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Wie Architekten Hamelns alte und neue Baustile sehen – und wann es sich lohnt, sie zu kombinieren

Nostalgie nicht um jeden Preis

veröffentlicht am 02.06.2016 um 18:00 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:29 Uhr

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Andrea-Tiedemann-Redakteurin-Lokales-Dewezet

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Andrea Tiedemann Reporterin zur Autorenseite

HAMELN. Was ist schön, was ist hässlich? In der Debatte um den Abriss des Wienerwald-Gebäudes wurde immer wieder der Wunsch laut, man möge doch die alte Architektur erhalten. Die schlichte sachliche Bauweise des neu konzipierten „Hauses der Wirtschaft“ schmeckte einigen so gar nicht. Norbert Kosel hat Erfahrung mit der Kombination von alten und neuen Baustilen – er hat den neuen Zwischentrakt am Schiller-Gymnasium zu verantworten.

Meist machten die aktuellen städtebaulichen und energetischen Anforderungen an ein Gebäude der Architektur ohnehin Vorgaben, so Kosel. „Ausbuchtungen wie beim Wienerwald sind mit den heutigen Erwartungen nicht kompatibel.“ Das, was viele so schön finden – kleine Erker zum Beispiel – entsprächen aus rationalen Gründen nicht der aktuellen Bauweise. Auch Jörg Nasarek weiß, dass die zeitgenössische Architektur es häufig schwerer hat als die alte. Dass die Objekte uns heute „wuchtig“ erscheinen, liege an der wirtschaftlichen Bauweise: mehrere Geschosse auf einer Fläche unterzubringen, ist einfach günstiger. Als Planer der Alten Feuerwache weiß er, dass neue Elemente in alte Gebäude integriert werden können – aber eben nicht in jedem Fall.

Er findet den Entwurf für das Haus der Wirtschaft an dieser Stelle vertretbar, auch wenn er modern sei, da das Haus nicht im Altstadtring stehe und daher auch nicht aus einem Ensemble alter Häuser herausfalle. Als Pendant zum Infocenter allerdings sieht er den Entwurf nicht. „Die haben gestalterisch nicht viel miteinander zu tun.“

Um die Gebäude, die manche als „gesichtslos und uniform“ empfinden, gefälliger zu gestalten, könne man in manchen Fällen mit Verblend-Mauerwerk arbeiten, gibt Kosel als Beispiel für einen Kompromiss. So geschehen bei der Stadtsparkasse – hier wurde mit Natursteinen in der Fassade gearbeitet. „Es muss nicht immer Glas sein“, meint Kosel. Beim Wienerwald allerdings hält er die Möglichkeit, einen Teil – zum Beispiel das Rondell - in einen Neubau zu integrieren, für unrealistisch. „Jede Epoche hat ihre Berechtigung.“ Doch die Baukonstruktion des Wienerwalds sei abgängig. Das Gebäude sei in der Nachkriegszeit eben nur für eine temporäre Nutzung erstellt worden. Auch wenn viele Hamelner schöne Kindheitserinnerungen mit dem Gebäude verknüpfen: Was uns heute so nostalgisch erscheint, war damals nicht für eine längere Nutzung geplant. „Er wurde auch vielfach umgebaut, befinde sich also gar nicht mehr im ursprünglichen Zustand“, ergänzt Nasarek. Theoretisch könne man natürlich ein Gebäude im alten Baustil neu errichten – die Frage sei aber, wer so etwas errichten sollte und wollte. Bei den Radio-Aktiv-Pavillons sehe es übrigens anders aus, so Kosel. Diese seien ebenfalls ein Beispiel für die Epoche, allerdings nachhaltig gebaut, „mit Stahl und Glas massiv errichtet“. Dass Bürger an dem gewohnten Wienerwald-Blick hängen, könne er zwar verstehen, allerdings gibt er auch zu bedenken, dass auch die „zeitgenössische Sicht“ auf Architektur wichtig sei.

Darüber, wann es sich lohnt, auch eine billige Leichtbauweise zu erhalten, gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Manchmal finden sich Menschen, die für solche Gebäude in die Bresche springen – und sich nicht scheuen, viel Geld in die Hand zu nehmen. Wie bei der sogenannten Kiefert-Wurstbude in Bremen. Sie stand bis vor wenigen Jahren vor dem Hauptbahnhof – fast 70 Jahre lang, und war eine regelrechte Institution. Nach längeren Streitigkeiten, ob sie anderswo aufgestellt werden sollte, kam die Bude erst mal auf den Bauhof, dann auf ein Gelände des Bremer Nahverkehrsunternehmens. Jetzt soll sie wieder zum Einsatz kommen: in einer neuen Markthalle am Domshof. Auch sie ist statisch äußerst schwierig zu handhaben, es bestand Einsturzgefahr. Termin: Heute um 18 Uhr gibt es eine Führung durch das Wienerwald-Gebäude. Treffpunkt ist am Eingang des Bürgergartens an der Deisterallee. Die Teilnahme ist kostenlos; um Spenden wird gebeten.



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