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Auf dem Weg zur saubereren Luft

Nur noch zwei Autospuren für Hamelns Deisterstraße?

HAMELN. Auf der Deisterstraße nur noch zwei statt drei Spuren für Autos, dafür breite Fuß- und Radwege? Wenn im Laufe des Jahres der Masterplan für einen umweltfreundlicheren Verkehr in Hameln ausgearbeitet ist, dann könnte dies eine der Empfehlungen der Verkehrsexperten sein.

veröffentlicht am 15.01.2018 um 15:44 Uhr

Die Deisterstraße ist seit vielen Jahrzehnten für ihren dichten Autoverkehr berüchtigt, lange ist auch bekannt, dass die Schadstoffbelastung in der Häuserschlucht zu hoch ist. Ob es möglich wäre, durch eine Neuaufteilung des Verkehrsraumes mit Wegfal
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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In der Bevölkerung dürfte es ungläubiges Kopfschütteln bis hin zu Protestrufen auslösen. Schließlich wurde kürzlich schon der Vorschlag der Verwaltung, auf der Deisterstraße Tempo 30 auszuprobieren, um den Verkehr zu verflüssigen, heftig diskutiert und am Ende vom Stadtrat einkassiert. Der Handlungsdruck durch die zu hohe Schadstoffbelastung ist geblieben, es droht sogar eine gerichtlich angeordnete Sperrung der Deisterstraße zumindest für ältere Dieselfahrzeuge. Deshalb sind die heimischen Verkehrsplaner jetzt bereit, unkonventionell zu denken, vom reflexartigen „Geht nicht!“ abzurücken.

Die Stadt ist rechtlich, aus Fürsorge für ihre Bewohner sicherlich auch moralisch, verpflichtet, die Schadstoffbelastung auf das erlaubte Maß herabzudrücken. Mit 190 000 Euro von Bund und Autoindustrie lässt Hameln – wie bundesweit 60 von Stickoxid und anderen Luftschadstoffen besonders stark belastete Orte – einen individuellen „Green-City-Plan“ erstellen. „Dieser Masterplan soll in förderfähige Maßnahmen münden“, erklärt Hamelns zuständiger Fachbereichsleiter Ralf Wilde. Seine Hoffnung: mit Geld aus dem Fonds für nachhaltige Mobilität, zu dessen Mitfinanzierung der Bund die Autoindustrie quasi gezwungen hat, unter anderem den Ausbau der Radrouten erheblich beschleunigen. Denn auf mehr Fahrradverkehr setzt die Stadt in ihrem Klimaschutzkonzept seit vielen Jahren – die Umsetzung jedoch geschieht nur in kleinen Schritten. Auch wenn die inzwischen am Bahnhof und in der Altstadt massenhaft abgestellten Fahrräder zeigen, dass bereits viele Bewohner diese Art der Fortbewegung für bestimmte Wege bevorzugen, gibt es nach Einschätzung aus dem Rathaus beim möglichen Radverkehrsanteil noch viel Luft nach oben. Wenn mehr Hamelner in die Pedale träten – bei Bedarf unterstützt durch Elektrokraft –, dann entfielen viele Autofahrten. Das schüfe Freiräume, den Verkehrsraum neu aufzuteilen. Umstritten ist es in Hameln, ob – ähnlich wie bei der Frage von Henne und Ei – erst die Radfahrer da sein müssen oder erst die fahrradgerechten Strecken.

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Sauberere Luft – lebenswertere Stadt

Ein Urteil unter anderem des Verwaltungsgerichts Stuttgart hat Deutschlands Verkehrsplaner alarmiert: Damit die Luft besser wird, können Gerichte Autofahrverbote erzwingen. Am 22. Februar stehen dazu Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts an. Besonders die Stickoxide und der Feinstaub älterer Dieselfahrzeuge stehen im Fokus. Hameln gehört zu den Orten, in denen ein hoher Handlungsbedarf gesehen wird.

Um Fahrverbote abzuwenden, aber auch auf dem Weg zur lebenswerteren und menschenwürdigeren Stadt, wollen die Kommunen allerlei Projekte voranbringen, etwa den Ausbau des Radwegenetzes, die Förderung des Elektroverkehrs und Verbesserungen bei den Linienbussen. Dafür werden vom Bund und zum Viertel von den Autobauer eine Milliarde Euro in einen Fördertopf gegeben. Hamburg etwa kündigt an, den Autoverkehr in der Innenstadt verringern zu wollen – durch den Ausbau von Radfahren und Carsharing. In Potsdam wurde versuchsweise eine Straße von vier auf zwei Spuren verengt.mafi

Manche andere Kommune ist da schon weiter. In Kopenhagen wurden in der verstopften Innenstadt gegen die Skepsis der Bewohner und den Widerstand des Einzelhandels Autospuren zu Fahrradtrassen umgewidmet. Seitdem hat sich das Verkehrsklima in der Stadt radikal geändert, jeder zweite Weg wird nun mit dem Fahrrad zurückgelegt, und das nicht etwa widerwillig und nicht nur dort, wo es für Autofahrer enger geworden ist. Die Mehrheit der Kopenhagener ist inzwischen laut Umfragen begeistert von den Neuerungen. Berlin und Hamburg nehmen sich die Maßnahmen von Kommunen mit zukunftsweisenden Konzepten zum Vorbild.

Wenn es um Verbesserungen für die Deisterstraße ging, hatten die Verantwortlichen in Hameln bislang immer auf die Südumgehung verwiesen. Erst sie schaffe die Spielräume, um auf Hamelns schmaler Hauptachse etwas ändern zu können. Doch der Bau der Umgehungsstraße steht nach wie vor in den Sternen. Kann das Pferd also von hinten aufgezäumt werden? Straßenplaner Wilde würde es gerne einmal testen. Er kann sich ein Pilotprojekt mit einer zunächst provisorischen Fahrstreifenreduzierung zugunsten des Radverkehrs vorstellen, wie er im Gespräch mit der Dewezet sagt. In der Deisterstraße als Bundesstraße 1 benötigt die Stadt die Unterstützung der Landesstraßenbaubehörde, die hier für den Bund tätig ist. Markus Brockmann, Leiter des Hamelner Geschäftsbereiches, ist durchaus nicht abgeneigt: „Wir sind für alles offen“, sagt er, „man sollte ein Konzept erarbeiten und die Ideen durchspielen.“

Auf der Deisterstraße steht stadtauswärts ohnehin nur eine Spur zur Verfügung – und darauf wird der Verkehr häufig durch Ein- und Ausparker zusätzlich ausgebremst. Diese behindern und gefährden zudem die Fußgänger. Ein zentraler Parkplatz könnte eine Lösung sein. Das Radfahren ist in beiden Richtungen wegen der engen Fahrbahn gefährlich. Würde auf eine der beiden stadteinwärts führenden Autospuren verzichtet, müsste es wahrscheinlich noch begleitende Maßnahmen geben, damit es wirklich für alle Menschen dort rund läuft. So ließe sich die Fahrtrichtung in der Falkestraße umdrehen, vielleicht sollte sie sogar ganz von der Deisterstraße abgehängt werden, was dem Verkehrsfluss auf der B 1 dienen würde, nebenbei auch der Scharnhorststraße als Fahrradstraße.

„In Hameln gibt es einen hohen Anteil Binnenverkehr“, sagt Brockmann. Werden sich die Anteile am Auto-, Rad- und Busfahren deutlich verschieben? Der Experte weiß nur: „Es tut sich viel beim Verkehr der Zukunft.“

Mein Standpunkt
Marc Fisser
Von Marc Fisser

Deutschland wurde autogerecht umgebaut – das Menschliche blieb dabei vielerorts auf der Strecke. Das Umdenken hat jedoch begonnen. 30 km/h und Schritttempo im Wohngebiet waren ein Anfang. Eine ganzheitliche Verkehrsplanung muss auch Haupttrassen darauf abklopfen, ob sie noch zeitgemäß gestaltet sind. Zum Wohle aller!

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