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Abschaffung von Schulgeld gefordert

Physiotherapeuten gesucht: Zu wenig Geld, kaum Nachwuchs

HAMELN. Physiotherapeuten im Weserbergland beklagen einen zunehmenden Fachkräftemangel, eine flächendeckende Versorgung der Bürger könne nicht mehr garantiert werden, heißt es. Das Problem verschärft sich durch die Schließung der berufsbildenden Schule für Physiotherapie in Bad Pyrmont, die seit 2017 keine Schüler mehr aufnimmt und im kommenden September endgültig geschlossen wird. In Hameln informierten Therapeuten Politiker über ihre prekäre berufliche Situation.

veröffentlicht am 19.11.2018 um 17:25 Uhr
aktualisiert am 19.11.2018 um 21:10 Uhr

Physiotherapeut Philipp Schlösser bei einer Unterweisung am „Gravity Trainings System“ (GTS). Foto: wal
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Auch Tammo Horn, einer der Geschäftsführer des Elithera Reha- und Gesundheitszentrums in Hameln, sucht Physiotherapeuten. Von 20 Stellen seien derzeit vier nicht besetzt. In anderen Praxen sehe es nicht anders aus. Eine wolle demnächst sogar schließen, erklärt er dem Bundestagsabgeordneten Johannes Schraps (SPD), der an diesem Tag zu Besuch im Rehamed ist. Horn spricht auch als Vorsitzender eines neu gegründeten Ausschusses selbstständiger Physiotherapeuten in der Region. Anlass für die Gründung des Zusammenschlusses war die Schließung der Pyrmonter Schule. Sie verschärfe das Probem in der Region, sagt Horn.

Die Unzufriedenheit in der Berufsgruppe, die mit ihrem Gehalt unter dem der Krankenpfleger liegt, ist groß. Jeder vierte Therapeut sei aus seinem Beruf ausgestiegen, fast die Hälfte denke darüber nach, sagt Sabine Hammer, Leiterin des Masterstudiengangs Therapiewissenschaften der Hochschule Fresenius in Idstein, im Ärzteblatt.

Der Spitzenverband der Heilmittelverbände spricht von annähernd 6000 offenen Stellen im Gegensatz zu 2000 im Jahr 2010. Wie in anderen pflegenden oder sozialen Berufen sind 80 Prozent der sogenannten Heilmittelerbringer Frauen.

Das Einstiegsgehalt der Berufsgruppe liege bei 2200 Euro brutto, erklärt Horn. Wer sich fortbildet, kann bis zu 2700 Euro verdienen. Vor dem Berufseinstieg liegt eine teure Ausbildungszeit. 15 000 Euro muss ein Berufsanfänger berappen, um später als Physiotherapeut arbeiten zu dürfen. In Berlin forderten die Beschäftigten beim Hauptstadtkongress deshalb unlängst eine Abschaffung des Schulgeldes. Den Plan verfolgt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), im Koalitionsvertrag ist das Ziel festgeschrieben.

Horn begrüßt das grundsätzlich, doch er wünscht sich mehr Tempo, „das Eckpunktepapier greift zu spät“, sagt er. Bis es in Kraft trete, hätten schon einige Praxen dichtgemacht. Er verweist auf andere Bundesländer, wie Bayern und Nordrhein-Westfalen, die die Sache selbst in die Hand genommen hätten. Im niedersächsischen Landtag habe man auf Nachfrage lediglich auf die Zuständigkeit des Bundes verwiesen. Entsprechend hofft Horn jetzt auf die Unterstützung von Johannes Schraps.

Wie drängend das Problem ist, lasse sich an den Wartezeiten für einen Termin ablesen. Bis zu drei Wochen kann es dauern, bis Patienten dran sind. Tammo Horn kennt einen Fall in Schleswig-Holstein, bei dem um einen Termin für eine Lymphdrainage gelost wurde. Dass das Rezept vom Arzt in den ersten zwei Wochen eingelöst werden muss, mache die Sache noch komplizierter: Bekommt der Patient keinen Termin, muss er sich beim Arzt erneut ein Rezept holen.

Um mehr Nachwuchs für den Job zu begeistern, gibt es neben der Abschaffung des Schulgeldes weitere Forderungen. Dazu gehören der Direktzugang zum Therapeuten (ohne Rezept erhalten Patienten derzeit keine Heilmitteltherapie) und die Akademisierung des Berufes. Zum Vergleich: Ein Arzt, der nach dem Studium rund 100 000 Euro verdient, hat dieses umsonst. Die Heilmittelerbringer verdienen rund 30 000 Euro im Jahr und müssen die Ausbildung selber bezahlen.

Natürlich ist auch eine Steigerung des Gehalts wichtig, sagt Tammo Horn. Doch das, was ein selbstständiger Physiotherapeut seinen Angestellten zahlen kann, ist fest an die Krankenkassensätze gebunden. Einen kleinen Erfolg gibt es zwar – die Sätze sind seit 2017 um 10 Prozent gestiegen – doch das reiche nicht. Das frustriert. Auch Tammo Horn hat außerdem ein Studium im Bereich Gesundheitsmanagement/Ökonomie absolviertt. Denn die Heilmittelerbringer gehören nicht nur zu den am schlechtesten vergüteten Berufen in Deutschland, die Aufstiegschancen sind ebenfalls nur gering.



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