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Facebook-Seite „Polizei Hameln – Inoffiziell“ warnt vor Blitzern – zum Missfallen der Behörden

Polizei und Autofahrer spielen Katz und Maus

Hameln (tk). Jede Generation hat ihre eigenen Kommunikationswege. Und die wurden immer schon genutzt, um kleinere oder größere Schummeleien im Alltag einfacher zu machen. Heute helfen dabei soziale Netzwerke – allen voran Facebook oder Twitter.

veröffentlicht am 21.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 22:41 Uhr

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In Hameln sorgt gerade eine Facebook-Seite für Diskussionen, in der sich Autofahrer gegenseitig vor Geschwindigkeitskontrollen warnen. Da neue Einträge umgehend in der Neuigkeitenliste der Gruppenmitglieder auf ihrem Smartphone oder Computer auftauchen, funktioniert „Polizei Hameln – Inoffiziell“ wie ein Frühwarnsystem in Echtzeit: „Blitzer HM-YH Rohrsen alte Heerstraße FR Düth! Danke Stefan!“ „Laser B 217 FR Hameln etwa Höhe BHW. Ggf Umzüge und FR-Wechsel berücksichtigen. Danke Hussein!“

Seit etwa zwei Monaten gibt es die Gruppe im Internet. Über 3400 Nutzer haben seither den „Gefällt mir“-Button gedrückt. Ein rasanter Erfolg. Die Seite scheint dem Bedürfnis vieler Autofahrer zu entsprechen: „Es ist wie ein Freundschaftsspiel, Team Rot – das sind wir – gegen Team Blau – die Behörden“, sagt Hans W. (Name von der Redaktion geändert), Initiator und Betreiber der Facebook-Seite „Polizei Hameln – Inoffiziell“. „Für viele Mitglieder geht es darum, den Spieß der Überwachung umzudrehen und der Klügere zu sein.“ Jeder sei doch schon mal geblitzt worden und viele vermuten hinterher Abzocke.“ Wut über unverhältnismäßige Kontrollen, das sei auch seine ursprüngliche Intention für die Einrichtung der Seite gewesen.

Dass das Netzwerk ein erfolgreicher Selbstläufer ist und das Phänomen Schwarm-Intelligenz im Internet funktioniert, damit kokettieren die Betreiber ganz offen: In einer Nachricht vom Samstag, 14. Juli, schreibt „Polizei Hameln – Inoffiziell“: „Liebe Polizei, liebes Ordnungsamt. Das war ja eine unterhaltsame Treibjagd. Nochmals fürs Protokoll: Ihr seid vorhin zehnmal umgezogen: Zehn Mal. Ob YH-627 gerade einparkt oder NZ-585 seine Nullmessung macht – wir haben es gepostet, bevor ihr überhaupt anfangt. Ihr habt 1 Blitzerauto, 1 Blitzertonne, 1 Laserpistole. Ihr seid zu dritt. Wir sind 2700. Ihr wollt uns abhängen? Ernsthaft?“

Allein um das Gefühl der Genugtuung geht es Hans W. aber nicht und auch nicht darum, Rasern einen Freibrief auszustellen. Gerade das würde seiner Meinung nach oftmals verwechselt. Zum Inhalt der Seite schreibt er deshalb: „Dies ist keine offizielle Seite der Polizei Hameln. Dies ist eine private Initiative für mehr Verkehrssicherheit. Durch die Schaffung von Transparenz über aktuelle Überwachungen wollen wir zur Überdenkung des eigenen Fahrprofils anregen.“

Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick, meint Hans W.. 97 Meldungen sind allein in den vergangenen 14 Tagen von Mitgliedern auf der Seite gepostet worden. Unter der Rubrik Notizen findet sich eine komplette Übersicht aller Meldungen. Es sind gut 200 Stück seit dem Start am 18. Mai. In jüngster Zeit, seit die Seite sich einen Namen gemacht hat, laufen im Schnitt fünf Blitzermeldungen pro Tag ein. „Wer unsere Meldungen verfolgt, weiß, wie gigantisch hoch die Kontrolldichte in Hameln ist. Durch das ständige Risiko, in eine Kontrolle zu geraten – und das halten wir unseren Lesern täglich vor – entwickelt sich mit der Sensibilität für Überwachung auch eine Sensibilität für die eigene gefahrene Geschwindigkeit“, erklärt Hans W. Und wie zur Untermauerung setzt er nach: „Ich selbst bin Vielfahrer. Seit ich die Seite habe, ist mein Spritverbrauch in der Stadt von 13 auf 11 Liter gefallen“ – kein Einzelfall, von dem er gehört haben will.

Ob pädagogische Verkehrsmaßnahme oder Rache-Instrument. In Deutschland – dem Land, in dem lautstark das Verbot von Facebook-Partys diskutiert wird – hält sich die Aufregung von offizieller Seite in Grenzen. Juristisch lässt sich gegen das Warnen vor Geschwindigkeitskontrollen wenig machen. Radiosender machen es, Apps fürs Smartphone tun es.

Der Landkreis und die Hamelner Polizei geben sich betont gelassen. „Wir beobachten die Seite und sehen sie neutral“, sagt Oberkommissar Jörn Schedlitzki. Erst wenn Kollegen beleidigt oder die eingestellten Fotos die Persönlichkeitsrechte der Beamten verletzen, würde man aktiv werden. Derzeit prüft die Polizei das Markenrecht. „Wir möchten eine Verwechslung ausschließen“, sagt Schedlitzki. „Würde die Seite Flitzer Blitzer heißen, hätten wir kein Problem. Da aber das Wort Polizei im Namen geführt wird, könnte man denken, die Meldungen stammen aus unserer Tastatur.“

An ein aufklärerisches Gutmenschentum der Seitenbetreiber will der Pressesprecher nicht recht glauben. Schedlitzki vermutet eher einen Rachefeldzug, für den die Facebook-Nutzer als „Meldekarnickel“ eingespannt werden. Hans W. teilt diese Auslegung nicht. Aber um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, „Mit der Absicht, die Welt zu verbessern, kommen die Leute sicher nicht“. Hans W. glaubt dennoch an eine klassische „Win-win-Situation“: „Team Rot hat seine Genugtuung und fährt vorsichtiger. Team Blau kann zwar weniger Fahrer blitzen, muss aber auch feststellen, dass der Verkehr ruhiger wird.“

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