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Seit dreieinhalb Jahren in Hameln: Vier Flüchtlinge erzählen von anfänglichen Hürden und Freunden

Neustart in Deutschland: „Es war richtig schwierig“

HAMELN. Wie fühlt sich das an, in einem Land zu leben, das völlig anders aussieht als die Heimat, das anders riecht, anders tickt, deren Menschen man nicht versteht? An eine Schule zu gehen, an der man niemanden kennt? Am Viktoria-Luise-Gymnasium haben seit 2015 zwischen 50 und 60 Schülerinnen und Schüler Antworten auf diese Fragen gefunden, finden müssen. Omar, sein Bruder Mohammad, Ilias und Sardar sind vier von ihnen.

veröffentlicht am 09.11.2018 um 13:44 Uhr
aktualisiert am 12.11.2018 um 10:17 Uhr

Sie haben harte Jahre und einschneidende Erfahrungen hinter sich, fühlen sich aber am Vikilu inzwischen wohl: Omar und sein jüngerer Bruder Mohammad (beide vorne) aus dem Libanon, dahinter Sardar (li.) und Ilias aus Syrien. Foto: BHA
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Die Erinnerungen der vier Jungen an die erste Zeit am Vikilu ähneln einander. „Es war richtig schwierig“, erzählt Sardar (15). Dabei hatte er immerhin schon ein paar Häppchen dieser schwierigen Sprache Deutsch gelernt, weil er zuvor bereits acht Monate „in einer anderen Stadt war“. Für ihn herrschten erschwerte Bedingungen, weil es, als er ankam, noch keine Sprachlernklassen gab, sondern sein Platz gleich in der Regelklasse war. Omar (17) kam später dazu und durfte in die Sprachlernklasse, „aber ich wusste gar nicht, wo ich hinsollte“, erzählt er von seiner anfänglichen Orientierungslosigkeit in der Schule. Und Ilias (15) wollte einfach „schnell nach Hause.

Ich wollte nur, dass der Tag aufhört“. Omar und seine Lehrerin Anneli Schweer lachen heute über Omars Sturheit in den ersten Wochen: „Ich wollte eigentlich nur Englisch sprechen“, erzählt er. Schweer hat genau das zunächst auch getan, um sich überhaupt irgendwie mit ihm und anderen geflüchteten Kindern verständlich machen zu können. Aber irgendwann kam der Tag, an dem sie Englisch verweigert hat, erzählt sie lachend. Was für Omar und seinen Bruder Mohammad (14) Englisch war, war für Ilias Französisch – die Sprache, mit der sie sich auch in diesem völlig fremden Umfeld verständigen konnten. Hinzu kamen Hände und Füße und Bilder. Dreieinhalb Jahre später sprechen alle vier fließend Deutsch. Manchmal fehlt ein Wort, dann muss noch mal das englische „government“ herhalten oder ein anderer springt beim Wortfinden ein.

Statt Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Französisch soll es jetzt hauptsächlich Deutsch sein. Doch sobald sie unter sich sind, schwenken sie sofort auf Arabisch um, erzählen sie. „Gemischt, mit Englisch“, ergänzt Mohammad. Zu Hause sprechen sie ihre Muttersprache – „obwohl alle Eltern gut Deutsch können“, wie Schweer aus Telefonaten weiß. Für die Kinder werde es schwierig sein, irgendwann dann eine der vielen erlernten Sprachen richtig zu beherrschen. In der Muttersprache werden sie nicht weitergebildet, vor allem nicht schriftlich, und bis sie Deutsch auf einem hohen Niveau – C1 für ein Studium – erlernt haben, ist es noch ein weiter Weg. „Jetzt sind wir B2“, sagt Omar. Er findet die Fächer „mit Sprache“ immer noch schwierig – Naturwissenschaften fallen ihm leichter, auch, weil er sie bereits im Libanon auf Englisch gelernt habe. Da ähnelten sich dann einige Begriffe und sind vertrauter. Drei Jahre brauche es, um Deutsch auf dem Niveau von Umgangssprache zu erlernen, erklärt Anneli Schweer, und acht Jahre, um die Bildungssprache zu erreichen.

Schulleiter Dr. Michael Glaubitz und Anneli Schweer haben sich intensiv um die Flüchtlinge an ihrer Schule gekümmert. Foto: BHA
  • Schulleiter Dr. Michael Glaubitz und Anneli Schweer haben sich intensiv um die Flüchtlinge an ihrer Schule gekümmert. Foto: BHA

Ein Jahr lang wurden sie gemeinsam in der Sprachlernklasse unterrichtet; vor allem in Deutsch, aber auch in Erdkunde, Politik, Kunst und Musik. Vor allem Letzteres war für Omar ein großes Glück. „Zu Hause gab es keine Musik an der Schule“, erzählt er. Das, was ihm privat ein „alter Mann“ auf der klassischen Gitarre beibringen wollte, habe ihm nicht gefallen. „Hauptsächlich Arabisches“, sagt Omar. Inzwischen sind die E-Gitarre und „richtig heftige“ Musik sein musikalisches Zuhause geworden, und er ist Teil der Vikilu’schen Rockband. Wo das andere, das wirkliche Zuhause jetzt für sie ist – die Frage zu beantworten, braucht einen Moment Bedenkzeit.

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Wir schaffen das! Oder?

„Wir schaffen das!“ – das geflügelte Wort, für das Angela Merkel wahlweise respektiert oder gehasst wird – wie sehen die Lehrer das? Haben sie es geschafft, die Schüler und Schülerinnen gut aufzunehmen, zu integrieren? „Es war schon eine ziemliche Herausforderung“, sagt Dr. Michael Glaubitz. Das sei nur gegangen, weil sich „Lehrer wie Frau Schweer übers Maß hinaus“ dafür eingesetzt und weit mehr gegeben hätten, als man hätte erwarten können. Aber: „Wir können keine Wunder vollbringen.“ Einige Kinder seien deutlich traumatisiert gewesen, und es hätte an allen Schulen deutlich mehr Personal gebraucht, um es wirklich „gut“ hinzubekommen.

In den Sprachlernklassen (SEK) saßen über 20 Kinder im Alter von 11 bis 18 Jahren, mit Kenntnissen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Kinder, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben und als Analphabeten in Deutschland starteten, bis hin zu jenen, die Bildung genossen hatten und sich beispielsweise auf Englisch unterhalten konnten. Irgendwann hat das Vikilu auf „Team-Teaching“ gesetzt und die SLK zu zweit unterrichtet, „das ging dann gut“, sagt Anneli Schweer. Und Michael Glaubitz erinnert an die Anfangszeit, in der er es zum Beispiel „für Mathe null Material gab“, das habe er sich irgendwie zusammengesucht. Dass Anneli Schweer die Geschichten und Schicksale einiger Kinder nahe gingen und gehen, daraus macht sie keinen Hehl. Extra Unterstützung für die Lehrer in psychologischer Hinsicht gab es nie. „Wir haben uns dann untereinander ausgetauscht“, erzählt sie. Wird einem der Einsatz gedankt? Von der Schulleitung, ja, auf jeden Fall, aber „der größte Dank kommt von den Kindern“.bha

„Zu Hause ist jetzt hier“, sagt Omar schließlich. Sein Bruder Mohammad stimmt ihm zu. Wenngleich sie beide die Heimat manchmal vermissen, zum Beispiel nach einem Telefonat mit der Oma oder mit der Tante, die noch in Syrien leben. Sardar, der aus Syrien stammt, sagt ebenfalls, er sei jetzt „hier zu Hause“. Zumal der Krieg in Syrien heftig gewesen sei. „Ich habe mich dran gewöhnt“, an das Leben in Deutschland. Ilias fällt die Antwort schwerer. In Aleppo, Syrien, ist er aufgewachsen, lebte einige Monate in Marokko, danach in Spanien, jetzt in Deutschland. Wo sein Zuhause ist – „ich weiß es noch nicht“, sagt er. Auf ihm lastet ein riesiges Gewicht: Anders als die anderen drei Jungen, ist er mit seiner Mutter und seiner Schwester hier nur geduldet. „Die Polizei könnte jederzeit kommen und uns abholen“, sagt er. Omar, Mohammad und Sardar blicken zumindest auf eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung. Omar, der Älteste, könnte, wenn er es schafft, dann vielleicht schon sein Abitur in der Tasche haben. Zwei einhalb Jahre hat er noch vor sich.

Omar macht Musik, Ilias spielt beim FC Preussen 07 Fußball in der B-Jugend, Sardar „zockt“ in seiner Freizeit am liebsten am Computer, und Mohammad sagt von sich, er habe gerade keine Hobbys. Er habe auch mal angefangen, Fußball zu spielen, aber das sei jetzt nicht mehr so interessant. Anders als sein Bruder habe er nicht so viele deutsche Freunde, sondern eher welche aus anderen Ländern. Omar dagegen zählt drei Deutsche zu seinen besten Freunden, und Ilias hat „deutsche Freunde in der Mannschaft“. Außerhalb dieses Kreises findet er es eher schwierig, Anschluss zu finden. „Deutsche sind oft verschlossen“, findet er, so ganz anders als die Kinder und Jugendlichen in Aleppo. Alle außer Mohammad sind schon mit „Scheiß Ausländer“ oder „Scheiß Flüchtling“ beschimpft worden; sie versuchen, darüberzustehen. Und „zurück“ wollten sie auch schon mal – wenn das Heimweh nach Verwandten zu groß wird oder wenn wieder nur der Bescheid für die Duldung ankommt.

Kulturelle Unterschiede zwischen ihren Herkunftsländern und Deutschland können sie inzwischen mit Distanz betrachten, auch mit einer inneren. Während es beispielsweise für Sardars Großvater in Ordnung war, vier Frauen zu haben – „mein Vater hat 35 Geschwister“ – findet das keiner der vier normal, geschweige denn gut. Auch daran, dass hier die Hand gegeben wird zur Begrüßung, haben sie sich inzwischen gewöhnt. Schulleiter Dr. Michael Glaubitz erinnert sich, wie er, als Mann, damals eine Schülerin völlig brüskiert habe, weil er ihr die Hand schütteln wollte – undenkbar in muslimisch geprägten Ländern. „Da musste sie durch“, sagt er, das habe sie als Teil der hiesigen Kultur lernen müssen. Und dass Schüler hier nicht von Lehrern geschlagen werden, durften sie auch alle lernen. Wie normal das an den syrischen Schulen war, zeigt Omars Reaktion in einer Unterrichtsstunde von Anneli Schweer, in der es mal Ärger gab: „In Syrien hätte der Lehrer jetzt geschlagen“, habe Omar Schweer mal wohlmeinend zu verstehen gegeben. Die Lehrerin klärte auf: „Hier schlagen Lehrer nicht.“



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