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Wie es sich mit der Angst vor den Achtbeinern lebt – und woher der Ekel kommt

Pfui Spinne?

Hameln. Viele Menschen empfinden beim Anblick von Schlangen und Spinnen Ekel und Angst. Dabei sind die meisten dieser Tiere völlig harmlos. Aber woher kommt die Angst? Eine Betroffene erzählt von ihren Erfahrungen.

veröffentlicht am 25.04.2016 um 15:13 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 11:41 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann und Timo Lindemann
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So nah wie auf dieser Zeitungsseite war Kerstin Gerberding einer Spinne wohl noch nie. Denn Spinnen lösen bei ihr starken Ekel aus. Seit sie denken kann, kämpft sie mit Spinnenangst. „Wenn sie stecknadelgroß sind, geht es“, sagt die 38-Jährige, „dann schaue ich sie mir auch mal auf der Hand an.“ Doch etwa schon bei centgroßen Spinnen schlägt das Gefühl um. „Mein Herz bleibt kurz stehen, Sturzbäche laufen den Rücken hinunter“, beschreibt sie die körperlichen Reaktionen auf das kleine Tier. Je nach Tagesform müsse sie auch zittern oder sei zeitweise nicht ansprechbar. „Am schlimmsten sind die großen mit den dickeren Beinen“, sagt Gerberding, die schon beim reinen Erzählen darüber immer wieder reflexartig den Kopf einzieht.

Mit ihrer Angst ist sie nicht allein – viele Menschen empfinden Abscheu gegenüber Spinnen, die Palette reicht von leichter Skepsis bis zu einer richtigen Phobie, die einer Therapie bedarf. Doch was ist es genau, wovor sich Menschen wie Gerberding ekeln? „Die Angst vor dem Biss ist es nicht“, überlegt sie, „auch das Krabbeln kann es nicht sein – Käfer mag ich ja.“ Es ist eine irrationale Angst, das ist auch Gerberding klar, und eigentlich nicht richtig greifbar. Und dennoch hat diese Angst sie selber – wenn die Spinne an der Wand sitzt – fest im Griff. Richtig schlimm sei es, wenn eine Spinne ihr zu nahe komme wie zum Beispiel, als sich eine Spinne im Treppenhaus über ihr abgeseilt hatte. „Dann kann ich richtig hysterisch werden.“

Zum Glück, sagt Gerberding, habe sie keinen Job, der Außenarbeit erfordere. Ein entspannter Zelturlaub, eine Halloween-Party mit vielen Plastikspinnen? Lieber nicht. Bei Filmen mit Spinnen-Szenen schließt sie einfach die Augen.

Empfindet bei Spinnen Angst: Kerstin Gerberding. Foto: ant

Doch warum ist die Angst bei ihr so ausgeprägt? Gerberding vermutet, dass sie die Abneigung von ihrer Mutter abgeschaut habe, auch wenn die selber das strikt verneine. Dennoch: Laut Gerberding habe ihre Mutter sich, wenn sie eine große Spinne in der Wohnung fand, auch schon einmal mit einem großen Waschmitteleimer daraufgesetzt und gewartet, bis ihr Mann nach Hause kam. Der wiederum habe die Spinnen ganz liebevoll herausgetragen. „Die Beine der Spinne hingen immer zwischen seinen Fingern heraus.“ Doch das Rollenmodell „Frau hat Angst, Mann entsorgt Spinne“ lebt auch bei Gerberding weiter. Denn die Spinne zum Beispiel selber mit einem Glas aus der Wohnung zu tragen, sei für sie „undenkbar“. Also rufe sie meist ihren Mann – den „Auftragskiller“, wie sie spöttisch sagt –, der die Spinne dann entsorge. Wobei sie auch das nicht kalt lässt. „Ich liebe Tiere, das ist dann für mich auch schlimm, wenn sie tot ist.“ Doch die Angst nehme dann einfach überhand.

Ekel als Schutz – Relikt aus alten Zeiten

Wäre eine Therapie eine Alternative? Eine systematische Desensibilisierung, wie sie Therapeuten bei Arachnophobikern, wie man Menschen mit Spinnenangst nennt, anwenden? Für Gerberding nicht – dafür seien die Einschränkungen im Alltag noch nicht groß genug, so empfindet sie es. „Ich versuche, mich selbst zu therapieren.“ Mit Galgenhumor. Dabei hat sie aber am liebsten das Zepter selbst in der Hand. „Meine Facebook-Freunde wollten mich mal therapieren“, erzählt sie – da sei sie dann mit Videos und Bildern überschüttet worden. „Das war nicht lustig. Meine Freunde haben das jetzt auch verstanden.“

Frauen leiden doppelt so oft an Angsterkrankungen wie Männer – Spinnenangst ist eine der häufigeren. Doch auch Männer können davon betroffen sein. Ein Mann zum Beispiel, der anonym bleiben möchte, kann zum Beispiel keine Zeitungsseite aufschlagen, auf der eine Spinne abgebildet ist. Darüber sprechen? Nein, dafür ist die Scham zu groß.

Phobien sind laut Wissenschaftlern der Uniklinik Münster häufig genetisch bedingt und würden schon im Kindesalter beginnen. Auch Gerberding kann sich an ein prägendes Erlebnis erinnern: In der Toilette ihrer Großeltern habe einmal eine Spinne gesessen – für die damals Vierjährige angsteinflößend.

Warum Menschen überhaupt bei Spinnen Angst und Ekel empfinden, sei nicht ganz geklärt, sagt Spinnenexperte Peter Jäger vom Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt. Die Angst vor Spinnen könne daher kommen, dass schon der frühe Mensch lernte, sich vor Gefahren in Acht zu nehmen, sagt Prof. Kristin Mitte vom Fachgebiet Psychologische Diagnostik der Universität Kassel. „Dazu zählen Raubtiere, aber auch Spinnen, die möglicherweise giftig waren.“ Andere Theorien legen stattdessen einen stärkeren Fokus auf Ekel, der im Mittelalter entstand. „Viele Menschen glaubten, dass Spinnen Krankheiten übertragen können. Ekel diente somit als Schutzmechanismus.“ Gründe für die Angst könnten sein, dass die Tiere sich schnell bewegen und vermeintlich auf Menschen zulaufen, betont Jäger. „Das ist meiner Meinung nach aber eher sekundär.“ Er geht davon aus, dass es vor allem die Verhaltensweise ist, die Kinder von Eltern übernehmen. „Wenn eine Mutter bei einer Spinne schreit, prägen Kinder sich das ein Leben lang so ein“, sagt Jäger. Dazu kämen überlieferte Geschichten oder Filme.

Info: Wie gefährlich sind Spinnen wirklich

Von 35 000 Spinnenarten gibt es rund 1300 in Europa. Die Spinnen der mitteleuropäischen, gemäßigten Zonen produzieren ein Gift, das für den Menschen nicht sehr gefährlich ist. Außerdem sind ihre Giftklauen zu kurz, um die Haut des Menschen stärker zu durchdringen. So ist der Biss einer Kreuzspinne etwa so schmerzhaft wie ein Mückenstich. In Mitteleuropa gehört zu den Giftspinnen die hier heimische Wasserspinne. Die giftigste europäische Spinne ist die Schwarze Witwe, deren Gefährlichkeit allerdings stark übertrieben wird. Eine Viertelstunde nach dem kaum sichtbaren Biss treten die ersten Symptome auf und nehmen in den folgenden Stunden weiter zu. Dazu gehören starke Schmerzen, Tränen- und Speichelfluss nimmt stark zu und man ist von Übelkeit geplagt. Nach etwa 24 Stunden sollte alles überstanden sein. Bei schweren Fällen kann ein Gegenmittel, ein sogenanntes Antiserum, gegeben werden. Danach kommt in der Rangfolge der Giftigkeit die Dornfingerspinne, die im Rhein-Main-Gebiet und am Kaiserstuhl zu finden ist. Ihr Biss kann stark schmerzen, ist aber nur sehr selten tödlich. Wirklich gefährlich werden die Bisse der europäischen Spinnen vor allem für Allergiker, bei denen der Biss einen allergischen Schock auslösen kann. Allerdings beißen Spinnen nur, wenn sie sich bedroht fühlen.



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