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Samstag ist er zu Gast in Hameln für eine Lesung

Prof. Pöttering im Interview: „EU muss selbstbewusster werden“

HAMELN. Hans-Gert Pöttering war von 2007 bis 2009 Präsident des Europäischen Parlaments und ist bis heute überzeugter und engagierter Europäer. Am Samstag berichtet er in Hameln über Meilensteine der europäischen Geschichte. Die Dewezet hat vorab mit dem ehemaligen EU-Parlamentarier gesprochen.

veröffentlicht am 14.10.2021 um 14:04 Uhr
aktualisiert am 14.10.2021 um 21:10 Uhr

Marc Fisser

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Reporter zur Autorenseite

Herr Prof. Pöttering, Sie setzen sich seit Jahrzehnten für das Zusammenwachsen Europas ein. Doch Großbritannien hat die EU verlassen, in vielen Staaten gibt es nationalistische Töne. Wie konnte es dazu kommen?
Prof. Hans-Gert Pöttering: Der Brexit ist ein großer Fehler. Die Briten bekommen das jetzt zu spüren. Zum großen Teil beruhte er auf Fake News und Unwahrheiten. Alle Verantwortlichen müssen unseren Bürgerinnen und Bürgern klar machen, dass angesichts der Herausforderungen und Gefahren in der Welt jede Form des Nationalismus nicht nur in die Vergangenheit führt, sondern unser europäisches Modell gemeinsamer Werte gefährdet.


Am Beginn der Corona-Krise standen Grenzkontrollen und Grenzschließungen – das Gegenteil europäischer Solidarität. Waren die EU-Institutionen auf Notfälle nicht vorbereitet?
Am Anfang wurden Fehler gemacht, aber die wurden schnell korrigiert. Im Gesundheitsbereich hat die Europäische Union kaum Zuständigkeiten, daran wird nun gearbeitet. Im internationalen Vergleich steht die EU bei der Coronabewältigung jetzt ganz gut da. Aber wir sind noch nicht am Ziel.


Auch beim Umgang mit Flüchtlingen, Vertriebenen und Wirtschaftsmigranten agiert die EU offenbar planlos. Ist der Rückzug auf die „Festung Europa“ nun die einzige realistische gemeinsame Reaktion?
Die Flüchtlings- und Migrationssituation ist außerordentlich besorgniserregend. Wir brauchen eine europäische Lösung, die zwischen Asylsuchenden, Geflüchteten und Wirtschaftsmigranten unterscheidet. Wir können nicht jeden Wirtschaftsmigranten in die EU aufnehmen, aber Asylsuchenden und Geflüchteten muss – gegebenenfalls vorübergehend - Schutz gewährt werden.


Den Klimawandel will die EU-Kommission mit einem grünen Kraftakt bremsen – angeführt durch Ihre niedersächsische Parteikollegin Ursula von der Leyen. Dafür ist viel Geld nötig. Wird die Finanzfrage die EU zusammenschweißen oder trennen?

Der europäische Aufbaufonds zur Bewältigung der Coronakrise ist ein großer Erfolg für die Europäische Union. Beim Kampf gegen den Klimawandel ist die EU weltweit führend. Aber wir können diesen Kampf nicht allein gewinnen. Wir brauchen weltweite Lösungen. Vor allem müssen wir eine richtige Balance zwischen Klimaschutz und Bewahrung unseres europäischen Industriestandortes finden. Auch braucht die EU finanzielle Eigenmittel, z.B. durch die Besteuerung der Mediengiganten Google, Facebook etc. Krisen sind auch immer eine Chance. Es kommt jetzt auf den politischen Willen an.


Wie stellen Sie sich Europa und die Europäische Union in 15 Jahren vor – und was muss dafür getan werden?
In 15 Jahren sind wir im Jahr 2036. Ich wünsche mir eine starke, handlungsfähige EU, die in der Lage ist, unsere Werte, deren Kern die Würde jedes Menschen ist, zu verteidigen. Dafür brauchen wir auch eine gemeinsame europäische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Die EU muss selbstbewusster und souveräner werden.


Hinweis: Die Europa Union lädt ein zu einer Lesung des früheren Präsidenten des Europäischen Parlamentes H.G. Pöttering am Samstag, 16. Oktober, um 11 Uhr im Hotel Stadt Hameln.

Pöttering wird ausgewählte Texte seiner Biographie vortragen, in denen über Meilensteine der jüngeren europäischen Geschichte, an denen er beteiligt war, berichtet wird. Pöttering hat viele Schritte von den EWG über die EG bis zur EU erlebt und aktiv mitgestaltet. Er kann europäische Themen begeisternd vortragen. Eintritt frei.



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