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Abends, nachts, am Wochenende: Ungewöhnliche Arbeitszeiten werden in Hameln zur Normalität

„Nine to five“ ist längst ein Auslaufmodell

Hameln (ww). „Working nine to five“, die tägliche Arbeit von 9 bis 17 Uhr also, besang wie selbstverständlich die US-amerikanische Country-Sängerin Dolly Parton im Jahr 1981. Drei Jahrzehnte später scheint der klassische Job mit regulären Arbeitszeiten endgültig ein Auslaufmodell zu sein, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte.

veröffentlicht am 24.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 17:21 Uhr

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Der Anteil derer, die werktags auch zwischen 18 und 23 Uhr noch ihrer Arbeit nachgingen, habe sich bundesweit in den vergangenen 15 Jahren auf 27 Prozent erhöht und damit fast verdoppelt. Knapp ein Viertel aller Beschäftigten (24,5 Prozent) arbeitete 2011 auch samstags, im Jahr 1996 waren es noch 18,8 Prozent. Der Anteil der Sonntagsarbeiter stieg im selben Zeitraum von 10 auf 14,5 Prozent. Und 9,6 Prozent der Deutschen arbeiteten sogar nachts.

Das alles sind Trends, die sich auch in Hameln beobachten lassen.

„Im gesamten Dienstleistungsbereich ist heute Credo, dass man rund um die Uhr im Dienst sein muss“, erklärt Sabine Prenzlow von der Gewerkschaft ver.di. Seit der Lockerung der Öffnungszeiten im Einzelhandel sei Einkaufen bis 22 oder gar 24 Uhr in vielen Supermärkten ganz normal, hinzu kommen verkaufsoffene Sonntage. Um den zusätzlichen Bedarf an Arbeitskräften aufzufangen, sei vielerorts fest angestelltes Personal abgebaut und durch 400-Euro-Kräfte ersetzt worden, führt die Gewerkschaftssekretärin aus. „Und auch einen Friseursalon, der montags Ruhetag hat, wie es früher die Regel war, findet man heute kaum noch“, sagt Prenzlow.

„Im Bereich der stationären Pflege- und Heilberufe war ,Ruhetag‘ ohnehin schon immer ein Fremdwort“, sagt Peter Höxter, Pressesprecher des Hamelner Sana-Klinikums. „In den 30 Jahren, in denen ich nun schon hier arbeite, hat sich an den Arbeitszeiten der Ärzte, Assistenzärzte und des Pflegepersonals kaum etwas geändert.“ Das Klinikum sei „schon immer ein 24-Stunden-Betrieb“ gewesen, der eben auch nachts, samstags und am Sonntag nicht ruht. Dieser Umstand weite sich seit einigen Jahren auch auf die im Klinikum ansässigen Praxen aus, unter ihnen die Physiotherapie-Praxis: Im ambulanten Bereich habe sich wenig geändert, „in der stationären Behandlung aber hat sich einiges getan“, sagt Klinikum-Praxisleiter Andre Biermann. Zwei Mitarbeiter betreuen derzeit samstags die noch kurz vor dem Wochenende operierten Patienten, und vor wenigen Jahren richtete die rehamed-Praxis im Klinikum auch einen Sonntagsdienst ein, der vor allem für Schlaganfallpatienten wichtig ist. „Um bleibenden Schäden wirksam vorzubeugen, müssen diese Patienten schnellstmöglich versorgt werden“, erklärt Biermann. Diese Wochenend-Dienste würden zurzeit immer mehr in Anspruch genommen und in den kommenden Jahren sicherlich noch weiter ausgebaut, vermutet der leitende Physiotherapeut.

Wirft man einen Blick auf die Öffnungszeiten der hausärztlichen Praxis von Dr. Ronald Lücke und Dr. Jana Meyer in der Hamelner Innenstadt, ist an Wochenend- und Nachtarbeit zunächst einmal nicht zu denken. „Wer aber glaubt, ich arbeite nur von 9 bis 11 und von 16 bis 18 Uhr, der irrt gewaltig“, erklärt Lücke. Der Beruf des Hausarztes spiele sich schon immer auch außerhalb der klassischen Arbeitszeiten ab, auch wenn dies von der Praxisgröße abhänge, sagt der Allgemeinmediziner: „Schon vor Beginn meiner Sprechstunde führe ich Vorsorgeuntersuchungen durch, wenn die letzten Vormittagspatienten gegen 14.30 Uhr die Praxis verlassen, kommen die Hausbesuche, und in der Regel verlagert sich der Praxisschluss auch eher auf 19.30 als auf 18 Uhr.“ Danach sitze Lücke manchmal noch bis 23 oder 24 Uhr an Verwaltungstätigkeiten. „Wenn man nicht gerade mit dem Notdienst an der Reihe ist, sind die Wochenenden dafür aber frei“, merkt der Hamelner Mediziner an. Aus den verlängerten Arbeitszeiten anderer Berufszweige ergeben sich für Hausärzte keine zwangsläufig längeren Sprechzeiten. Lücke: „In den meisten Fällen hat ein Arztbesuch ohnehin mit Krankheit und Arbeitsunfähigkeit zu tun.“

Stark branchenabhängig sind die Arbeitszeiten im Baugewerbe: Während Nachtbaustellen im Hochbau unüblich sind und nur in Ausnahmefällen, bei Bauarbeiten an Krankenhäusern etwa, eingerichtet werden, sind Arbeiten zwischen 24 und 6 Uhr im Tiefbau selbstverständlich. „Diese Belastung ist aber nicht neu“, sagt ein heimischer Bauunternehmer, „auch wenn Nachtbaustellen auf Autobahnen inzwischen öfter anfallen als früher.“ Wochenendarbeit sei in der Baubranche aber noch immer eine Ausnahme: „Gerade, wenn Bauaufträge von öffentlicher Hand erteilt werden, wird versucht, kostspielige Samstags- und Sonntagsarbeit zu umgehen.“

Diese Chance hat eine Branche nicht: Damit die Tageszeitung pünklich jeden Morgen im Briefkasten liegt, wird in Zeitungshäusern praktisch rund um die Uhr gearbeitet – und auch am Wochenende.

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