weather-image
23°

Ministerium will mehr Praktika / Schulleiter Manzau: „Wo soll ich 300 Plätze herbekommen?“

Neue Verordnung verunsichert Berufsschule

veröffentlicht am 18.02.2009 um 16:15 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:37 Uhr

270_008_4063916_hm401_1902.jpg

Autor:

Saskia Döhner

Hameln. Florian Stein (20) ist heute mal Personalchef. In der Erwin Schein KG gibt es fast alles, was eine echte Firma ausmacht: eine Produktionsabteilung genauso wie die Bereiche Logistik, Vertrieb, Rechnungswesen und eben auch eine Personalabteilung. Die Berufsschüler der Handelslehranstalt Hameln sollen in der mit Telefonen und Computernetzwerk ausgestatteten „Scheinfirma“ unter möglichst authentischen Bedingungen lernen. Während in der Produktionsabteilung nur virtuelle Büromöbel hergestellt werden, sind die Lieferscheine und Rechnungen ganz real. Denn es geht um den kaufmännischen Teil des Geschäftslebens, der hier geübt werden soll.

Der Praxisbezug der Erwin Schein KG kommt bei den Jugendlichen in Hameln gut an. „Wir lernen richtig was“, sagt Florian, der später einmal Einzelhandelskaufmann werden will. Und er setzt nach: „Man bekommt eine Perspektive.“

Berufsschulverordnung

gilt ab 1. August

Eher schlechte Aussichten bietet die Anfang Februar beschlossene neue Berufsschulverordnung für den kaufmännischen Bereich, befürchten viele Lehrer an der Handelslehranstalt. Das komplizierte Regelwerk gilt vom 1. August 2009 an. Aber welche konkreten Auswirkungen es hat, wissen die wenigsten der Jugendlichen, die sich in diesen Wochen bei den Berufsschulen anmelden. Den Pädagogen macht zum einen Sorge, dass die kaufmännische Ausbildung deutlich spezieller werden soll. Dabei wüssten viele Schüler jetzt noch nicht genau, welchen Beruf sie später ausüben wollten, sagt Judith Heimann. Eine breiter angelegte Ausbildung eröffne ihnen später mehr Möglichkeiten.

Eine Umfrage unter den Beschäftigten der Erwin Schein KG gibt ihr recht. Bei den meisten Schülern ist der Berufswunsch noch ziemlich diffus. Andere haben bereits konkretere Vorstellungen: Eine 18-Jährige will später den Bauernhof ihrer Eltern übernehmen, ein 20-Jähriger möchte Sport- und Fitnesskaufmann werden, eine 17-Jährige sieht sich später bei einem Steuerberater arbeiten. Andere möchten weiter die Schulbank drücken, ihr Fachabitur machen, vielleicht sogar studieren. „Für Berufsorientierung sind die allgemeinbildenden Schulen da, nicht die Berufsschulen“, sagt Gerhard Lange, zuständiger Abteilungsleiter im niedersächsischen Kultusministerium.

Die Wirklichkeit sehe indes ganz anders aus, entgegnen die Lehrer an der Handelslehranstalt. Ein frommer Wunsch der Politik bleibe auch, dass die Betriebe künftig den Besuch der Berufsfachschule als erstes Ausbildungsjahr anerkennen werden und sich damit die Lehrzeit von drei auf zwei Jahre verkürzt. Das Ministerium gibt sich da deutlich zuversichtlicher.

Notenschnitt 3,0 – dann

fallen 75 Prozent durch

Die Hamelner Lehrer haben noch mehr an der neuen Berufsschulverordnung zu kritisieren. Zum Beispiel das vorgesehene Praktikum, das 160 Stunden umfassen soll. „Die Idee ist gut“, sagt Schulleiter Rainer Manzau. „Aber wo soll ich 300 Praktikumsplätze auf einmal herbekommen?“ Der Schulleiter hat alle rund 500 Ausbildungsbetriebe in seiner Region angeschrieben. Nur 22 Firmen sind bislang bereit, einen Schülerpraktikanten für vier Wochen zu übernehmen. Allein in der Region Hannover werden nach Berechnungen der SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt 4500 Praktikumsplätze nötig sein.

Ministerialrat Lange verweist darauf, dass man das Praktikum zur Not ja auch in der Schule absolvieren könne. Es handle sich ja um eine Kann-, nicht um eine Sollbestimmung in der neuen Verordnung. Lehrer Gerhard Frost, der seit Jahren gute Erfahrungen mit der Erwin Schein KG gesammelt hat, befürchtet, dass die Praktika zugunsten eines generell praxisbezogenen Unterrichts überflüssig werden könnten.

Ein anderes Problem ist die immer wieder geforderte Durchlässigkeit. Für Tausende Schüler werde es schwieriger werden, ihren Haupt- oder Realschulabschluss zu erreichen, meint Heiligenstadt. Am zweiten Jahr der Berufsfachschule darf ab August sowieso nur noch derjenige teilnehmen, der das erste Jahr mit einer Note von mindestens 3,0 abgeschlossen hat. „Damit würden 75 Prozent unserer Schüler durchs Raster fallen“, sagt Lehrerin Heimann. Dabei hatte Ministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) stets erklärt, dass keiner der rund 270000 Berufsschüler landesweit „verloren“ gehen dürfe.

Den Schülern macht die Arbeit in der Erwin Schein KG viel Spaß.

Foto: Heuer



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?