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20 Jahre Gewaltberatungsstelle – Heidemarie Glaser geht in den Ruhestand / „Es wird wieder mehr geschlagen“

Oberstes Ziel: die Kinder schützen

HAMELN. Heidemarie Glaser hat ihr Vermächtnis gemalt: Großflächiges Dunkelblau mit Schwarz, durch das dünne Buchstaben leuchten und die Botschaft ihre Nachfolgerinnen offenbaren. „Achte auf die positiven Seiten deiner Mitmenschen“ steht da. Und kleiner darunter eine laxe Zuspitzung des Satzes: „Niemand ist nur doof.“

veröffentlicht am 06.12.2017 um 13:07 Uhr
aktualisiert am 06.12.2017 um 13:40 Uhr

Diesen Rat und Hinweis gibt Heidemarie Glaser den Mitarbeiterinnen bei der Gewaltberatungsstelle mit auf den weiteren Weg. Foto: bha
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Einen Tag vor ihrem letzten als Angestellte hat Heidemarie Glaser (65) das Bild übergeben. Nach 20 Jahren, in denen sie für die Gewaltberatungsstelle beim Kinderschutzbund tätig war, blickt sie zurück und überlässt die Aufgaben drei jungen Frauen und gibt ihnen eben jenen Bild-Inhalt mit auf den Weg. Was witzig klingen mag, kann im Arbeitsalltag der Sozial- und Diplom-Pädagoginnen zur Herausforderung werden – wenn sie mit Kindern, die missbraucht wurden, nach Lösungen suchen, wenn sie mit Eltern am Tisch sitzen, die ihre Kinder schlagen. Nicht zu verurteilen, nicht uneingeschränkt abstoßend und eben doof finden, kann vor manchen Hintergründen auch Profis schwerfallen.

Im Laufe der 20 Jahre, in denen die Diplom-Psychologin Heidemarie Glaser sich dafür eingesetzt hat, dass Kinder ernst genommen werden, dass sie für sich einstehen, dass sie Wege aus tiefsten Krisen finden, hat sich viel geändert. „Damals waren Kinderrechte noch nicht so bekannt“, erzählt sie. 1997 war die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen gerade einmal sieben Jahre alt und Eltern wie Lehrer waren der Meinung, „die sollten erstmal ihre Pflichten lernen“, bevor der Fokus auf die Rechte der Kleinen gelegt wird, erzählt Heidemarie Glaser.

Einer „partnerschaftlich-demokratischen Phase“, in der die Kinder sich nicht wahrgenommen, sondern eher „totgequatscht“ gefühlt hätten, folgten weitere. Dass Klaps & Co immer noch dazu gehören durften, wurde erst im Jahr 2000 vom Gesetzgeber per Bundesgesetzbuch verboten. §1631 BGB Abs. 2 gehört zur Basis der Kinderschutz-Arbeit: Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung, „körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“. Hielte sich jeder daran, hätte es Heidemarie Glaser nicht gebraucht und bräuchte es auch ihre Nachfolgerinnen Monique Grupe, Jasmin Rohde und Nele Berge nicht.

Heidemarie Glaser (v.li.) mit ihren Nachfolgerinnen Monique Grupe, Nele Berge und Jasmin Rohde. Fotos: bha
  • Heidemarie Glaser (v.li.) mit ihren Nachfolgerinnen Monique Grupe, Nele Berge und Jasmin Rohde. Fotos: bha

„Die meisten Geschichten gehen erstmal über Elterngespräche“, sagt Heidemarie Glaser über die Eskalationsstufen, bevor das Jugendamt eingeschaltet wird. Manchmal kämen Kinder alleine, manchmal seien es Eltern, die Hilfe suchen, weil sie Probleme mit ihren Kindern haben. Viele Fälle seien ihr in Erinnerung geblieben, sagt Heidemarie Glaser. Um den Schlaf gebracht habe sie aber keiner. „Eher ist es so, dass sie dann morgens unter der Dusche gleich wieder da sind.“

An einen Fall erinnert sie sich spontan: Ein 18-jähriges Mädchen, das sexuell missbraucht worden war und das entgegen jeder Erwartung sehr leistungsstark am Gymnasium war. Das passte laut Heidemarie Glaser überhaupt nicht zur gelernten Theorie, nach der Leistungsabfälle „normal“ gewesen wäre. So hat sie Fall für Fall die Theorie durch Erfahrungswerte aus der Praxis ersetzt – und der Wunsch, die Welt zu retten wich einem positiven Realismus. „Man merkt, dass das nicht geht. Und es ist auch nicht notwendig.“ Helfen können sie auch ohne utopische Ziele.

Zu tun haben sie immer – zwischen 145 und 180 Fällen sind es im Schnitt pro Jahr. Hinzukommen etwa 20 bis 30 sogenannter Risikoeinschätzungen bei Kindeswohlgefährdung, „mit stark steigender Tendenz in diesem Jahr“, sagt Heidemarie Glaser. „Es wird wieder mehr geschlagen“, bringt Monique Grupe es auf den Punkt. Ihr und ihren beiden Kolleginnen wird Heidi Glaser, auf Wunsch, noch immer mit Rat zur Seite stehen. Und wenn sie nicht mehr täglich da ist, wird viel von ihrer Haltung weitergetragen: „Gelassenheit“, sagt Nele Berge beispielsweise, „einfach machen“ und „sich treu bleiben“, sagt Monique Grupe und darauf vertrauen, dass „es, so wie ich‘s mache, gut ist“ – das nehmen die Nachfolgerinnen von Heidemarie Glaser mit. Und vor allem jenen Grundsatz, abgewandelt, der Eltern in Kursen des Kinderschutzbundes vermittelt wird – egal, wie viel Ärger, wie viel Verzweiflung, wie viel Unverständnis herrschen mag: „Achte auf die positiven Seiten deines Kindes.“

Information

Die Gewaltberatungsstelle…

… wurde 1997 gegründet. Insgesamt 60 Wochenstunden stehen den Mitarbeiterinnen zur Verfügung. Seit Januar 2008 stehen die drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen der Gewaltberatungsstelle als Kinderschutzfachkräfte nach Paragraf 8a SGB VIII (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung) für die freien Träger im Landkreis Hameln-Pyrmont zur Verfügung. Die Kosten für die 20 Wochenstunden in Höhe von 24 800 Euro übernimmt der Landkreis. 40 weitere Wochenstunden werden sowohl vom Landkreis als auch vom Land Niedersachsen finanziert. Ein wesentlicher Schritt in diesem Zusammenhang waren Schulungen aller Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten im gesamten Landkreis, zu denen sich die Kitaträger entschlossen hatten. Sie wurden dahingehend ausgebildet, dass sie wissen, an wen sie sich wenden können, wenn ein Kind gefährdet scheint. Seit 2012 können sich auch Lehrer entsprechend schulen lassen, um Kindeswohlgefährdung erkennen und hilfreiche Schritte einleiten zu können.

Kontakt: Die Gewaltberatungsstelle kann kostenfrei und anonym in Anspruch genommen werden: Telefon montags bis freitags 05151/942571 von 9 bis 12 Uhr; dienstags und donnerstags von 14.30 bis 17.30 Uhr. Wer eine Nachricht hinterlässt, wird zurückgerufen. Auch per Mail sind die Mitarbeiter zu erreichen: und persönlich an der Fischbecker Straße 50.

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