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In der Notaufnahme werden seit Wochen mehr Menschen mit Atemwegsproblemen behandelt

Ozonwerte steigen – unsichtbar und giftig

HAMELN. Die Hitzewelle sorgt für einen sprunghaften Anstieg der Patientenzahl in der Notaufnahme des Sana-Klinikums – neben Hitzschlag und Kreislaufproblemen lautet dieser Tage eine häufig gestellte Diagnose: Atemwegsbeschwerden. Ein Grund für die Häufung könnte das farblose und giftige Gas Ozon sein, das bei viel Sonne und Hitze entsteht.

veröffentlicht am 06.08.2018 um 18:01 Uhr
aktualisiert am 06.08.2018 um 19:50 Uhr

Hitze, Dürre, Ozon – Menschen werden krank, Bäume sterben ab. Foto: Dana
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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„Seit zwei, drei Wochen müssen sehr viele Menschen wegen dieser Problematik behandelt werden“, sagt der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme, Dr. Ben Schwerdtfeger. Hohe Temperaturen und sehr trockene Luft machten vor allem Personen zu schaffen, die an Vorerkrankungen wie Asthma oder chronische Bronchitis laborieren. Ein Grund für die Häufung könnte ein farbloses und giftiges Gas sein, das sich immer dann bildet, wenn die Sonne scheint und sogenannte Vorläuferstoffe (Stickoxide aus dem Verkehr und flüchtige organische Verbindungen aus Lösemitteln von Farben, Lacken, Klebstoffen oder Reinigungsmitteln) unter UV-Strahlung zu Ozon reagieren. Nach Angaben des Umweltbundesamtes können die gesundheitlichen Wirkungen des Gases in einer verminderten Lungenfunktion, entzündlichen Reaktionen in den Atemwegen und Atemwegsbeschwerden bestehen. Das passt zu den Beobachtungen, die Chefarzt Schwerdtfeger in den vergangenen Wochen gemacht hat. Ein Beweis, dass die Häufung mit dem Ozon zu tun hat, ist das natürlich nicht.

Fakt ist aber: Bei körperlicher Anstrengung, also bei erhöhtem Atemvolumen, können sich diese Auswirkungen durch Ozon verstärken. Empfindliche oder vorgeschädigte Personen sind besonders anfällig und sollten am Nachmittag bei hohen Ozonwerten körperliche Anstrengungen im Freien vermeiden. Ab einem Ozonwert von 180 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft (µg/m3 / 1h-Mittelwert) werden deshalb über die Medien Verhaltensempfehlungen an die Bevölkerung gegeben. Verwirrend für Laien sind die unterschiedlichen Werte. Für die Ozon-Konzentration gibt es eine Informationsschwelle von 180 µg/m3 (1-Stunden-Wert) und eine Alarmschwelle von 240 µg/m3 (1-Stunden-Wert). Und dann gibt es auch noch „zum Schutz der menschlichen Gesundheit“ einen sogenannten Zielwert: Der maximale 8-Stunden-Wert eines Tages darf an höchstens 25 Tagen pro Kalenderjahr, gemittelt über drei Jahre, den Wert von 120 µg/m3 überschreiten.

Die dauerhafte Ozon- und Hitzebelastung stellt vermutlich ein großes Problem dar. Bereits an 95 Tagen lag die Ozonbelastung über dem Zielwert. „Und es können noch 60 dazukommen“, sagt die Leiterin des Fachgebiets „Beurteilung der Luftqualität“ beim Umweltbundesamt, Ute Dauert. Das sei eine „ganz neue Qualität“. Die Diplom-Meteorologin beschäftigt sich seit 27 Jahren mit Ozon-Werten und den Folgen. Ein Blick in die Statistik der Wissenschaftlerin genügt, um festzustellen, dass es im gesamten Jahr 2017 „nur“ 76 Tage gab, an denen der Zielwert überschritten wurde. Ute Dauert geht davon aus, dass empfindliche Menschen bereits bei einer längeren Belastung mit 120 µg/m3 Ozon gesundheitliche Probleme bekommen. „Das Tückische ist: Ozon und Stickstoffdioxid sieht man nicht, man spürt es nicht sofort, aber die Langzeitfolgen stellen sich ein“, sagt Ute Dauert.

Die Weltgesundheitsorganisation hat der EU-Kommission deshalb empfohlen, eine Neubewertung der Werte vorzunehmen. Diskutiert würden 90 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft als 1-Stunden-Wert), sagt die Wissenschaftlerin.

Als sicher gilt beim Umweltbundesamt: Wird die Informationsschwelle 180 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft (1-Stunden-Wert) überschritten, reagieren einige Menschen mit Krankheitssymptomen. „Kinder sind besonders betroffen, denn die Kleinen toben gern herum und atmen dabei häufiger. Deshalb nehmen sie mehr Ozon auf.“

Es klingt paradox: Es bringt nichts, den Sport vom Stadtpark in den Wald zu verlegen, denn die Ozonwerte sind außerhalb der Innenstädte oft deutlich höher. Die höchsten Ozonwerte werden laut Umweltbundesamt regelmäßig am Stadtrand und in den angrenzenden ländlichen Gebieten gemessen. Denn die Vorläuferstoffe des Ozons werden durch Wind aus der Stadt transportiert, wo sie zu Ozon reagieren. In der Innenstadt wird Ozon durch die Reaktion von Stickstoffmonoxid aus Autoabgasen mit Ozon abgebaut. Deshalb ist die Ozonbelastung in Innenstädten, wo viele Autos fahren, deutlich niedriger.

Diplom-Meteorologin Dauert hat Erfreuliches zu berichten: „Die Luft ist sauberer geworden.“ Stickoxide gingen seit 1990 um 58 Prozent und flüchtige Kohlenwasserstoffe sogar um 69 Prozent zurück. Das erklärt, weshalb die extrem hohen Ozon-Werte (mehr als 300 µg/m3), die in der 1990er Jahren häufig registriert wurden, Geschichte sind.

Im Weserbergland wurden am 9. Juni 182 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft und am 4. Juli sogar 206 µg/m3 gemessen. Vor einer Woche hatte die Wissenschaftlerin bei Temperaturen um 35 Grad erwartet, dass die Ozon-Werte „durch die Decke gehen“. Passiert ist das nicht. Forscher stellt das vor ein Rätsel, denn: Ist es heißer als 30 Grad, geben Bäume flüchtige organische Verbindungen, sogenannte biogene Kohlenwasserstoffe, ab. Diese zählen zu den Ozonvorläuferstoffen. Ein Ozon-Anstieg war also programmiert, ist aber nicht eingetreten. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Bäume dermaßen dürre-geschädigt sind, dass sie die biogenen Stoffe nicht mehr produzieren können. „Aber das muss erst noch erforscht werden“, sagt Ute Dauert.



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