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Neonazi Jürgen Rieger hat das Objekt an seine Kinder vererbt / Kein Zugriff für die NPD

Neue Perspektive für Hamelns altes Kino

Hameln. Auf dem alten Kinogebäude an der Deisterallee weht die NPD-Flagge auf halbmast – und die Stadt hofft, dass das Tuch in den Nazi-Farben bald ganz eingeholt wird. Denn der plötzliche Tod des NPD-Vizevorsitzenden, Neonazi-Anwalts und Immobilienspekulanten Jürgen Rieger – der Hamburger ist im Alter von 63 Jahren einem Schlaganfall erlegen – könnte auch dem braunen Spuk in dem traditionsreichen Gebäudekomplex ein Ende setzen. Nach Informationen des NDR hat Rieger sein Vermögen komplett an seine Kinder vererbt und nicht etwa an die finanziell in der Klemme steckende Partei. Weil sich Riegers Familie vom Rechtsradikalismus distanziert, dürften jetzt alle angeblichen Pläne für ein Neonazi-Tagungszentrum oder ein Seniorendomizil für braune Kameraden vom Tisch sein. Fraglich ist zudem, wie lange die rechtsgerichteten Bewohner in dem Haus, die auch für den Flaggenappell auf dem Dach verantwortlich sind, von den neuen Eigentümern noch geduldet werden.

veröffentlicht am 05.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 02:21 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Im Rathaus zeigt sich Thomas Wahmes, der für Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann Stellung nimmt, erleichtert über die neue Entwicklung. „Das ist eine gute Nachricht.“ Jetzt gehe es darum, das markante und für Hameln überaus wertvolle Gebäude zu sanieren und es dauerhaft mit neuem Leben zu füllen. Schließlich handele es sich um das alte „Hotel Monopol“, in dessen Saal sich ab 1896 fast das gesamte städtische Kultur- und Gesellschaftsleben abgespielt habe (siehe Bericht unten). Der große Gründerzeitbau sei ein stadtbildprägendes Denkmal. „Es ist zwar auf dem ersten Blick in einem schlechten Zustand“, sagt Wahmes, „doch die Grundsubstanz ist gut.“ Die Stadtverwaltung kennt sich als zuständige Denkmalbehörde mit dem Gebäude aus. Als vor einigen Jahren Putz- und Stuckteile auf den Bürgersteig an der Lohstraße fielen, einen Passanten verletzten und Rieger auch danach seinen Sicherungspflichten nicht nachkam, beauftragte die Kommune Handwerker und stellte dem Eigentümer diese Ersatzvornahme in Rechnung. Von den Neonazis geplante „Konzerte und nationale Tagungen“ in dem Haus wurden stets unter Hinweis auf Sicherheitsmängel baupolizeilich verboten.

Rieger hatte das Gebäude vor zehn Jahren gekauft – wahrscheinlich als Spekulationsobjekt. Nicht nur in Hameln sorgte er mit solchen Geschäften und vollmundigen Ankündigungen für Verunsicherung, sondern in vielen Orten Norddeutschlands. Die Delmenhorster etwa sammelten kürzlich privat eine Millionensumme, um zum überteuerten Preis ein altes Hotel Rieger vor der Nase wegzuschnappen. Der Hamburger hatte medienwirksam verkündet, dort regelmäßig NPD-Tagungen abhalten zu wollen. Das Hamelner Objekt wurde zeitweise auf einer obskuren Internetseite für 2,2 Millionen Euro inseriert. Rieger verwaltete das Vermögen verstorbener Nazis; seine Firma „Wilhelm Tietjen Stiftung Ltd.“ erwarb Grundstücke als Anlageobjekte. Der Anwalt versorgte die NPD auch immer wieder mit Krediten.

Für Hameln stellt sich jetzt die Frage, was aus dem 113 Jahre alten Gebäude werden könnte. Ein Kino jedenfalls nicht mehr, wie Wahmes sagt. „Das lassen die Vorschriften heute nicht mehr zu – wegen des Brandschutzes und der fehlenden Parkplätze.“ Die Lage an der stark befahrenen Straße spricht laut Gabriele Güse, Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes in Hameln, gegen eine gastronomische Nutzung. Im Übrigen habe Hameln reichlich Fremdenbetten. „Ein zusätzliches Hotel ist nicht nötig“, meint Güse, deren Familie unter anderem das Hotel „Stadt Hameln“ im alten Gefängnis sowie das „Museumscafé“ betreibt und somit Erfahrung bei der Sanierung historischer Objekte hat. Im Rathaus will man nun erst einmal abwarten. Vielleicht melde ja ein Investor sein Interesse an.

Der Putz ist ab: die Fassade an der Lohstraße.  Fotos: Dana
  • Der Putz ist ab: die Fassade an der Lohstraße. Fotos: Dana

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