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Kinderauszug und „Rotes Sofa“ – doch die Besuchermassen bleiben aus

Pfeifen Hamelner auf den Pfeifertag?

HAMELN. 733 Jahre ist die Rattenfängersage alt, damals verschwanden erst Ratten, dann Kinder. Die Stadt Hameln hat den Geburtstag mittlerweile zum „Pfeifertag“ ernannt. Weil sie damit im Rennen um den Titel „Immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ punkten will. Letztlich besteht der Pfeifertag vor allem aus der Ferienwanderung, die es schon seit Jahrzehnten gibt, und einem nur wenig beachteten „Roten Sofa“. Ist das Ganze also ein Etikettenschwindel?

veröffentlicht am 26.06.2017 um 19:22 Uhr
aktualisiert am 26.06.2017 um 20:48 Uhr

„Rattenfänger“ Michael Boyer pfeift ab 9 Uhr zur alljährlichen Wanderung über den Klüt, rund einhundert Kinder folgen ihm. Foto: km
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Katharina Mork Reporterin
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Genau am 26. Juni geschah es – der Rattenfänger entführte die Kinder aus Hameln. Zugegeben, gestern sind es 100 Mädchen und Jungen, die im Sinne der Ferienpass-Aktion freiwillig dem Rattenfänger über den Klüt folgen. Um 9 Uhr startet der bunte Zug, in Zweierreihen folgen die Kleinen mit Rucksäcken und in Turnschuhen dem flötenden Michael Boyer. Sie werden noch am selben Tag von ihrer Wanderung zurückkehren.

Vor 733 Jahren jedoch – und das ist der einzige Punkt der Rattenfängersage, in dem sich die Überlieferungen einig sind – verschwand eine ganze Schar junger Menschen aus Hameln. Auf Nimmerwiedersehen. Spurlos.

Ob sie nun vom Pied Piper willenlos geflötet und entführt wurden oder schlicht in eine andere Stadt immigrierten – darüber wird bis heute diskutiert und gestritten. Aufgrund der breiten Interpretationsfreiheit, die die Sage des Rattenfängers gewährt, als auch der gelebten Kultur halber, die Hameln rund um den auffällig gekleideten Mann mit der Flöte zelebriert, streben verschiedene Organisatoren für Hameln den internationalen Titel des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit an.

Sascha Sommer auf dem Sofa mit dem Rattenfänger – auch hier: nur wenige Zuschauer. Foto: Dana
  • Sascha Sommer auf dem Sofa mit dem Rattenfänger – auch hier: nur wenige Zuschauer. Foto: Dana

Den nationalen Titel hat sich die Stadt bereits gesichert, nun geht es an den internationalen Titel. Dabei helfen sollen unter anderem die jährlichen Pfeifertage und deren „Festprogramm zum Jahrestag“.

Um die Kommission zu überzeugen, wird neben den üblichen Figurenspielen, Stadtführungen und dem Freilichtspiel ein ganzes Wochenende mit kulturellen Veranstaltungen gefüllt, um an den Stellenwert der Rattenfängersage zu erinnern.

Doch selbst das „Rote Sofa“, gestern mitten in der Fußgängerzone vor dem Museum platziert, kann keine Besucherscharen anlocken. Das Möbelstück ist dabei schon der Höhepunkt der eigens initiierten Pfeifertage. Zum Programm gehören ein Filmabend, eine Kunstausstellung und ein Kindertheater sowie die ohnehin stattfindenden Angebote wie beispielsweise Stadtführungen und „Rats“ – das war’s. Da hätte sich mancher auch weitere und ausgefallenere Ideen gewünscht.

Ich würde es spannender finden, wenn man diesen Titel an einem Ort festmacht.

Stefan Daberkow, Museumsleiter

Auf dem „Roten Sofa“ ist Michael Boyer als Rattenfänger sichtlich bemüht, die Passanten zum Stehenbleiben zu animieren. Sieben verschiedene Gäste empfängt und interviewt er dort. Die farbenfrohe Sitzgelegenheit, auf der unter anderem „Promis“ wie Sascha Sommer vom Radiosender NDR 2 Platz nehmen, wird am Ende der Show verlost. Immerhin: Es werden reichlich Lose verkauft, deren Erlös der Jugendarbeit des Museums zugutekommen soll – doch Menschentrauben, die sich vor dem „Roten Sofa“ bilden, sind auch am Nachmittag nicht in Sicht. Selfies mit dem Rattenfänger sind gefragt – dann ziehen die Besucher aber auch schon weiter.

Die Bewerbungen um den begehrten Titel Immaterielles Kulturerbe der Menschheit laufen bereits seit einiger Zeit. Kämpfer für die Kultur in Hameln werden nicht müde, weiter daran zu glauben, eben diesen Titel eines Tages für die Kleinstadt zu holen.

Einer davon ist Stefan Daberkow, Leiter des Museums in Hameln. „Bei der Vergabe des Titels scheint es viele politische Befindlichkeiten zu geben, so sind repräsentativ für Deutschland wohl erst die Genossenschaften und der Orgelbau für das immaterielle Kulturerbe angedacht. Ich würde es spannender finden, wenn man diesen Titel an einem Ort festmacht“, so Daberkow. Viel bedeutender als die Pfeifertage seien überdies Künstler am anderen Ende der Welt. „Sei es, dass in China jemand ein Bild malt oder in Argentinien irgendwer ein kleines Gedicht über den Rattenfänger schreibt – solche Dinge sind das eigentliche Kulturerbe Hamelns.“

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