weather-image
Zu dem Syrer kommen viele Klienten aus dem arabischen Raum

Psychotherapeut Khaled Bachir Tarmanini: „Gewaltrate ist in Deutschland sehr hoch“

HAMELN. Khaled Bachir Tarmanini ist der einzige arabische Psychotherapeut, der in Hameln praktiziert. Er ist 1974 in Syrien geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er zum Studieren nach Deutschland, wo er in Osnabrück Psychologie studierte. Nach der Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten war er an verschiedenen Kliniken tätig. 2014 kam er mit seiner Familie nach Hameln und übernahm in der Sandtsraße die Praxis von Ursula Bomnüter. Ein Gespräch über Religion als Seelenheil, Unterschiede zwischen deutschen und arabischen Patienten, unterdrückte Frauen und traumatisierte Flüchtlinge.

veröffentlicht am 01.01.2019 um 15:06 Uhr
aktualisiert am 02.01.2019 um 09:58 Uhr

Khaled Bachir Tarmanini hält nichts von Pauschalisierungen. Foto: pk
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Herr Tarmanini, nur ein paar Häuser weiter gibt es eine arabisch-islamische Gemeinde. Sehen Sie sich als Konkurrenz?

Khaled Bachir Tarmanini: (erstaunt) In welcher Hinsicht?

Hinsichtlich des Seelenheils des Menschen.

Ich weiß nicht, ob die Religion ein Instrument für die Seelenheilung ist. Es gibt psychologische Studien, die nachweisen konnten, dass Religion als Stütze für die menschliche Seele gesehen werden kann – in angemessener Anwendung natürlich. Dabei spielt die Art der Religion keine Rolle, ob es Islam, Judentum oder Christentum. Religion gibt vielen Menschen Halt. Von daher sehe ich weder die Kirche noch die Moschee noch die Synagoge als Konkurrenz. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn die Menschen davon profitieren, dann ist das super.

Sind Sie religiös?

Ja.

Welchen Glaubens?

Islam.

Worin unterscheiden sich die psychischen Probleme von deutschen und arabischen Patienten? Welche Rolle spielt dabei der religiöse Hintergrund?

Der religiöse Hintergrund spielt meiner Erfahrung nach keine Rolle. Wenn der Mensch von seiner Religion profitiert und daraus Stabilität erlangt, dann unterstütze ich das, solange es nicht dysfunktional ist. Zu den kulturellen Unterschieden: Die menschliche Seele ist eine Einheit – ob der Mensch nun Deutscher, Brasilianer oder Araber ist. Beispiel Trauer: Die Menschen trauern um den Verlust eines geliebten Menschen, egal woher sie kommen. Dies spiegelt sich auch in allen Krankheitsbildern wider. Bei einem Migranten kann im Unterschied zum Einheimischen noch der Kulturkonflikt dazukommen. Nehmen wir das Thema Gastfreundschaft: A aus einer Familienkultur, wo das Wir sehr stark und das Ich sehr klein ist, besucht B aus einer individualistischen Kultur wie Deutschland, wo das Wir in der Regel klein ist und das Ich sehr stark. B fragt A: „Möchten Sie etwas trinken?“ In der Regel antwortet derjenige aus der arabischen Kultur: „Nein, danke.“ Und B sagt: „Gut.“ Dann kann es sein, dass A denkt: „Mein Gott, wie geizig B ist. Er sollte mich nochmal fragen oder mir etwas anderes anbieten.“ Es kann also sein, dass A das als Abneigung interpretiert. Wenn ein Mensch solche Erfahrungen macht, kann er sich fremd fühlen und eine Depression entwickeln.

2002 haben Sie sich während Ihres Studiums gegen die Rasterfahndung eingesetzt. Da haben Sie sich in Deutschland vermutlich auch fremd gefühlt.

Man kann sich auch in seiner eigenen Familie fremd fühlen, mit seiner Frau oder in der eigenen Kultur. Man kann sich auch kritisch gegenüber seiner Familie äußern. Als ich mich gegen die Rasterfahndung eingesetzt habe, war die Botschaft: „Leute, so funktioniert das nicht! Ich fühle mich hier sehr wohl, aber hiermit werde ich stigmatisiert auf mein Herkunftsland und nach bestimmten Merkmalen aussortiert.“ Das wäre so, als wenn ich jemanden mit Glatze sofort als Rechtsradikalen stigmatisieren würde. Was für ein Quatsch! Und dagegen habe ich mich eingesetzt.

Ihr Kollege Ahmad Mansour … Kennen Sie ihn?

Nein.

Er ist ein arabischer Psychologe, der sich viel mit der deutschen Integrationspolitik auseinandersetzt. Er kritisiert sie dafür, zu wenig fordernd zu sein, hält sie für blauäugig. Viele Migranten aus islamisch geprägten Ländern kämen mit patriarchalen, stark religiös geprägten Lebensvorstellungen nach Deutschland, viele hätten antisemitische Weltbilder im Kopf. Er sagt, Integration sei eine Bringschuld der Migranten. Hat er recht?

Inwiefern hat er recht?

Ist die deutsche Integrationspolitik zu lasch?

Das ist eine sehr pauschale Aussage. Ich denke, die Medien spielen eine ganz große Rolle. Was ist das Bild vom Islam? Terror? Bomben? Aggression? Das ist das publizierte Bild. Es wird berichtet, dass irgendein Mensch in einer Apotheke eine Frau mit Benzin angezündet hat. Es wird aber nicht berichtet, dass in einem Krankenhaus in Bad Pyrmont in einer Abteilung sechs syrische Fachärzte arbeiten, einer davon war Professor an der Uni in Aleppo. Diese Menschen sind dankbar, hier zu sein, weil arabische Länder sie nicht aufgenommen haben, leisten einen großen Beitrag für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem. Doch das Licht wird nicht darauf gerichtet, sondern auf andere Einzelpersonen. Ich kann nicht von einer Einzelerfahrung auf die ganze Population schließen.

Im Zusammenhang mit dem bundesweit aufsehenerregenden Mordversuch vor zwei Jahren in der Südstadt war häufig von verletzter Ehre des kurdischen Täters, der seine Ex-Frau töten wollte, als mögliches Motiv die Rede. Neigen Männer aus Nahost eher zu solchen Taten als deutsche Männer?

Nein, absolut nicht. Das sind Einzeltäter. Was ich erlebe, ist, dass arabische Frauen insgesamt selbstbewusst und mutig sind und sich sehr gut abgrenzen können. Und es gibt natürlich unterdrückte Frauen, wie es hier in Deutschland auch der Fall ist. In Deutschland ist die Gewaltrate in der Familie sehr hoch. Es wird nicht darüber gesprochen, aber sie ist sehr hoch, verbal und körperlich. Und die Ehre unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Bei dem hat das Auto einen hohen Wert, bei dem anderen das Haus, beim nächsten der soziale Stand. Ich denke nicht, dass man sagen kann, dass arabische Männer zu Gewalt tendieren, um ihre Ehre zu verteidigen.

Welchen Stellenwert hat die Psychologie im arabischen Raum?

Die Tendenz ist steigend, die Psychotherapie anzuerkennen, so nach dem Motto: Wenn ich zum Psychotherapeuten gehe, dann bin ich nicht verrückt, sondern ich habe einen Konflikt und brauche Unterstützung.

Einer Studie zufolge sind viele der Flüchtlinge aus Syrien traumatisiert. Kommen die auch zu Ihnen?

Es kommt eine erstaunliche Anzahl an Klienten aus dem arabischen Raum zu mir, weil ich eben arabisch spreche und mit der Kultur sehr gut vertraut bin. Aber nicht nur Araber, sondern, mit Übersetzern, auch Afghanen oder Kurden. Und ich bin sehr begeistert und positiv überrascht, dass sie wirklich sehr offen hierherkommen und sagen: „Ich habe da was erlebt und damit komm ich einfach nicht klar. Diese Bilder, Stimmen, Bomben – ich schaff das nicht. Aber ich möchte hier etwas erreichen, eine Ausbildung machen, studieren, arbeiten. Aber das belastet mich und ich brauche Unterstützung.“

Stehen Sie in Kontakt mit den örtlichen Behörden und Hilfseinrichtungen, die Ihnen womöglich Flüchtlinge als Patienten vermitteln oder Sie als Berater einbeziehen?

Ja, mit dem Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen in Hannover stehe ich in engem Kontakt. Wir versuchen, Erstgespräche mit traumatisierten Menschen zu führen.

Und hier vor Ort?

Hier stehe ich in Verbindung mit dem Weißen Ring.

Stoßen Sie als Psychotherapeut aufgrund Ihres Migrationshintergrundes auf Vorbehalte in der deutschen Gesellschaft?

Nein, absolut nicht.

Wie groß ist der Anteil der deutschen Patienten in Ihrer Praxis?

Groß. 95 Prozent sind deutsch, 5 Prozent arabisch.

Danke für das Gespräch.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt