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Auto-Stopp vor Treppenabgang zur Rattenfänger-Halle / Blindenverband hält nichts davon

Pfosten für Ver(w)irrte

HAMELN. Vier Mal in den vergangenen 13 Jahren folgten Ortsfremde am Kopmanshof dem großen Hinweisschild „Rattenfängerhalle“ und nahmen den Treppenabgang mit ihrem Wagen. Damit ist jetzt Schluss. Die Stadtverwaltung hat dem Falschfahren nach Begehung, Betrachtung und Beratung einen Pfosten vorgeschoben.

veröffentlicht am 28.12.2017 um 07:59 Uhr

Nun also doch: Ein Pfoster signalisiert an der Treppe zum Rattenfänger-Hallen-Tunnel: Die ist keine Einfahrt. Foto: Dana/Wal/archiv
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Wer den Schaden hatte, brauchte für den Spott – wie üblich – nicht zu sorgen. Lustig war’s immer nur für die, denen es nicht passiert ist, die anderen mussten sehen, wie sie ihr Auto wieder von der Treppe wegbekommen: Vier Mal in den vergangenen 13 Jahren folgten Ortsfremde am Kopmanshof dem großen Hinweisschild „Rattenfängerhalle“ und nahmen den Treppenabgang mit ihrem Wagen. Damit ist jetzt Schluss. Die Stadtverwaltung hat dem Falschfahren nach Begehung, Betrachtung und Beratung einen Pfosten vorgeschoben.

Im August hatte es ein Gespräch mit Sachverständigen über die Problemzone gegeben, im Oktober folgte ein Termin vor Ort, jetzt wurden Fakten geschaffen. Bis dato war die Installation eines Pfostens, der die Abfahrt verhindern soll, vor dem Treppenabgang kritisch gesehen, weil er mit der Blindenleitlinie kollidieren würde. Doch offenbar wurde dem Schutz der ver(w)irrten Autofahrer Vorrang gegeben. „Es ist nicht zu 100 Prozent auszuschließen, dass die optische Wahrnehmung des Treppenabgangs bei ortsfremden Autofahrern dafür sorgen könnte, den Treppenabgang als Zufahrt zu einer Tiefgarage zu werten und dort einzufahren“, habe das Fazit der Stadt gelautet, wie sie auf Anfrage mitteilt. Zwar sei diese Maßnahme aus städtischer Sicht nicht zwingend erforderlich gewesen, doch man habe überlegt, wie mit geringem Aufwand eine Verbesserung im Sinne der Verkehrssicherheit geschaffen werden könne.

Der rot-weiße Pfosten ist die Antwort. „Blinde und stark Sehbehinderte, die mit Stock unterwegs sind, können entlang dieses Aufmerksamkeitsfeldes zur Seite schwenken, um das Treppengeländer zu erreichen. Der Absperrpfosten ist mittig in diesem Feld angebracht und bildet keine Hürde.“

Verfahren: Ein Peugeot landete 1994 auf den Treppenstufen, … Foto: Dana/Wal/archiv
  • Verfahren: Ein Peugeot landete 1994 auf den Treppenstufen, … Foto: Dana/Wal/archiv
… ein Mercedes im Juli 2017. Foto: Dana/Wal/archiv
  • … ein Mercedes im Juli 2017. Foto: Dana/Wal/archiv
Information

Was bisher geschah...

Im Juni 1994 bog ein 65-Jähriger aus Magdeburg falsch ab: Sein Peugeot blieb auf den Stufen hängen.

2004 waren es Touristen aus Waibstadt (Kreis Heidelberg), die versehentlich den Tunnel zur Rattenfänger-Halle mit der Tiefgaragen-Zufahrt verwechselten.

2011 brachte ein Niederländer sich und seinen Pkw an selber Stelle in dieselbe missliche Lage.

Im Juli 2014 hielt eine 31-jährige Ford-Fahrerin die Stufen für die Zufahrt zur Tiefgarage – und blieb ebenfalls hängen.

Zuletzt fuhr im Juli 2017 ein Mercedes-Cabrio mit den Vorderrädern die Stufen hinunter, bis der Wagen aufsetzte.

Für Rosel Kohlmeier stellt sich die Situation anders dar. „Sie glauben gar nicht, wie oft ich da schon gegen gelaufen bin“, sagt sie, angesprochen auf den neuen Pfosten. Kohlmeier ist Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverband, Bezirksgruppe Hameln und hat in der Vergangenheit schon häufiger Kontakt zur Stadtverwaltung gehabt, wenn es um die Bedürfnisse der Verbandsmitglieder und anderer Betroffener geht. In Abstimmung mit ihr entstand das Blindenleitsystem in der Fußgängerzone. Ärger gab es damals, als deutlich wurde, dass von der Osterstraße aus keine Blindenleitlinie in die Emmernstraße führt, sondern Blinde den längeren Weg ums Hochzeitshaus herum nehmen müssen. Jetzt der Pfosten.

Während er sich für denjenigen, der von oben kommt, vorher mit einem Blindenstock ertasten lässt, gibt es für die andere Richtung keinen Hinweis. Wer die Treppe hochgeht und die in die Innenstadt führende Noppenleitlinie sucht, kann nach Kohlmeiers Schilderung mit dem Pfahl kollidieren. Kohlmeier kann nicht nachvollziehen, sagt sie, warum die Stadtverwaltung dort in dieser Form tätig geworden ist und beschreibt’s mit Humor: „Wenn die Autofahrer so blind sind, dass die einen Treppenabgang nicht sehen… Ich stelle gerne Anmeldeformulare von unserem Verband zur Verfügung.“ Wurde sie denn in die Überlegungen mit einbezogen? Kohlmeiers Antwort fällt knapp aus: „Natürlich nicht.“

Mein Standpunkt
Birte Hansen
Von Birte Hansen-Höche

Im Oktober habe ich zum selben Thema geschrieben, dass ich noch darüber nachdenke, ob dort überhaupt ein Pfahl oder Poller auf Kosten der Stadt hinmuss, oder ob von den Autofahrern nicht einfach mehr Umsicht erwartet werden kann. Jetzt bin ich ziemlich irritiert. Da war doch bereits das Argument mit der Blindenleitlinie genannt worden, und es gab ein Bewusstsein dafür, dass es dort zu Problemen führen könnte – und dann sprechen die Entscheider nicht mal vorher mit den Betroffenen? Das kann ich nicht verstehen.

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