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Mehr Rücksicht des Menschen nötig

Ohne Insekten weder Äpfel noch Paprika

HAMELN-PYRMONT. „Weit mehr als die Hälfte aller Tierarten sind Insekten“, sagt Oliver Nacke vom Naturschutzbund in Hameln. „Ohne Insekten gäbe es weder Äpfel oder Paprika.“ Mit diesen Worten zum Start der Umwelttage Weserbergland setzt im Hamelner Hefehof eine lebhafte Diskussion an.

veröffentlicht am 06.09.2018 um 16:40 Uhr
aktualisiert am 06.09.2018 um 17:20 Uhr

Die Bienen liefern dem Menschen nicht nur Honig, sie sind in der Natur – neben vielen weiteren Insekten – wichtige Pflanzenbestäuber und sichern damit die Ernährung in vielen Bereichen. FOTO: DPA

Autor:

Karin Kellerer
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„Die Bestäubungsleistung der Insekten ist weltweit jedes Jahr mehrere Hundert Milliarden Euro wert“, betont Nacke. Insekten sind wichtige Pflanzenbestäuber. Durch das Sammeln von Nektar und Pollen sorgen sie für den Fortbestand der Pflanzenwelt und stellen den Großteil auch der menschlichen Ernährung sicher. Umso dramatischer ist der Insektenschwund, den jeder beobachten kann, wenn er längere Strecken mit dem Auto fährt und an der Windschutzscheibe kaum tote Insekten kleben. In den Städten und privaten Gärten, die mehr und mehr mit Steinen pflegeleicht angelegt werden, finden Insekten immer weniger Nahrung und Lebensraum, ganz abgesehen von den landwirtschaftlichen Flächen. Die privaten Freizeitgärten nehmen die gleiche Fläche ein wie die deutschen Naturschutzgebiete: 1,3 Millionen Hektar. „Wenn alle mitmachen, auch die Landwirtschaft, können wir den Insekten helfen und vielleicht ihr und auch unser Überleben sichern“, sagt Nacke.

Jan Dohren engagiert sich für „Hannover summt!“ und unterstreicht, dass der Insektenschutz vor der eigenen Haustür beginnt. Heimische Blumen seien die beste Nahrungsquelle für Insekten. Eine Königskerze zum Beispiel ernähre 80 Insektenarten. Wenigstens auf ein paar Quadratmetern sollte Wildkraut stehengelassen werden. Mit Sand gefüllte Kübel können Nützlingen wie Wildbienen helfen, einen geeigneten Lebensraum im Garten und auch auf Balkonen zu finden.

Die derzeitigen Gesetze müssten angepasst werden

Dohren befürchtet allerdings, dass die Menschen den Mut verlieren. „Ein kleiner Kolibri kann bei dem großen Waldbrand nichts ausrichten, denn der Schnabel ist zu klein“, so sein Vergleich, mit dem er ausdrückt, dass eine Katastrophe naht. Der Fachmann wünscht sich mutige Bürger und mutige Politiker mit mutigen Gesetzen. „Die derzeitigen Gesetze sind nicht in der Lage, das Insektensterben zu verhindern“, sagt er, „daher müssen die Gesetze geändert werden.“ Er wünsche sich, Politiker und Bürger würden lieber in einer intakten, grünen und summenden Umwelt statt in einem uneingeschränkten Wohlstand. Damit erntet Dohren aus dem Publikum viel Applaus.

Werner von der Ohe vom Institut für Bienenkunde in Celle fragt, woran es liege, dass erst Insekten, dann Pflanzen, dann Vögel sterben? „An uns Menschen, an uns allen“, stellt er fest. Ohe wünscht sich, dass die Bevölkerung nicht aufhört, über das Insektensterben nachzudenken. Es sei ein spannendes Thema nicht nur für die nächsten Jahre, sondern für die nächsten Jahrzehnte. Auf den Einsatz von Pestiziden sollten die Hobbygärtner verzichten. Die Bienenkundler arbeiten an einer App zur Kooperation mit Imkern und Bauern. Das begrüßt Karl-Friedrich Meyer als Landwirt aus Tündern und Präsident des Landvolkes Weserbergland.

Die Bevölkerung sollte nicht aufhören,über das Insektensterben nachzudenken.

Werner von der Ohe, Institut für Bienenkunde Celle

Andreas Löloff vom niedersächsischen Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft versichert: „Wir befinden uns nicht in einem gesetzfreien Raum.“ Die Landwirtschaftskammer prüfe sehr genau den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und ob mechanische oder biologische Alternativer eingesetzt werden könnten. Ziel der Bundesregierung sei, den Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen bis 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen. Derzeit sind es 7,5 Prozent. Löloff erwähnt, dass sich 13 000 Höfe an den Agrarumweltmaßnahmen beteiligen. 3500 davon lägen zum Beispiel freiwillig Blühstreifen an. Das allein reiche aber nicht, um Nachhaltigkeit beziehungsweise „Enkeltauglichkeit“ zu erreichen, so die Meinung bei den anschließenden Gesprächen zwischen Referenten und Zuhörern.

Dass europaweit drei bienenschädliche Neonikotinoide nicht mehr im Freiland eingesetzt werden dürfen, wird als durchaus sinnvoll angesehen. Das Verbot gilt für die Pflanzenschutzmittelwirkstoffe Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin aus der Gruppe der Neonikotinoide. Löloff wünscht sich, dass die Wertschöpfung für die landwirtschaftlichen Produkte zunimmt und bei den Bürgern keine Kapitulation eintritt. Oliver Nacke hofft, dass sich das Konsumverhalten der Bürger ändert.

Dass es nach dem von Karsten Holexa moderierten Podiumsgespräch keine Diskussionsrunde gibt, sondern die Experten Fragen der Gäste im direkten Austausch bei Snacks und Getränken beantworten, bedauert die Bundestagsabgeordnete Jutta Krellmann (Linke). Sie hätte gern im großen Kreis noch manches angesprochen. „Gesellschaftlicher Dialog ist mir wichtig“, erklärt Krellmann. „Überall entstehen Projekte, Probleme werden angesprochen, aber es gibt keine Lösungen. Wo sind denn die Blühwiesen? Ich habe noch keine gesehen.“ Die Bürger hätten mit Sicherheit gern mitdiskutiert, ist die Politikerin überzeugt, aber die Veranstalter – Klimaschutzagentur Weserbergland, Stadt Hameln sowie Radio Aktiv – hätten dies nicht ermöglichten. Trotz solchen Unmuts gibt es zum Ende doch interessante Gespräche mit den Experten, die ausführlich antworten.



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