerin der Rattenfänger-Halle verweist darauf, dass 2019 im Zuge der Erstellung eines Brandschutzkonzeptes gleich die ganze Halle unter die Lupe genommen werden soll: „Wir planen eine ganzheitliche Bestandsaufnahme, die dann Aussagen zu den Sanierungskosten liefert.“ Wie umfassend die Halle saniert wird, wird wohl vor allem eine Frage der Kosten sein.

Mein Standpunkt
Wiebke Kanz
Von Wiebke Kanz

Jede Modernisierung kostet Geld. Das tut erst mal weh – vor allem, wenn das Konto ohnehin schon hoffnungslos überzogen ist. Auf der anderen Seite: Wenn in der Rattenfänger-Halle nicht bald etwas passiert, machen nicht mehr nur die großen Stars einen Bogen um Hameln – oder buchen für hippe, kleine Clubtouren eher die Sumpfblume –, sondern auch die mittelgroßen, mittelmäßig bekannten suchen sich andere Auftrittsorte. Hannover ist nicht aus der Welt, Bielefeld auch nicht. Messe- und Partyveranstalter finden Alternativen, auch in Hameln. Die Stadt muss in Sachen Modernität und Komfort nachlegen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt