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Mountainbiker Matthias Beck gibt Gas

„Nur ein bisschen verrückt geht bei mir nicht“

Hameln. Mit jeder Kurbelumdrehung schraubt sich eine Einheit aus Mann und Mechanik nahezu lautlos die steile Anhöhe hinauf. Sonnenstrahlen scheinen durchs Geäst und lassen die Totenkopfohrringe unter dem Radhelm aufblitzen. Kein Ächzen, kein Schnaufen. Plötzlich, hinter einer großen Eiche, führt der Weg einen steilen Abhang hinunter. Rasant geht es über Felsstufen und dicke Wurzelknoten, doch das schwarze „Gespann“ gleitet förmlich durch die Baumschneise, um dann, in unmerklich vermindertem Tempo, den nächsten Hügel zu bezwingen.

veröffentlicht am 03.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 03:41 Uhr

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Autor:

Biggi Neugebauer
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Ein Gefühl von Freiheit wie auf dem Motorrad

Wer Becki, alias Matthias Beck, ehrfürchtig auch „Mountain Beck“ genannt, auf einer Tour durch die Hügel und Wälder des Weserberglandes begleiten will, sollte schon über eine besondere Kondition verfügen. Der leidenschaftliche Mountainbiker verbringt „in guten Zeiten“ fast täglich mehrere Stunden auf dem Rad. Mit einem Schnitt von 25 bis 30 Stundenkilometern pedalliert er allein oder mit seinen Kumpels Marco Elsner, Thomas Komorek, Günter Siever und Martin Prigann über die Hamelner Hausberge und die Hügelketten von Süntel und Deister. Am Wochenende legt er auf einer Tour auch gerne mal an die 100 Kilometer und etliche Höhenmeter zurück. Bis zu 15 000 Kilometer im Jahr. „Nur ein bisschen verrückt geht bei mir nicht“, meint der gebürtige Haverbecker, der vor kurzem seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat.

Schon als Kind sei er gern und viel gefahren. Später begeisterte er sich für schnelle Maschinen und Oldtimer- sammelte Audi Coupés. „Drei Autos und ein Moped standen eigentlich immer bereit.“ Sogar zum Zigarettenholen um die Ecke. Vor zwanzig Jahren die Wende: „Ich war im Auto bei dichtem Stadtverkehr für eine kurze Besorgung eine Ewigkeit unterwegs und völlig entnervt. Am nächsten Tag hatte ich wieder ein Fahrrad.“

Nach anfänglichen Qualen verbesserte er seine Kondition und seine Ausrüstung, brachte sich alle mechanischen Kniffe selber bei und feiert seither nicht nur bei regionalen MTB-Rennen Erfolge. Der Fahrrad-Manie erlegen, arbeitet er seit 15 Jahren als Fahrrad-Mechaniker und -Verkäufer und ergänzt so seine eigentliche Passion: Streifzüge durch die Natur, gepaart mit sportlicher Herausforderung. „Draußen Rad zu fahren ist für mich lebenswichtig.“ Auf der Straße mit all den Autos sei es „viel zu nervig.“ Im Wald habe man noch ein Gefühl von Freiheit. „Wenn ich erzähle, Mountainbiken sei wie Motorradfahren, zeigen mir viele Leute ’nen Vogel.“

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  • Zweimal „Mountain“ Beck: Als ausgebrannter Sieger eines Rennens auf dem Klüt 1994 und als entspannter Bike-Verrückter 2009.
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Die Möglichkeiten der körperlichen und mentalen Extremerfahrungen sind so vielfältig wie die Launen der umgebenden Natur. Nicht ohne Grund ist eine Alpenüberquerung für viele Mountainbiker ein „Muss“. „Auf unserer Tour von Oberstdorf im Allgäu zum Gardasee hatten wir alles“, erinnert sich Becki. „Dauerregen und tiefen Schlamm, Schneefelder und Eis, aber auch brennende Hitze.“ Auf den üblichen Hüttentouren mit Minimalgepäck sind „ein Paar trockene Klamotten und die abendliche Pastaportion mit Weißbier schon der reinste Luxus““

Ob er sich da nicht manchmal frage, warum man sich so etwas antut? „Im Gegenteil, ich habe mich immer gefragt, warum ich das nicht viel öfter mache.“ Erlebnisreisen, wie Touren durch Irland oder zum Nordkap, „tagelang nur eine Handvoll Autos, Busse und Wohnmobile, nichts als Wind und Landschaft“, gehören zu Beckis persönlichen Höhepunkten. Wie seine Wettkampferlebnisse: „Irre, wenn man sich mit mehreren 1000 Startern über 116 km und 3150 Höhenmeter quält“, wie 2005 beim größten Marathon des südlichen Europas, dem Black Forest Ultra. Beim „Großglockner-Straßenrennen“ habe er mit dem MTB bergauf sogar manchen Rennradfahrer dank seiner Übersetzung „versägt“.

MTB-Rennen mit Hollandrad oder Tandem

Breit grinsend erzählt er von seinen Eskapaden bei Wettkämpfen in Bad Pyrmont, wo er vor zehn Jahren mit Martin Prigann auf dem Tandem über die Piste heizte. Oder beim MTB-Cup 2002 den Beweis antrat, dass die Rennstrecke „selbst mit einem Hollandrad zu fahren“ sei: Becki nahm ein 08/15-Rad und ersetzte die fehlende Vorderrad-Federung kurzerhand, indem er eine „Vogelfeder an die Gabel klemmte, denn ohne Feder-Gabel geht gar nichts.“ Tatsächlich konnte sich der Vorjahressieger solange an der Spitze halten, bis die Reifen durchschlugen. Schiebend – „aber längst nicht als Letzter“ – kam er ins Ziel.

Auch wenn der drahtige Mann insgesamt ein bisschen verwegen erscheint, ist er nicht leichtsinnig. Denn obwohl „Mountain Beck“ die Geschwindigkeit liebt und Hindernisse nicht scheut, kennt er seine Grenzen und vermeidet halsbrecherische Aktionen – ein Umstand, der ihn vermutlich bislang vor schwereren Stürzen und Verletzungen bewahrt habe. „Außerdem wird man ja ruhiger“, meint er.

So habe er denn auch mit einem frisch sanierten Häuschen am Hamelner Klüthang (Süntel-Blick inklusive) den perfekten Ruhepol für sich und Freundin Michaela geschaffen. Hier, wo schon im Flur das erste Bike an der Decke baumelt und selbstgeschweißte Kerzenständer aus Zahnkränzen und MTB-Gabeln das Wohnzimmer zieren, hat er im Keller eine eigene kleine Werkstatt für seine 35 Räder eingerichtet. Oldtimer stehen dort neben vollgefederten „Berg-Ziegen“.

Sein bislang unerfüllter Traum von einer Nordafrikatour – Atlasgebirge und Sahara – quält „Mountain Beck“ offenbar wenig: „Das Weserbergland hat so viel zu bieten.“ Und schließlich beginne das perfekte MTB-Revier direkt vor seiner Haustür.

Mehr zum Thema Fahrrad auf den Seiten 67 und 68

„Das Weserbergland hat so viel zu bieten“: Matthias Beck in seinem „Hauswald“ auf dem Klüt. Fotos: bn

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