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Von Kopf bis Herz: Dewezet startet neue Serie rund um das große Gefühl, das unser Leben so sehr bestimmt

Ohne Liebe geht es nicht

und wohl noch öfter besungen worden – und doch gibt sie immer wieder Rätsel auf. Die Liebe ist wundervoll und kann grausam sein. Sie ist großes Gefühl, Glück und Trauer zugleich. Von Casanova, der als der größte Liebhaber aller Zeiten gilt, über Opernstar Andrea Bocelli, der nachts, wenn er nicht schlafen kann, Liebesgedichte schreibt, bis zur Schülerin, die verträumt Herzchen in ihr Vokabelheft malt – jeder ist gefangen von ihrer Magie.

veröffentlicht am 04.06.2013 um 15:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 21:41 Uhr

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Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite
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Ohne Liebe ist ein Leben für uns unvorstellbar – warum das so ist, darüber wollen wir ab heute in einer neuen Serie berichten. Vom Motor unseres Lebens, von der wahren Liebe über ihre Schattenseiten bis hin zur „Ware“ Liebe soll die Artikelreihe in diesem Monat handeln. Was passiert, wenn sich zwei Menschen zueinander hingezogen fühlen? Worauf achten wir bei der Partnerwahl? Und welche Veränderungen hat das Internet bewirkt?

Die einen suchen, die anderen finden: Die Liebe ist mehr als ein großes Gefühl, die Liebe ist der Sinn des Lebens selbst. Sie steht am Anfang. Rein evolutionsbiologisch betrachtet, dient sie unserer Fortpflanzung. Liebe hat zunächst wenig mit Romantik zu tun, sie ist Kopfsache: Erschreckend nüchtern klingt die Formulierung der Neurologen.

Auch, wenn es das Symbol schlechthin ist: Nicht das Herz, sondern das Hirn ist zuständig, wenn wir uns verlieben, die rosarote Brille aufhaben und alles andere um uns herum unwichtig erscheint.

Zu Beginn der Urgewalt Liebe steht „Die Liebe im Kopf“: Sie basiert auf biochemischen Prozessen und Hirnschaltkreisen. Der Neurobiologe Dr. Andreas Bartels, Wissenschaftler am Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) der Universität Tübingen, hat untersucht, wie Liebe entsteht. Und er geht auch der Frage nach, ob wir sie beeinflussen können. Liebe wird nach seiner Erkenntnis durch starke und überraschend einfache biologische Mechanismen gesteuert.

„Die Liebe ist also einfach, aber mit weitreichenden Konsequenzen“, sagt der Hirnforscher, auf dessen wissenschaftliche Erkenntnisse über die Liebe, ihre genetischen, hormonellen und neurobiologischen Aspekte, wir in unserer Serie noch näher eingehen werden.

Es mag widerstrebend sein, die Wahrnehmung von Liebe mit ihren vielen Dimensionen auf die Ausschüttung von Substanzen im Gehirn zu reduzieren. „Liebe ist viel komplizierter. Auf der rein chemischen Ebene im Gehirn sind zumindest viele weitere Botenstoffe involviert, die eine wichtige Rolle bei Belohnungsverhalten oder auch für das Auftreten von Depressionen spielen“, sagt Prof. Christian Winkler, Neurologe und Neurobiologe am Krankenhaus Lindenbrunn in Coppenbrügge.

Also alles eine Frage, ob die „Chemie stimmt“? Ein weiteres Organ leistet seinen Beitrag, ob wir jemanden gut riechen können oder nicht – die Nase. Der Duft spielt eine große Rolle im Unterbewusstsein. Unvorstellbar, Nähe zu jemandem zuzulassen, dessen Geruch wir abstoßend finden.

Bartels spricht im biologischen Kontext eher von „Bindung“ als von Liebe. Das Wichtigste aus biologischer und evolutiver Sicht ist nach Bartels, „dass wir sehr viel daransetzen, unserem Partner oder Kind nahe zu sein und uns um sie zu kümmern“. Dies mache uns glücklich und dies sei letztlich die Funktion der Liebe.

Mithilfe von Magnetresonanztomografien (MRT) konnte nachgewiesen werden, was im menschlichen Gehirn geschieht, wenn wir unseren Partner oder unser Kind sehen. Gemeinsam mit seinem Londoner Kollegen Semir Zeki führte Bartels Studien durch. Das Erstaunliche: „Es macht kaum einen Unterschied, ob es sich um romantische oder um mütterliche Liebe handelt.“ Und das gelte für alle Formen der Liebe.

Es stellt sich jedoch die Frage, welchen Wert der Nachweis von Veränderungen der Gehirnaktivität wirklich hat. „MRT-Studien sind künstliche Situationen, die jeweils nur einzelne Aspekte eines komplexen Sachverhaltes beleuchten können“, sagt Winkler. „Außerdem befinden sich in jeder im MRT aufleuchtenden Region Millionen von Nervenzellen, deren Verschaltungen derzeit noch niemand verstehen kann.“

Dass die Ursprünge der Mutterliebe gleichgestellt werden mit der Liebe zum Partner, mag auch subjektiv völlig anders und als falsch empfunden werden, sind doch die Gefühle einer Mutter zu ihrem Kind besonders intensiv. Hirnforscher Bartels vermutet, dass die romantische Liebe sich höchstwahrscheinlich aus mütterlicher Liebe entwickelt hat.

Und natürlich gibt es Unterschiede: Bei romantischer Liebe kommt zur Bindung die sexuelle Komponente hinzu.

Es sind also nicht nur Hormone. Wir sprechen nicht nur davon, dass uns jemand den Kopf verdreht, wir verlieren auch unser Herz. Wir sprechen nicht von Kopfschmerz, sondern von Herzschmerzen, wenn wir verlassen werden oder Gefühle nicht erwidert werden.Im Extremfall kann eine unglückliche Liebe gar mit dem Suizid enden. Auch Bar-tels schränkt ein: „Ob wir am Ende mit unserem Partner glücklich sind, hat auch nicht unbedingt mit der Erfüllung aller biologisch relevanten, genetisch optimalen oder evolutiv vorteilhaften Kriterien zu tun. Diese von der Evolution determinierten Kriterien helfen ja bloß dabei, unsere Gene möglichst weit voranzubringen. Unser persönliches Glück könnte ganz woanders sein.“

Wie sonst ist es zu erklären, dass sich Gegensätze genauso oft anziehen, wie sich „gleich und gleich“ gern gesellen? Viel mehr als nur die Hormone trägt dazu bei, wenn es darum geht, wie und ob wir einen Partner auswählen, darin sind sich die Forscher einig. Wie sonst könnten die Partnerbörsen funktionieren? Auch eine Frage, der wir im Rahmen unserer Serie nachgehen.

Letztlich ist die Liebe eines der Gefühle, das uns zum Menschen macht. Nicht bei allen Tierarten gibt es vergleichbare Formen. Auf die Frage, was die Liebe beim Menschen von der Bindung beim Tier unterscheidet, sagt Bartels: „Natürlich hängt dies von der Tierart ab. Aber wer höhere Säugetiere gut kennt, ist versucht zu sagen, dass der Unterschied im Kern wohl nicht sehr groß ist.“

Sicherlich kämen beim Menschen kognitive und emotionale Konsequenzen der Bindung hinzu: Der Mensch reflektiere über sein Verliebt-Sein und auch über das des Partners, er hinterfragt es, genießt die vergängliche Freude auf bewusste Art und Weise. Auch Persönlichkeitseigenschaften hätten Einfluss auf den Liebesstil: der Grad der Selbstsicherheit, Neugierde, Abenteuerlust, Ängstlichkeit. „Diese Eigenschaften können teilweise durch genetische Eigenschaften erklärt werden“, sagt der Neurobiologe. „Sie beeinflussen den Stil des partnerschaftlichen Lebens, aber sind wohl eher Faktoren, die die Bindung modulieren – der Kern der Liebe, der Kitt, der uns zusammenhält, ist wohl immer derselbe.“

Das war allerdings im Lauf der Geschichte nicht immer so. Das Verständnis von Liebe, die Definition des Begriffs ist im Wandel der Jahrhunderte sehr unterschiedlich gewesen – und immer ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft. Geprägt von Religion und Kultur ist der Umgang mit Gefühlen mal ausgeprägter, mal zurückhaltender. Nicht immer war eine Hochzeit eine Liebesheirat, und dem „schönsten Tag im Leben“ kam längst nicht diese Bedeutung zu wie heute. Früher wurden durchaus praktische Erwägungen bei der Frage, mit wem man sich lebenslang bindet, hinzugezogen („Liebe vergeht – Hektar besteht“), und auch heute noch gibt es erzwungene Ehen.

Zu Casanovas (1725-1798) Zeiten diente die Liebe und alles was dazugehört, häufig dem reinen Vergnügen. Erst vor rund 250 Jahren begann sich in Europa die Vorstellung zu verbreiten, dass partnerschaftliche Liebe das Leben mit Sinn erfüllt. Der Soziologe Hartmann Tyrell hält die Idee von der romantischen Liebe für einen „ungeheuren Kulturerfolg“. Heute unterliegt das, was wir mit Liebe meinen, längst nicht mehr den Zwängen früherer Zeiten. Einst undenkbar, ist die gleichgeschlechtliche Partnerschaft heute akzeptiert. Frau liebt Frau, Mann liebt Mann – wie der Alltag dieser Paare heute aussieht, wird hier Thema sein.

Aber was passiert, wenn die Liebe durch den Magen durch ist, wie Eckhardt von Hirschhausen fragt? Sind für die Schattenseiten der Liebe, für Eifersucht, Rosenkrieg und Hass die gleichen Hirnareale zuständig? Nach Expertenmeinung kann man hier nur spekulieren,

dass auch Eifersucht und Hass sehr starke Emotionen darstellen und dass somit ein vergleichbares „Processing“ im Gehirn denkbar ist. Wenn jedoch bereits für den Aspekt Eifersucht Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Probanden im MRT deutlich werden, dann zeigt dies die ungeheure Komplexität, an der sich jeder Erklärungsversuch messen muss. Manche Einsichten der noch jungen Forschung rund um die Liebe könnten sogar helfen, Krankheiten wie unter anderen Depressionen besser in den Griff zu bekommen – zu diesem Schluss kommt jedenfalls Neurobiologe Bartels.

Fünf Buchstaben, die Stoff liefern für die Klatschpresse und berühmte Liebes- und Lebensgeschichten. Ob Sylvie und Rafael van der Vaart, Romeo und Julia oder Rhett Butler und Scarlett O’Hara – in der Lyrik, Literatur, im Film, in der Musik. Ob Rock, Pop oder Schlager: Kaum ein Song, in dem es nicht um das Eine geht. Erzählt wird von der Liebe auf den zweiten Blick, wie bei Klaus Lage: „Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert“, genauso wie von der ersten großen Liebe, wie bei Bosse in seinem Lied über die schönste Zeit: „Und der erste Kuss war Erdbeerbowle mit Spucke.“

Unvergessen – bei manchen wird aus der Sandkastenliebe eine fürs Leben. Und manch einer

fragt sich, was wohl aus dem geworden ist, dem unsere allerersten verliebten Blicke und heimlichen Gedanken galten.

Da sind wir wieder im Kopf: Wir sind auf Bindung programmiert, unsere Bedürfnisse wurzeln in dem tiefen Wunsch nach Akzeptanz, Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen – und natürlich dem Erhalt der Art.

Kinder haben übrigens ihre ganz eigene Definition der Liebe, wie Sie, liebe Leserin, liebe Leser, in unserer Serie ausführlicher erfahren werden: „Wenn jemand verliebt ist, macht er oft hi, hi, hi…“, sagt eine Grundschülerin.



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