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Wenige Unterkünfte für Behinderte / Stufen machen Probleme

Ohne Barrieren durch Hameln?

Hameln (ris). Im Jubiläumsjahr und ganz besonders zum Tag der Niedersachsen hofft Hameln auf einen Gästeansturm aus ganz Deutschland. Gerade Menschen mit Behinderung sind jedoch unterwegs auf bestimmte Standards angewiesen. Wie gastfreundlich präsentiert sich die Rattenfängerstadt in dieser Hinsicht? Eine Bestandsaufnahme.

veröffentlicht am 06.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 03:21 Uhr

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Wer einen längeren Hameln-Aufenthalt plant, sieht sich früh mit einem grundlegenden Problem konfrontiert: Die Zahl der behindertengerechten Unterkünfte ist begrenzt: Die Hamelner Jugendherberge beispielsweise bietet zwar eine behindertengerechte Dusche und Toilette, diese sind allerdings nur durch den Garten zu erreichen. In den Speiseraum gelangt man dann nur über einige Stufen.

Im aktuellen Gastgeberverzeichnis finden sich direkt in Hameln lediglich zwei Hotels, die das Symbol für „behindertengerecht“ führen: das Ringhotel Stadt Hameln und das Hotel Jugendstil. Ein drittes befindet sich – jedoch relativ weit von den touristischen Glanzlichtern der Stadt entfernt – in Klein Berkel (Gästehaus am Parkweg). Unter Pensionen/Gasthäusern/Ferienwohnungen steht gerade mal ein einziger Eintrag. Und auch dieses Angebot liegt etwa zehn Kilometer außerhalb Hamelns (Haus Borgmann Aerzen/Dehmkerbrock).

Ist ein Schlafplatz gefunden, gilt es, die Stadt zu erkunden. Sehbehinderten vermittelt der Relief-Stadtplan am Hochzeitshaus einen ersten Überblick über die Altstadt: „Außerdem bieten wir auch spezielle Gästeführungen für Betroffene an“, ergänzt Doris Müller von der Tourist Information. Zudem seien bereits neun Ampelanlagen behindertengerecht aufgerüstet worden. Für hörgeschädigte Menschen würden Stadtführungen in Gebärdensprache angeboten. „Menschen mit Gehbehinderungen können unser Touristik Center barrierefrei erreichen und finden hier ebenfalls behindertengerechte Toiletten vor“, führt Müller die Liste behindertengerechter Angebote fort. Barrierefrei seien auch das Foyer im Rathaus, die Rattenfänger-Halle, das Weserberglandzentrum, die Stadtbücherei in der Pfortmühle, das Kino, Theater, Jugendzentrum Regenbogen, die Sumpfblume und – zum Teil – das Hallenbad. „Es fahren Niederflurbusse in der Stadt, Bordsteine sind an Einmündungen abgesenkt, und auch die Fußgängerbrücke zum Werder ist für Menschen mit Gehbehinderungen geeignet.“, ergänzt Müller. Auch die Tiefgaragen der Stadtwerke seien barrierefrei und mit entsprechenden Toiletten ausgestattet. Weitere solche Toiletten finden sich in der Unterführung Grüner Reiter und am Bahnhof.

Stufen vor Geschäften und Restaurants

Wie aber schätzen Betroffene, die nicht nur auf Stippvisite sind, sondern in Hameln leben, die Behindertenfreundlichkeit ihrer Stadt ein? Jan Christoph Bode, 15 Jahre, leidet unter einer starken Sehschwäche. Er wünscht sich, dass in Hameln noch weitere Ampelanlagen mit dem Klopfgeräusch ausgestattet werden und dieses etwas lauter zu hören ist. „An stark befahrenen Straßen, wenn Busse oder Lkw vorbeifahren, ist es oft nur schwer zu hören und zu unterscheiden.“ Ein großes Problem für Jan sind auch die Busfahrpläne, alleine hat er keine Chance, sie zu lesen. Auch würde sich Jan über Ferienpass-Aktionen freuen, an denen er mit seiner Sehschwäche teilnehmen könnte. Ein weiteres Ärgerthema sind für Jan Fahrradfahrer, die „rücksichtslos durch die Fußgängerzone rasen.“ Schwierigkeiten bereiten ihm aber auch manche Innenstadt-Geschäfte, die nur über eine oder mehrere Stufen zu erreichen sind.

Der 16-jährige Oliver Depping sieht das ganz ähnlich. Oliver ist auf den Rollstuhl angewiesen. „Bin ich mit meinem Elektrorollstuhl unterwegs, habe ich keine Chance, in Geschäfte oder Restaurants mit Stufen zu gelangen.“ Auch gäbe es in Hameln zu wenige Gaststätten, die mit einer entsprechenden Toilette ausgestattet seien. „Genauso sieht es zum Beispiel in der Kurie aus, diese ist zwar über eine Rampe erreichbar, aber es fehlt die Toilette.“ Weiterhin wünscht sich Oliver, dass vermehrt darauf geachtet wird, dass die öffentlichen WCs auch abgeschlossen sind und nur von den Betroffenen mit dem entsprechenden Euro-Schlüssel benutzt werden können. Vollauf zufrieden ist Oliver hingegen mit dem Parkplatzangebot für Behinderte: Wenn meine Eltern mich in die Stadt fahren, haben wir keine Probleme, einen freien Platz zu finden.“

Barrierefreie Toiletten sind eine Seltenheit

Ein Lob gibt es auch für die Stadt-Galerie: Eine gute Beleuchtung, leicht zu befahrener Fußboden, breite Türen und Fahrstühle sowie barrierefreies Erreichen aller Geschäfte, Restaurants und Eisdielen machen den Aufenthalt für Jan und Oliver angenehm.

Gotthard Feist, erster Vorsitzender des Behindertenbeirates und selbst Rollstuhlfahrer, bestätigt viele der von Jan und Oliver angesprochenen Probleme. „Es gibt zwar einige Lokale in der Innenstadt, die ebenerdig zu erreichen sind, aber entsprechende Toiletten fehlen fast immer.“ Außerhalb fallen ihm spontan zumindest ein paar barrierefreie Ausflugsziele ein: Bismarckturm, Finkenborn, das Hofcafé in Flegessen und das Landmaschinenmuseum in Börry.

In Hameln drängt der Behindertenbeirat derzeit vor allem auf eine Sanierung der Fußgängerzone im Bereich des Pferdemarktes: Feist: „Wir nennen diesen Bereich ,Rollstuhlrüttelstelle‘. Es ist die Hölle.“ Ein weiterer Vorschlag des Beirats ist das Aufstellen so genannter Informationssäulen, von denen alle Betroffenen – egal, ob sehbehindert, gehörlos oder Rollifahrer – profitieren könnten.

Für Hameln-Touristen mit Behinderung jedenfalls gilt wohl auch im Jubiläumsjahr, was hierzulande laut Feist immer gilt: Wer in Deutschland verreisen will, müsse zuvor lange überlegen und planen. „In Amerika zum Beispiel ist das wesentlich einfacher und unkomplizierter.“

An Straßen ist das Klopfgeräusch der Ampeln manchmal kaum zu hören, berichtet Jan Christoph Bode.

Die behindertengerechte Dusche und Toilette ist in der Hamelner Jugendherberge nur über den Garten zu erreichen.

Foto: Dana



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