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Planungsbüro hat sich aufgelöst

Projekt Wesermühle: Schweizer Investor hüllt sich in Schweigen

HAMELN. Mit Blick auf das Gebäude der früheren Kampffmeyer-Mühle von einem Wahrzeichen Hamelns zu reden, dürfte kaum übertrieben sein. Der elfstöckige Industriebau an der Weser prägt mit seiner imposanten Größe die Stadtsilhouette und erinnert zugleich an die jahrhundertealte Mühlentradition, die hier vor sechs Jahren ein Ende fand. Aber aus diesem Wahrzeichen könnte ein Mahnzeichen werden – wenn sich bei dem Vorhaben der Stadt, den wenig ansehnlichen Hafen in ein attraktives Quartier zu verwandeln, herausstellen sollte, dass der einstige Mühlen-Koloss diesem Vorhaben buchstäblich im Wege steht.

veröffentlicht am 14.04.2019 um 19:43 Uhr
aktualisiert am 15.04.2019 um 15:30 Uhr

Der Industriekomplex der früheren Wesermühle liegt seit über drei Jahren brach. Foto: Dana
Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil

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Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Als das Gesamtkonzept zum Weserufer im August 2017 präsentiert wurde, bezeichnete Oberbürgermeister Claudio Griese das Hafen-Projekt als ein hartes Stück Arbeit und ein „dickes Brett“, das zu bohren sei. Teil dieses neuen Areals seien auch die leerstehenden Wesermühlen. „Die Krux hierbei ist aber, dass wir bei den Mühlen nicht Eigentümer sind“, so der Rathaus-Chef.

Die gigantische Industriebrache hatte bekanntlich im Januar 2016 für eine Kaufsumme unter einer Million Euro den Besitzer gewechselt. Kurz darauf wurden die vielversprechenden Pläne für den Gebäudekomplex mit seinen über 20 000 Quadratmetern Grundfläche vorgestellt. Die außergewöhnliche Immobilie sollte exklusiven Apartments, Gewerbe und Gastronomie sowie Freizeitangeboten Platz bieten. Auf dem Dach, rund 40 Meter über der Stadt, war eine Sky-Lounge vorgesehen. Der Investor schindete mit seinen ambitionierten Entwürfen Eindruck. Doch bislang blieben diese nur Papier.

Vor einem Jahr teilte der Schweizer Geschäftsmann Abraham Weinmann, dessen Schwager Eliezer Haim Nayman die Wesermühle erworben hatte, auf Anfrage mit, die Planungen für das Großprojekt vorantreiben zu wollen. Läuft alles glatt, könne im Winter 2018 der Bauantrag gestellt werden. Er gehe von einem Investitionsvolumen von rund 45 Millionen Euro aus. Ein sichtbares Ergebnis gibt es bis heute nicht. Wenn die Wesermühle für Schlagzeilen sorgte, dann lediglich, wenn sich mal wieder Randalierer auf dem Dach des alten „Aurora“-Silos zu schaffen machten.

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Die Pläne des Investors, hier Wohnungen, Gastronomie und Gewerbe unterzubringen, sind bislang Makulatur geblieben. Zeichnung: Dr. Avni HAlili

Im Rathaus scheint man ratlos zu sein. „Es rührt sich nichts“, sagt Hamelns Stadtbaurat Hermann Aden. Den regelmäßigen Erkundigungen der Stadt begegnet der Investor laut Aden stets mit derselben Auskunft: Man sei dran. Es werde aber noch dauern, weil man derzeit mit anderen Projekten beschäftigt sei. „Es ist schade, dass der Eigentümer seine Pläne bislang nicht umsetzen konnte. Es wäre schon ärgerlich, wenn der Gebäudekomplex auf Dauer verrotten würde. Aber wir bleiben in Kontakt und hoffen, dass unser Drängen bei Herrn Weinmann Wirkung zeigt.“ Übrigens: Der letzte Mail-Kontakt zu dem Schweizer Investor liegt vier Wochen zurück. Inhalt: wie gehabt, siehe oben!

Eine interessante Entwicklung gab es hinter den Kulissen. Bislang war das Planungsbüro „ae-project“ („Architecture & Engineering“) mit dem Projekt betraut. Das Büro mit Sitz im baden-württembergischen Warthausen im Landkreis Biberach warb auf seiner Homepage mit den in Hameln seinerzeit vorgestellten Entwurfsskizzen von Architekt Dr. Avni Halili. Sein Kompagnon Robert Friedel hatte im Februar vergangenen Jahres gegenüber der Dewezet seine Unzufriedenheit über den bisherigen Verlauf des Projekts durchblicken lassen. Außer vereinzelten Gesprächen mit der Stadt sei in den beiden vergangenen Jahren nichts geschehen. Daran trage aber das Büro keine Schuld. Dort könne man sich nur dann mit den Wesermühlen befassen, wenn „die Investoren reagieren und eine Rückmeldung geben“. Eine Nachfrage bei „ae-project“ ist allerdings nicht mehr möglich, da das Büro offenkundig nicht mehr existiert. Die Homepage mit den Wesermühlen-Ansichten ist verschwunden, die Recherche nach Robert Friedel verläuft im Sand. Der habe sich in der Gemeinde abgemeldet, teilt das Bürgeramt in Warthausen mit. Offenkundig war das Büro vor Ort kaum in Erscheinung getreten. Ein Architekt, der in derselben Straße wohnt, in der „ae-project“ seinen Firmensitz hatte, teilt mit, nie etwas von diesem Büro gehört zu haben. „Ich kenne mich in der Branche aus, aber ein Herr Friedel ist mir völlig unbekannt. Gewerbe gibt es hier nicht, das ist ein reines Wohngebiet.“

Dass sich das Planungsbüro in Luft aufgelöst hat, ist im Hamelner Rathaus bekannt. „Das ist für mich irrelevant“, bemerkt der Vertreter des Oberbürgermeisters. „Das war nur ein Dienstleister. Mein Gesprächspartner war und ist der Investor“, sagt Aden.

Die Entwurfspläne von Dr. Avni Halili, der bislang auch an den Gesprächen mit Stadtbaurat Aden beteiligt gewesen war, sind jedoch nicht verloren gegangen. Sie tauchen auf der Homepage von „Silverstreet Development AG“ auf, ein im schweizerischen Walchwil im Kanton Zug ansässiges Unternehmen. Es handelt sich um eine kleine und feine Gemeinde am Zugersee. Ein mildes Klima herrscht dort – auch in anderer Hinsicht. Walchwil zählt zu jenen Ortschaften in der Schweiz, die den niedrigsten Steuersatz erheben. Insgesamt ist der Kanton Zug eine einzige Steueroase und eine Hochburg für Briefkastenfirmen.

Silverstreet Development empfiehlt sich als „erfahrener Partner für Immobilien-Investment, -Ankauf, -Verkauf, -Management, -Entwicklung und -Sanierung“, wie es auf der Homepage heißt. Als Geschäftsführer werden „A. Weinmann“, als Architekt „Dr. Avni H.“ genannt. Unter der Rubrik „Aktuelle Projekte“ ist die Hamelner Wesermühle zu finden – neben Entwürfen, Grundrisszeichnungen und Ansichten zu lediglich drei weiteren Projekten wie einer Wohnanlage oder einem schicken Mehrfamilienhaus im Kanton Zug. Vergeblich sucht man nach detaillierten Projektbeschreibungen. Silverstreet Development wurde am 4. Mai 2018 in das Handelsregister des Kantons Zug eingetragen, Abraham Awigdor Weinmann ist dort als Mitglied des Verwaltungsrates aufgeführt. Weinmann selbst stellt sich im Karriere-Netzwerk LinkedIn als „Real Estate Developer“, also als Immobilienentwickler, und „Founding Director“ von Silverstreet Development vor. Bis 2006 war er acht Jahre als „Creditmanager“ bei der „First International Bank of Israel“ tätig. Neben Zürich als Wohnsitz kursiert noch eine Londoner Adresse im Internet.

Wer sich mit dem helvetischen Unternehmen in Verbindung setzen möchte, sucht vergeblich nach einer Telefonnummer. Eine Kontaktaufnahme ist ausschließlich per E-Mail möglich. Mehrfach hat die Redaktion direkt bei Firmenchef Weinmann angefragt. Eine Antwort blieb aus. Auch Dr. Avni Halili reagierte nicht auf unsere Mail. „Wir sind hier, um zu helfen, Ihre Fragen zu beantworten“ – dieser Satz auf der Homepage des Unternehmens gilt offenbar nur bedingt.

Bis heute hat sich der Schweizer Geschäftsmann der Politik in Hameln nicht vorgestellt. Seine Fraktion werde einen Antrag stellen, um das nachzuholen, erklärt FDP-Fraktionsvorsitzender Hans Wilhelm Güsgen. „Die weitere Planung der Hafen-City muss Hand in Hand mit dem Investor der Wesermühlen gehen und deshalb ist es wichtig, zu erfahren, wie sein zeitlicher Rahmen ist.“ Dem stimmen CDU-Fraktionschefin Birgit Albrecht und Grünen-Fraktionsvorsitzender Sven Kornfeld zu. „Wir können schlecht einen Rahmenplan für den Hafen beschließen, ohne zu wissen, was mit den Kampffmeyer-Mühlen passiert“, betont Kornfeld. Es bleibe zu hoffen, dass es in absehbarer Zeit mit diesem Objekt weitergehe, so SPD-Fraktionschef Wilfried Binder.

Über ein Jahr liegt das letzte persönliche Gespräch mit dem Investor zurück, erinnert sich Stadtbaurat Aden, der nun – wie er sagt – „Druck auf den Kessel geben“ möchte, damit das Projekt Wesermühle endlich Fahrt aufnimmt. „Wenn das mit dem aktuellen Investor nicht geht, vielleicht geht es mit einem anderen Investor besser.“ Das lässt aufhorchen. Könnte sich die Stadt vorstellen, die Kampffmeyer-Mühle selbst zu erwerben, um in eigener Regie der Immobilie wieder Leben einzuhauchen? Dass Aden die Frage unbeantwortet lässt, spricht für sich.



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