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Islamische Hochzeit mit 700 Gästen / Goldschmuck und Geldgeschenke für das Brautpaar

Nur ein Planer kann dieses Chaos ordnen

Hameln. Man hört sie schon lange, bevor man sie sieht: die Hochzeitsgesellschaft von Mohamad und Hüsna Mohamad. Laut hupend biegt der Auto-Konvoi in die Dorfstraße in Bodenwerder ein, und im Nu ist die Straße chaotisch zugeparkt und voller Menschen. Mohamad ist gekommen, um seine Braut aus dem Haus ihrer Eltern abzuholen. Hüsna hat heute Nacht zum letzten Mal hier geschlafen und wird ab jetzt bei ihrem Ehemann wohnen.

veröffentlicht am 25.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 03:21 Uhr

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Autor:

Inken Phlippi
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Der 22-jährige syrische Araber mit deutschem Pass und die 20-jährige Deutsch-Türkin werden heute das Hochzeitsfest nach muslimischem Brauch feiern. Nur die engsten Freunde und die Familie sind zur Brautabholung mitgekommen. Es ist schwer zu schätzen, weil alle ständig in Bewegung sind, aber es sind wohl ungefähr 50 Menschen, die Mohamad begleiten. Der Araber ist die Ruhe selbst, immerhin hat ein Hochzeitsplaner die Organisation des Festes übernommen, ein Teil des üblichen Stresses fällt damit schon mal weg. „Das ist auch besser so“, findet Mohamad, denn die Feier ist für zirka 700 Menschen ausgelegt, da ist die Belastbarkeitsgrenze, was die Organisation angeht, schnell erreicht.

Dann kommen die Musiker. Ein Trommler und ein Flötenspieler begleiten Mohamad und andere Männer auf dem Weg zu Hüsnas Haustür. Ihr jüngerer Bruder versperrt den Weg, und Mohamad muss ihm ein Brautgeld zahlen. Das ist üblich, Schätzungen am Rande der Szene gehen von „um die 300 Euro“ aus, genau weiß es niemand – es haben bei solchen Anlässen auch schon mehrere tausend Euro den Besitzer gewechselt. Dann endlich tritt Mohamad mit seiner Braut vor die Tür. Hüsna ist in ein schneeweißes Brautkleid gehüllt. Über dem Kopf trägt sie einen roten Schleier mit silbernen Sternen und Halbmonden. Der muslimische Brauch will es, dass die Braut von ihrem Vater eine rote Schärpe umgelegt bekommt, rot wie der Schleier, zum Zeichen ihrer Reinheit und Ehre, denn die muslimischen Mädchen sollen als Jungfrau in die Ehe gehen. Auf Hüsnas Schärpe sind ihr Vorname und ihr neuer Nachname mit weißen Perlen eingestickt. Sie ist eine Erscheinung voller Eleganz. Ihr Gesicht lässt sich unter dem Schleier nur erahnen, vermutlich ist sie sehr schön.

Die Anwesenden beten vor der Tür zusammen für das Paar, dann führt Mohamad seine Braut den Weg zur Straße hinunter, und es kommt wieder Stimmung auf. Braut und Bräutigam tanzen zu arabischen Klängen, streng nach Geschlechtern getrennt, zusammen mit Geschwistern und Freunden, die älteren Hochzeitsgäste halten sich zurück und betrachten die jungen Leute wohlwollend. Alle haben Spaß, dann ist plötzlich zu Ende getanzt, und alle gehen zu ihren Autos zurück, um zu den weiteren Feierlichkeiten aufzubrechen. Erstaunlich schnell ist das Parkchaos aufgelöst, und die Gäste fahren, natürlich im Konvoi, nach Hessisch Oldendorf. Dort hat die Familie die Stadthalle gemietet, privat sind mehrere hundert Leute einfach nicht mehr unterzubringen.

Mohamad und Hüsna tanzen am Haus ihrer Eltern mit Freunden und G
  • Mohamad und Hüsna tanzen am Haus ihrer Eltern mit Freunden und Geschwistern
Leben jetzt als Eheleute in Hameln: Hüsna und Mohamad. Fotos: ph
  • Leben jetzt als Eheleute in Hameln: Hüsna und Mohamad. Fotos: phi

Samer Mohamad lehnt sich im Vorraum der Halle an die Theke. Er schwitzt und sieht ein bisschen müde aus. Samer ist der älteste Bruder von Mohamad, und auf ihm lastet heute ein Großteil der gesellschaftlichen Verpflichtungen sowie die Absprachen mit dem „wedding-planner“. Im Vorraum sitzen viele ältere Männer, trinken Tee aus Pappbechern und unterhalten sich. Immerhin ist das Essen schon geschafft. Es gab Hühnchen, Brot und sauer eingelegtes Gemüse, portioniert auf Tellern, für jeden Gast einen, zügig serviert von schnellen Kellnern mit Rollwagen. Zwar lag Besteck bereit, trotzdem aß eine Vielzahl der Gäste mit den Händen, „weil’s dann einfach besser schmeckt“.

Damit ist der Programmpunkt „Festmahl“ durch. „Jetzt wird es etwas ruhiger“, meint Samer und findet Zeit für ein paar Erklärungen. Nein, Alkohol gäbe es heute Abend nicht, das sei nicht gern gesehen, komme aber auf anderen muslimischen Hochzeiten durchaus auch mal vor. Stattdessen findet sich auf den in langen Reihen stehenden Tischen Fanta, Cola und Wasser in Flaschen, bei den Getränken ist Selbstbedienung angesagt. Mohamad kommt dazu und verweist auf die Sitzordnung: „Eigentlich hatten wir vorgesehen, dass Männer und Frauen getrennt sitzen, das ist üblich, denn nach unserem Glauben sollen die Männer die Frauen nicht tanzen sehen.“ Das ließ sich aber so einfach nicht realisieren, die dafür vorgesehenen Trennwände wurden zweckentfremdet: Der Caterer wickelt dahinter die Verpflegung ab. Manche Gäste, sehr konservative Familien, sind deswegen wieder gegangen, nicht überall kommt gemischt-geschlechtliches Feiern gut an. Mohamad und sein Bruder bedauern das zutiefst, aber bei 700 Gästen ist es eben auch nicht einfach, es jedem recht zu machen.

Mit dem Fest heute Abend wird die Heirat vorüber sein. Standesamtlich haben die Brautleute bereits geheiratet, und auch religiös ist die Ehe schon abgesegnet. Vor dem Imam Nikah haben die beiden sich unter zwei Zeugen das Ja-Wort gegeben. „Diese beiden Zeugen sind nicht nur für unsere Zeit auf Erden, sondern auch für das Jenseits von Bedeutung“, erklärt Samer. In Zukunft haben sie die Aufgabe, Streit zwischen den Eheleuten zu schlichten, denn Scheidung ist im Islam die allerletzte Lösung. Heirat hingegen ist Pflicht. Nach dem Tod werden die beiden Vertrauten im Paradies die Ehe von Mohamad und Hüsna vor ihrem Herrn bezeugen.

Dann noch schnell ein Foto, alles im Laufschritt, der Fotograf will die Sache hinter sich bringen. Mohamad hat sich zu seiner frisch angetrauten Gattin an den in Weiß mit Kerzen dekorierten Brauttisch gesetzt. Er strahlt und ist voller Stolz, auf das Fest, auf seine Familie und nicht zuletzt auf seine bildschöne Braut. Hüsna, inzwischen ohne Schleier, sitzt aufrecht, aber ganz still hinter dem großen Tisch und wirkt seltsam zerbrechlich. Sie ist schüchtern, spricht kaum und verlässt ihren Platz nicht oft. Um sie herum im Saal ist der Trubel dafür umso größer. Erstaunlich viele Kinder laufen durch den Gebäudekomplex und wirken überhaupt nicht verloren, trotz der vielen Menschen. Später wird getanzt, vielfach zu arabischer Popmusik. Die Gäste haben Geschenke mitgebracht, meist in Form von Geld, das sie Mohamad an seinen weißen Hochzeitsanzug heften, oder aber als Goldschmuck für Hüsna. Voraussichtlich werden die beiden auch eine Reise geschenkt bekommen, aber wohin und von wem, das verrät niemand. Vermutungen gehen in Richtung Ägypten oder Tunesien, last-minute, versteht sich.

Morgen ist das Ganze dann vorbei. Mit dem Ende des Festes wird Hüsna bei ihrem Ehemann einziehen und von da an in Hameln wohnen. Sie wird sich bemühen, eine gute Hausfrau zu sein, denn das ist im Islam eine Eigenschaft, die ihr als Frau Respekt einbringen wird. Ihr Mann hat ein Frisörgeschäft in Hameln eröffnet und wird für sich und seine Ehefrau sorgen können – einem künftigen Familienglück steht also nichts mehr im Weg. Und dann kann sich der große Bruder Samer doch eine letzte Bemerkung nicht verkneifen: „Unser geliebter Prophet sagt: Der von Euch ist der beste Moslem, der seine Frau am besten behandelt.“ Hüsna kann sich glücklich schätzen.

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