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Tonnenschwere Zwischendecke fällt in ein Eiscafé / Staatsanwaltschaft beantragt Freispruch

Pfusch am Bau – Hamelner Architekt verurteilt

Hameln. Erstaunte Gesichter bei der Urteilsverkündung im Amtsgericht Hameln – nachdem Referendarin Martina Nisse von der Staatsanwaltschaft Hannover einen Freispruch für den wegen Baugefährdung angeklagten Architekten (56) gefordert hatte, erwartete wohl kaum jemand einen Schuldspruch. Aber es kam anders: Strafrichter Ulrich Schöpe verurteilte den Hamelner, der die abgehängte Feuerschutzdecke im Eiscafé „Sunset“ an der Bäckerstraße inspiziert hatte, zu einer Geldstrafe (40 Tagessätze) in Höhe von 2400 Euro. Außerdem muss er die Kosten des Verfahrens tragen. Der Architekt, der wenige Minuten zuvor erklärt hatte, er sei sich keiner Schuld bewusst, rang nach Luft. Und sein Verteidiger Roman von Alvensleben kündigte umgehend an, er werde Rechtsmittel einlegen.

veröffentlicht am 21.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 01:41 Uhr

24. Juli 2007: Die schwere Feuerschutzdecke hat Tische und Stühl

Autor:

Ulrich Behmann
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20 Menschen in großer Gefahr

Am 24. Juli 2007 um 17.10 Uhr nahm die Beinahe-Katastrophe ihren Lauf. In der Eisdiele knackte es plötzlich im Gebälk. Sorgenvoll blickten die Gäste nach oben. Dann sackte die tonnenschwere Rigipsdecke wie in Zeitlupe ab. 20 Frauen und Männer brachten sich gerade noch rechtzeitig durch den Hinterausgang in Sicherheit.

Etwa ein Jahr zuvor war die Zwischendecke von Arbeitern einer Firma angebracht worden. Eine sogenannte Errichterbescheinigung, die für die Bauabnahme durch die Stadt Hameln notwendig ist, blieb das Unternehmen dem Bauherrn offenbar schuldig. Deshalb wandte sich der Betreiber der Eisdiele an den Architekten, der gerade im Haus war, um die Abflussleitungen zu untersuchen. Der 56-Jährige erklärte sich bereit, bei der Abnahme der Zwischendecke behilflich zu sein. „Es war Sommer, und der Besitzer wollte so schnell wie möglich sein Lokal eröffnen“, erinnert sich der Architekt.

Das Problem: Die Rigipsdecke war schon größtenteils montiert worden. Nur etwa ein Viertel der 110 Quadratmeter großen Fläche sei innen einsehbar gewesen, gab der Angeklagte zu. Und auch nur diesen kleinen Bereich hatte sich der Architekt seinerzeit angeschaut, für in Ordnung befunden – und darauf vertraut, dass der Rest fachmännisch befestigt wurde.

Das war aber nicht der Fall, wie sich später zeigte. Im Gerichtssaal sagte ein Sachverständiger, die Schrauben seien größtenteils gar nicht in die Holzbalken eingedreht worden. Das habe dazu geführt, dass die Decke heruntergekommen sei. Die Anzahl der Aufhänger sei zwar „grenzwertig“ gewesen. Dies, so der Experte, habe letztlich aber nicht zum Einsturz geführt.

In seinem schriftlichen Gutachten hatte der Sachverständige erklärt, die Schrauben hätten lediglich elf Millimeter tief in den Balken gesteckt. Der angeklagte Architekt warf dem Gutachter vor, er habe sich bei der Eindringtiefe verrechnet. Der öffentlich Kritisierte mochte das nicht glauben, er dachte nach, machte sich schließlich eine Skizze und räumte ein: „Da ist mir ein Fehler unterlaufen.“ Der Sachverständige stellte jedoch klar: Dieser Irrtum habe keinen Einfluss auf das Ergebnis des Gutachtens, denn die Ursache allen Übels sei gewesen, dass die meisten Schrauben gar nicht in den Holzbalken steckten.

Die Verschraubung war mangelhaft

Sei es wie es wolle, fest steht: Die Verschraubung war mangelhaft. Doch: Hätte der Architekt den Pfusch am Bau erkennen müssen? Und: Wie konnte er eine Bestätigung für die gesamte Feuerschutzdecke ausstellen, wenn er sich doch nur einen kleinen Teil davon anschauen konnte?

Martina Nisse (Staatsanwaltschaft) stellte in ihrem Plädoyer überraschend fest, eine fahrlässige Begehung der Baugefährdung sei dem Angeklagten nicht nachzuweisen. Richter Ulrich Schöpe sieht das anders: Der Architekt habe gegen die Sorgfaltspflicht verstoßen und deshalb fahrlässig gehandelt, stellte er in seiner Urteilsbegründung fest.



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